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Des Teufels Steg: Seite 97
»Das ist ja ein sehr markanter Felsen!«, sagte er begeistert, als er die Wasserflasche abgesetzt und einen Blick auf die Formation auf der anderen Flussseite geworfen hatte. »Gefällt es Ihnen denn hier, in unserem Bodetal?«, fragte Ingrid und folgte Richards Blick mit ihren Augen. »Sie haben nicht zu viel versprochen, meine Liebste! Außerordentlich gut. Inwiefern ist es euer Tal?« »Na ja«, fand Ingrid nicht gleich eine passende Antwort. »Ich meine … in Ostdeutschland, in den neuen Bundesländern, wie man sagt. Bei uns halt. Es ist doch schön bei uns, oder?« »Hm …«, gab der Schriftsteller leicht frappiert von sich. »Glauben Sie, meine Liebste, dass die Schönheit der Natur, dieses Tal beispielsweise, etwas damit zu tun hat, in welchem politisch-administrativen Bereich es liegt?« »Wahrscheinlich nicht. Aber wir haben ja sonst nix, womit man Leute aus dem Westen beeindrucken kann! Dann vielleicht mit der Natur!« »Wie meinen Sie das?« Richard begriff nicht ganz, für was genau Ingrid bei ihm als Westdeutschen in den neuen Bundesländern Bewunderung hervorrufen wollte, aber er hatte schon eine Ahnung, wohin die Reise ging. »Ich meine«, fing die Frau abermals unsicher an, »Sie sind ja vielleicht nicht von der Sorte, aber sonst wollen die Westdeutschen uns nur belehren und unsere Argumente interessieren sie nicht.« Richard sah die ingenieurtechnische Mitarbeiterin neugierig an und sagte ruhig: »Ich bin ganz Ohr, Ingrid!« »Ja … nehmen Sie zum Beispiel unser Büro! Wir haben mit dem ganzen Kollektiv gegen die Schließung protestiert, gesagt, dass die Mitarbeiter ihres Arbeitsplatzes beraubt werden, wo sie schon ihr Leben lang gearbeitet haben. Es hat rein gar nichts geholfen, unsere Sicht der Dinge wollte sich nicht mal einer anhören. Dabei haben die Leute doch Kinder und auch sonstige Verpflichtungen, die Miete, die sie jetzt vielleicht nicht mehr zahlen können. Was sollen wir jetzt alle tun? Einfach geschlossen, wie es der neue Eigentümer aus dem Westen wollte.« »Man fühlt sich manchmal wie ein Bürger zweiter Klasse«, meldete sich auch Rüdiger wieder zu Wort. »Dabei war es ja eine Wiedervereinigung! Keine Wiederbesetzung! Aus zwei wurde eins, also müssen auch Interessen der Menschen von beiden Seiten gleichermaßen berücksichtigt werden!« »Meine Liebsten«, bemerkte Knöpfle gutmütig, »ich kann schon nachvollziehen, dass es eine Riesenumstellung ist, aber war es nicht freier Wille der ostdeutschen Bürger, die DDR aufzulösen und der Bundesrepublik beizutreten? Steht nicht genau das in dem Vertrag über die deutsche Einheit vom August neunzehnhundertneunzig, der aufgrund von Beitrittsverhandlungen geschlossen wurde?«
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»Aber das haben sie uns in der Form gar nicht gesagt«, entgegnete Ingrid. »Hätten sie uns gesagt, als wir montags auf der Straße ›Wir sind das Volk‹ gerufen haben, dass alles geschlossen wird und die Leute rausgeworfen werden, hätten wir es vielleicht erst gar nicht getan!« »Sie hätten uns eigentlich fragen müssen«, pflichtete ihr Rüdiger bei, »ob wir alle das wollen, bevor sie mit den Beitrittsverhandlungen anfangen!« »Nun …« Richard wurde immer ratloser. »Moralisch, vielleicht. Aber juristisch … Die Entscheidung über die Teilung Deutschlands haben ja die Siegermächte im zweiten Weltkrieg getroffen, ohne das deutsche Volk zu fragen, wohlgemerkt, und der Zustand konnte auch nur durch diese aufgehoben werden, gell? Da musste keiner besonders gefragt werden, der offensichtliche Wille, sich in die westliche Welt eingliedern zu wollen, war ja zweifelsohne gegeben. Oder verstehe ich irgendwas falsch?« »Ja, Richard, der Wille schon! Aber es ist nicht alles so eindeutig. Versprochen wurden uns ›blühende Landschaften‹, bekommen haben wir aber einen Haufen Arbeitsloser und ein zusammengebrochenes Sozialsystem, das früher bei allen Unzulänglichkeiten doch recht zuverlässig funktionierte, und Kohl hat es hoffentlich zu spüren bekommen bei uns in Halle vor drei Jahren am Stadthaus, als ihm das Ei die Stirn hinunterlief. Es war nicht alles schlecht im Osten!« »Ich war nie in der DDR, keine Ahnung«, erwiderte der Märchenautor. »Was war denn gut?« Kalt erwischt durch Richards Frage schwiegen die Zimmermanns eine Weile und dachten angestrengt darüber nach, was sie dem Mann aus dem Westen als unschlagbares Argument präsentieren konnten, damit er ihre Unzufriedenheit nachzuempfinden imstande war. Die Aufgabe schien keineswegs so einfach, wie sie ihnen anfangs vorgekommen war, denn beide verwarfen ein Thema nach dem anderen, bei dem sie von den Vorteilen des ehemaligen gesellschaftlichen Systems überzeugt gewesen waren. Völlig unerwartet kamen sie selbst auf Gegenargumente, die ihre ursprüngliche Annahme widerlegten. Blamieren wollten sich die beiden vor dem Schriftsteller jedoch nicht und so entstand eine unangenehme Pause, die sich immer weiter in die Länge zog und schon fast unhöflich lange dauerte, als Ingrid mit einem in ihrer Situation offensichtlichen Punkt das Schweigen brach. »Wir hatten alle staatlich garantiertes Recht auf Arbeit«, sagte sie mit sicherer Stimme. »Uns hätte keiner auf die Straße gesetzt!« »Mmh«, gab Knöpfle von sich und ehe er noch etwas sagen konnte, fuhr Rüdiger schon mit seinem Teil der Liste von Pluspunkten zugunsten des Arbeiter- und Bauernstaates fort.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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