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Des Teufels Steg: Seite 96

Diesseits der Bode gab es noch eine Attraktion, die nichts mehr mit Märchen und Legenden zu tun hatte, sondern mehr etwas mit menschlicher Dummheit! Ein »kluger Kopf« aus Thale hatte seinerzeit eine hervorragende Geschäftsidee gehabt, ein zwanzig Meter tiefes Loch in den Felsen gegenüber dem »Waldkater« hauen zu lassen und es »Schallhöhle« zu benennen, um dort zur Belustigung des werten Publikums gegen Entgelt Böller abzufeuern und die Wunder, die der mehrfach verstärkte zurückgeworfene Schall mit dem menschlichen Trommelfell anrichten konnte, auf experimentellem Wege vorzuführen. Das Geschäft lief gut, eine Gruppe Verrückter nach der anderen pilgerte zum Ort des Geschehen, um die Wirkung des Schallhammers persönlich zu erleben, bis sich der Betreiber des »Waldkaters« bei der Stadt wegen Lärmbelästigung seiner Gäste beschwerte. Die Beschwerde hatte Erfolg, die Explosionen, die das Tal in regelmäßigen Zeitabständen erschütterten wurden untersagt, aber der Wirt musste zu seiner großen Verärgerung eine Entschädigung für den Ausfall der Einnahmen zahlen.

Doch der pyromanisch veranlagte Geschäftsmann war nicht gewillt, einfach klein beizugeben, sein unternehmerischer Geist kannte keine Grenzen. Er kassierte die Entschädigung und verkaufte nunmehr das Wasser der Quelle, die der Höhle entsprang, als Leben spendende Flüssigkeit – das »Lebenswasser«. Das neue Geschäft war zwar etwas weniger innovativ und bei Weitem nicht so einträglich wie das alte, aber es ließ sich davon trotzdem noch gut leben, es fanden sich bald genug Zeitgenossen, die auf der Suche nach neuem Inhalt für ihren Jungbrunnen waren, da der alte nicht mehr die gewünschte Wirkung erzielte, und außerdem zeigte der findige Unternehmer für Geld einen Blutfleck an der Felswand seiner Höhle und erzählte den Besuchern eine hanebüchene Geschichte von einer rätselhaften Gräfin, die hier eingesperrt und grausam ermordet worden war. Und ja, die Anzahl der Leute, die den Fleck sehen wollten, war beachtlich. Nichts deutete auf ein jähes Ende des geschäftstüchtigen Mannes hin, als eines Tages sich die Folgen seiner Experimente mit explosiven Substanzen in der Schallhöhle bemerkbar machten. Er wurde taub und hörte nicht, wie sich ihm auf der Straße ein besoffener Bierkutscher mit einer Ladung Fässer bei voller Fahrt näherte. Das Ende war traurig: Nach dem unrühmlichen Abgang des Betreibers wurde das Loch in der Felswand vergittert und das kostbare Lebenselixier in die Bode umgeleitet. Den größten Kranz für das Grab des Verblichenen, erzählte man sich im Vertrauen, hatte der Wirt des »Waldkaters« gespendet …

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Wie es aussah, neigte sich die imaginäre Wanderung ihrem Ende zu. Von dieser Stelle aus konnte man schon hoch oben in der Luft die gespannten Seile der Schwebebahn zum Hexentanzplatz sehen. Dort an der Talstation endete das Bodetal, dort konnte man schon die Wohnviertel der Stadt Thale am anderen Ufer des Flusses erkennen. Genau diesen Weg musste heute Wolfgang Breitscheid nehmen, wenn er noch vor Feierabend eine Autowerkstatt aufsuchen wollte. Doch die vier zielstrebigen Talforscher, die sich vor etwa einer Stunde in Treseburg auf den Weg durch das Bodetal gemacht hatten, waren noch alle ziemlich weit von ihren Wanderzielen entfernt. Sie hatten den schönsten Teil der Schlucht noch nicht erreicht und rasteten gerade am »Langen Hals«.

»Na, Breitscheid, bereuen Sie schon, dass Sie mitgekommen sind?«, fragte Richard, als Wolfgang die Wandergruppe eingeholt hatte.

»Puh«, atmete der Weinvertreter geräuschvoll aus, »Solche Übungen habe ich schon lange nicht mehr gemacht.« Er ließ sich auf einen großen Stein neben dem Weg nieder.

Der Legendensammler nahm eine noch ungeöffnete Wasserflasche aus seinem kleinen Rucksack heraus, zischte mit dem Schraubverschluss und hielt sie Wolfgang hin. »Hier, trinken Sie was. Ihr eigenes Wasser haben Sie allem Anschein nach nicht mitgenommen!«

»Und Sie?«

»Was, ich, mein Liebster?«

»Wollen Sie nichts trinken?«

»Doch, klar. Ich trinke nach Ihnen. So lange kann ich noch warten!«

»Okay, Knöpfle, wenn Sie mit mir aus einer Flasche trinken wollen …«

»Sie müssen ja auch nicht in die Flasche reinsabbern, gell? Halten Sie den Flaschenhals an den Mund, ohne ihn zu berühren, und lassen Sie das Wasser fließen!«, belehrte Richard den Handelsreisenden.

»Danke, Knöpfle«, erwiderte Wolfgang barsch. »Was hätte ich ohne Sie bloß getan?« Er trank gierig.

»Ein Butterbrot hätte ich jetzt auch noch gerne verdrückt, sozusagen«, wandte sich der Schriftsteller nunmehr an Rüdiger. »Ich wollte ja Katja noch fragen nach einem Lunchpaket, hab’s aber bei der ganzen Aufregung vergessen.«

»Es ist aber nicht mehr weit!«, beruhigte der Mann Richard. »Nur noch ein Anstieg und wir können schon den Bodekessel von oben sehen.« Er drehte sich zu Ingrid um und bat sie um einen Gefallen: »Schatz, kannst du sie wieder in meinen Rucksack reinstecken?« Seine Frau nahm ihm die Wasserflasche aus der Hand und verstaute sie wieder im Rucksack hinter seinem Rücken.

»Vielen Dank fürs Wasser, Richard«, bedankte sich Wolfgang, der inzwischen seinen Durst gestillt hatte, und gab Knöpfle die Flasche zurück.

Richard trank endlich auch.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.968
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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