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Des Teufels Steg: Seite 99
»Sie sehen ja furchtbar aus, Herr ›elender‹ Weinvertreter!«, sagte Knöpfle, der ihn als Erster bemerkt hatte. Richard konnte seine Sticheleien nicht lassen. Wolfgang gab etwas Nichtartikulierbares von sich, was allem Anschein nach so viel wie »Knöpfle, Sie sollen sich zum Teufel scheren!« bedeutete, und ließ sich direkt neben dem Pfad auf den Boden fallen. Richard nahm seinen Rucksack wieder vom Rücken, öffnete ihn und gab dem durstigen Handelsreisenden die Wasserflasche, nachdem sich Wolfgangs Atem etwas beruhigt hatte. »Nicht dass Sie mir noch umfallen, mein Liebster!«, äußerte der Schriftsteller seine Befürchtung, die gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt lag, denn Breitscheid sah immer noch bunte Kreise vor seinen Augen. »Es geht schon besser«, sagte er, nachdem er ein paar Schluck Wasser aus der Flasche genommen hatte. »Danke, noch einmal.« Er reichte Richard die Flasche. »Behalten Sie sie. Sie haben es viel … Ach so, sie haben ja keinen Rucksack. Dann wird sie ja nur stören. Okay, geben Sie her.« »Von hier geht es aber nur nach unten«, machte Rüdiger Wolfgang Mut, »und es dauert vielleicht noch ’ne Viertelstunde, bis wir an der Schurre ankommen, höchstens zwanzig Minuten, schätze ich.« »Dann geht schon mal vor«, meinte Wolfgang. »Ich brauch noch ein bisschen.« »Okay, Breitscheid«, teilte der Legendensammler seinen Entschluss mit, »wir gehen dann schon mal nach unten und warten auf sie an dem Abzweig. Dann gehe ich nach oben und Sie wandern mit Ingrid und Rüdiger weiter – ich könnte mir nicht im Traum vorstellen, dass Sie mit mir die Roßtrappe erklimmen wollen!« »Nein, will ich nicht!«, gab Wolfgang unwirsch zurück, denn Knöpfle ging ihm im Moment etwas auf die Nerven mit seiner neckischen Art. »Ich würde lieber die Teufelsbrücke als Treffpunkt nehmen«, schlug Rüdiger vor. »An der Schurre könnte es eng werden, wenn wir dort rumstehen und jemand uns entgegenkommt oder überholt.« »Was für eine Brücke?«, fragte Wolfgang nach. Ingrid antwortete ihm: »Die Teufelsbrücke! Dort unten könnte man sie schon sehen, wenn die Baumkronen sie nicht verdecken würden. Sie werden sie nicht verfehlen.« Die drei fitten Wanderer gingen und Wolfgang blieb allein. Er brauchte wirklich noch wenigstens zehn Minuten, um sich genügend zu erholen, damit er wieder einen Fuß vor den anderen setzen konnte, ohne eine Bauchlandung auf dem steinigen Pfad zu riskieren. Er sah sich um. Es war kein richtiger Aussichtsplatz, auf dem er sich befand, zumindest kein Platz in dem Sinne, mit dem man das Wort füllte, wenn man eine größere freie Fläche meinte, es war nach wie vor derselbe Vorsprung, auf dem der Wanderpfad verlief, nur dass jetzt links ein Geländer den Fußweg von einem tiefen Abgrund trennte.
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Die Aussicht hingegen war genau das, was man sich darunter vorstellte, wenn man mühsam auf eine Anhöhe kletterte, um einen Panoramablick auf die Gegend und auf das sagenhaft schöne Tal, das sich unten erstreckte, zu bekommen. Der Anblick begeisterte den gebeutelten Handelsvertreter durch seine Schönheit dermaßen, dass sogar seine Erschöpfung mitsamt den trüben Gedanken zurückwichen und Platz für Hoffnung und Optimismus machten. Wolfgang spürte förmlich einen Schwung kraftspendender Energie nach dem anderen durch seine Glieder fahren, während er am Geländer stand und die Natur bewunderte. Leichter Wind spielte mit seinem schon ziemlich lichten Haar und er sah träumerisch in die weite Ferne, auf irgendeinen unsichtbaren Punkt am Horizont, und einen Augenblick lang kam es ihm vor, dass er sein Leben wieder voll im Griff hatte und seine Familie auf ihn zu Hause wartete, während Anna Hildegard unentwegt mit der Frage »Wann kommt der Papa?« nervte. Dann fiel ihm plötzlich Martha ein, die in seiner Vision traurig am Küchentisch saß und dem Anschein nach ebenfalls auf ihn wartete, während sie ihren Blick des Öfteren auf seinen Abschiedsbrief warf, den er ihr geschrieben hatte … Schleunigst verwarf er an dieser Stelle die aufdringlichen Gedanken und schüttelte heftig mit dem Kopf, um ihn freizubekommen, er wusste nur zu gut, wohin ihn diese Wahnvorstellungen führen konnten. Er war jetzt wieder fit, es konnte weitergehen, mehr war im Augenblick nicht erforderlich. Rüdiger kannte sich offenbar wirklich gut in diesem Tal aus, musste Wolfgang zugeben, denn alles, was er prophezeit hatte, entsprach der Wahrheit. Der Pfad stieg jedenfalls nicht mehr an, vielmehr verlief er eine Weile flach am Rande des Abgrunds, ehe der Vertreter die Stelle erreichte, wo der Fußweg in steilen Kehren von einhundertachtzig Grad den Hang hinunterführte, sodass einem schon beim bloßen Anblick der Atem stockte. Doch Wolfgang beunruhigte der steile Abstieg in keiner Weise, es ging schließlich nach unten und er hatte an dem Aussichtspunkt genug seelische und körperliche Kraft getankt, um ihn spielerisch zu meistern, zumal sich der unliebsame Kollege in seinem Kopf seit ihrer vorletzten Pause am »Langen Hals« nicht mehr gemeldet hatte. Fünf Minuten später stand er unten und beobachtete die schäumenden Fluten des Bodekessels, die sich durch die enge Bresche im Granitfels zwängten. Es dauerte noch weitere fünf Minuten, bis Breitscheid vorne die Teufelsbrücke erblickte, wenigstens durfte er davon ausgehen, dass sie es war, denn am anderen Ende des Stegs sah er Knöpfle und die Zimmermanns, die offenkundig wie versprochen auf ihn warteten und sich über etwas unterhielten, was im Lärm des Wildwassers unterging.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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