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Des Teufels Steg: Seite 100
Mit der Brücke stimmte etwas nicht, das fiel Wolfgang schon beim ersten Hinsehen auf, als er den Überweg erreicht hatte. Er stand vor der Konstruktion und traute sich nicht, seinen Fuß auf die Holzdielen zu setzen, mit denen die Brücke ausgelegt war. Am Anfang, auf den ersten zwei, drei Metern, ließ zunächst nichts darauf schließen, dass der Steg etwas Ungewöhnliches in sich barg, und Wolfgang wäre vermutlich gedankenlos zu seinen Weggefährten auf der anderen Seite durchgewandert, wenn er nicht zuerst zufällig einen Blick zur Brückenmitte geworfen hätte. Dort, in der Mitte, erhöhte sich ein Aufbau, der die Brücke wie ein Torbogen der Breite nach überspannte, man hätte in jedem Fall das Tor passieren müssen, um zur gegenüberliegenden Seite der Schlucht zu gelangen. Doch nicht der Bogen an sich war seltsam, sondern vielmehr das, was Wolfgang dahinter sah. Der Weinvertreter konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, dass er jenseits des Tores eine andere Welt sah, in der die Farbenpracht des Bodetals verblasste und sich alles wie durch einen dünnen Nebelschleier in Schwarzweiß präsentierte, mit einem leichten bräunlichen Stich, und nur seine Wanderkameraden, die am anderen Ende der Brücke standen, wirkten normal. Normal für die Welt diesseits der merkwürdigen Grenze, auf der sich augenscheinlich das Tor befand, die Pforte ins Jenseits, so konnte man es beinahe schon bezeichnen, aber hinter ihm kamen sie Wolfgang nicht minder grotesk und befremdend vor als seltsame Wesen von einem fremden Planeten. »Breitscheid!«, rief ihm eines der Wesen aus der anderen Welt zu, das die Stimme des »verrückten Schriftstellers« hatte. »Was stehen Sie denn da? Kommen Sie nun mit oder nicht?« Nein, überlegte der Handelsreisende, es war immer noch Richard Knöpfle, der zu ihm sprach, kein Reptiloid. Er brummte etwas zur Antwort und bemerkte im selben Augenblick, dass sich das Bild hinter dem Torbogen veränderte. Es verlor nach und nach an Schärfe, wackelte und zitterte ein wenig, bis es sich stellenweise aufzulösen begann und hinter den schwarzweißen Motiven farbige Bereiche hervortraten, die immer größer wurden und schließlich das ganze Bild dominierten, während sie die Welt hinter dem Tor so zeigten, wie sie in Wirklichkeit war. Seine Gehirnschwellung musste ihm einen Streich gespielt haben, nahm Wolfgang an und betrat die Brücke. Er hatte noch keine fünf Schritte gemacht, als er merkte, dass hinter dem geheimnisvollen Torbogen wieder etwas vor sich ging. Nun beobachtete Breitscheid das Gleiche, was er schon vorhin gesehen hatte, in umgekehrter Reihenfolge. Die Welt des Jenseits wurde wieder zweifarbig, derweil er zur Brückenmitte schritt. Vor allem wunderte ihn der Umstand, dass nur der Bereich innerhalb des Torbogens seine Farbe verlor, das Laub der Bäume am anderen Ufer um das Tor herum blieb grün und die Felsen sahen so aus, wie sie auch sonst aussahen. Er kam sich vor, als stehe er vor einem überdimensionalen farbenfrohen Ölgemälde, in dessen Canvas ein riesiges Loch geschnitten sei, durch das sich der entsprechende Ausschnitt mit demselben Motiv auf einem zweiten, direkt dahinterstehenden Bild in schwarzweißen Tönen darbiete. Doch es war noch nicht sein größtes Problem, das der Steg für ihn bereithielt, denn der Schreck fuhr ihm in die Knochen und ließ ihn wie angewurzelt an dem Torbogen stehen bleiben, als er feststellte, dass der Teil der Brücke hinter der Torlinie einfach fehlte, als hätte man die Teufelsbrücke in der Mitte durchgeschnitten und ein Stück davon entfernt. Statt der Holzdielen sah er nur aufwallende graue Nebelschwaden unter sich. Wolfgang hielt sich am Geländer fest und machte aus Angst, einen Schwindelanfall zu bekommen, die Augen zu.
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»Was ist mit ihnen los?«, fragte Knöpfle, als er Wolfgangs merkwürdiges Verhalten bemerkte. »Ich …« Wolfgangs Stimme zitterte. »Ich kann … nicht weiter!« »Was reden Sie da?« »Die Brücke … fehlt.« Breitscheid klammerte sich noch fester ans Geländer und öffnete die Augen, um Knöpfle zu sehen. »Was für einen Schwachsinn erzählen Sie denn, gell?« Zu Wolfgangs Entsetzen machte Knöpfle einige Schritte in seine Richtung und hing nunmehr in der Luft. Offenbar merkte der Märchenautor nichts von den Verwandlungen, die Wolfgang in Echtzeit durchlebte. Alles, was hier geschah, passierte mutmaßlich nur ihm, denn auch die Zimmermanns standen seelenruhig am Rande der Schlucht, in Wirklichkeit aber vermutlich vor der Brücke, die inzwischen mit jeder Sekunde, auch für Wolfgang schemenhaft sichtbar, immer deutlicher aus den Nebelschwaden zum Vorschein kam. »Sie meinen es aber wirklich ernst!«, sagte Richard, als er bis zum Torbogen kam und Wolfgang in die Augen schaute. Der Schriftsteller stand mit den Füßen fest auf den Holzdielen der Brücke, registrierte Wolfgang, als er nach unten sah, und die Bäume hinter Richard hatten wieder ihre grüne Farbe angenommen. Breitscheid löste seine Hand vom Geländer. »Es ist nichts weiter«, meinte er zu Richard. »Die Strömung ist viel zu schnell. Mir ist beim Hinsehen schwindlig geworden.« Er machte, dass sie schnell von der Brücke wegkamen, ehe sich die nächste Schwarzweiß-Phase anbahnte. »Machen Sie bitte keine Sachen, Breitscheid!«, fuhr ihn Richard an, als sie wieder bei den Zimmermanns waren. »Und wandern Sie nicht mehr allein, keine Ahnung, wo es Ihnen sonst noch schwindlig werden kann!«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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