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Des Teufels Steg: Seite 95
Diese Brunhilde von Winzenburg, dachte man schon leicht gelangweilt vom Thema, musste wirklich ein außerordentlich reizendes Fräulein gewesen sein, denn sogar nach Bodos flüchtiger Romanze und seinem erbärmlichen Untergang in den Fluten der Bode, riss der Strom der Heiratswilligen nicht ab. Die erste Legende – es gab gleich mehrere zur Auswahl – besagte, dass sieben Gebrüder auf einmal um ihre Hand angehalten, sie jedoch alle Anträge hochnäsig abgewiesen hatte. Den verschmähten Brüdern war daraufhin nichts Besseres eingefallen, als die Prinzessin von der Burg zu entführen, doch war ihre Rechnung nicht aufgegangen. Brunhilde pflegte Umgang mit Berggeistern aus dem Bodetal und rief sie zu Hilfe! Tja, wer sich mit Geistern von diesem Format anlegte, hatte kein beneidenswertes Schicksal – die Brüder waren allesamt zu einem Felsen verwandelt worden und warteten noch heute auf ihre Begnadigung … Eine andere Geschichte handelte von sieben Brüdern aus dem Böhmerwald – Zufälle gab es aber auch, sie hätte keiner geglaubt! –, die Brunhilde freien wollten. Allerdings eilte ihr Ruf ihnen voraus, es waren nur Räuber und Wegelagerer, sodass die stolze junge Frau sie nicht einmal empfing. Blind vor Wut verfolgten die sieben Halunken die schöne Prinzessin zu Pferd durch das enge Tal und es fehlte nicht mehr viel, dass sie ihrer habhaft geworden wären, als sich mit einem Mal der Himmel verfinsterte und ein heftiger Blitz die Verfolger traf, die sich wie in Luft auflösten. Nachdem sich die Rauchschwaden verzogen hatten, war keiner von ihnen mehr zu sehen, stattdessen bot sich Brunhildes Blick ein seltsames Bild: Ein zerklüfteter Felsen mit sieben aus dem Fels ragenden steinernen Gebilden … Bei einer weiteren Version ging es ausnahmsweise mal nicht ums Heiraten! Vielmehr führten diesmal sieben Prinzen Böses im Schilde und hatten es auf die Schätze der schönen Brunhilde abgesehen, weshalb sie auch erwartungsgemäß von sieben Riesen, die die Burg und die erlesenen Kostbarkeiten bewachten, schon unten im Tal pflichtbewusst niedergestreckt wurden, damit andere nicht auf dumme Gedanken kamen. Die Bestürzung der sieben Prinzessinnen über den tragischen Tod ihrer Gemahle war so unermesslich groß, dass sie sich, ohne lange zu überlegen, zu siebt auf den Weg machten, um vor Ort ihre Männer zu beweinen. Die salzhaltigen Tränen, die sie an den Gräbern der getöteten Ehegatten tagelang in großen Mengen vergossen hatten, formten dann den Siebenbrüderfelsen wie sickerndes Wasser einen Tropfstein in einer Höhle … Was man von den widersprüchlichen Angaben halten sollte und wie man sie zumindest ansatzweise miteinander verknüpfen konnte, war ein großes Rätsel, das gar nicht so einfach zu lösen war, zumal sich noch immer Goethes Gestalt in den Vordergrund drängte von dem Felsen, in dessen zerklüfteten Spalten man ohnehin nur mit sehr, sehr viel Fantasie die sieben zu Stein erstarrten Übeltäter erkennen konnte.
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Wie es sich erkennen ließ, war Brunhilde nun endgültig von der Tagesordnung, denn man sah vorne schon den Katersteg – eine kleine Brücke, die zum gegenüberliegenden Ufer der Bode führte, dem ehemaligen Hotel und Café »Waldkater«, das bereits Theodor Fontane erwähnt hatte, durch eine seiner Romanfiguren. Wohlgemerkt, nicht direkt mit Worten, die dem Wirt geschmeichelt hätten, aber immerhin. Seitdem schon mehrmals umgestaltet und bereits länger als Jugendherberge geführt, erinnerte es mit dem »Kleinen« und dem »Großen Kater« an ruhmreiche Zeiten, als es zu den angesagtesten Unterkünften in Thale und Umgebung gehört hatte, und darüber hinaus hatte es auch noch – wie hätte es denn im Bodetal anders sein können? – eine amüsante Namensgeschichte. Ein übler Weinpanscher, dem man auf die Schliche gekommen war, musste zur Strafe bis ans Ende seiner Tage in der Gestalt eines Katers leben, vermutlich waren da wieder Berggeister in Sachen der Gerechtigkeit am Werk gewesen. So trieb sich der Kater verpönt und ausgestoßen im Wald herum, bis eines Tages ein Jäger ihm nachstellte und schon seine Flinte in Anschlag brachte, um ihn zu erschießen, als der Kater, so abgefeimt wie er war, dem Jäger ein unmoralisches Angebot machte: Er würde ihm im Gegenzug für sein Leben ein wohl gehütetes Geheimrezept für einen Trank verraten, der schon nach dem ersten Gläschen jeden dermaßen dusselig machte, dass man kein weiteres Geld mehr fürs Bier auszugeben brauchte. Der redliche Jäger ging auf den Handel ein und wurde vom Weinpanscher über den Tisch gezogen, denn auch das Getränk – wer hätte es sich bloß denken können?! – selbstverständlich gepanscht war! Statt einem ordentlichen Schwips hatte der leichtgläubige Jäger nur einen fürchterlichen Kater bekommen. Der Panscher wurde erneut zur Rede gestellt und konnte diesmal nur deswegen mit dem Leben davonkommen, weil er dem Jäger einen verborgenen Schatz zeigte, den er auf seinen Streifzügen im Wald entdeckt hatte. Der Jäger nahm das Geld, baute davon eine Wirtschaft am rechten Ufer der Bode und nannte sie »Waldkater«, ohne darüber nachgedacht zu haben, dass er dem gewieften Panscher damit ein Denkmal setzte … Dass die Geschichte einen wahren Hintergrund hatte, war dahingestellt, sie hörte sich allerdings eher nach einem Fantasieprodukt eines angetrunkenen Gastes an, der in der Wirtschaft seinen eigenen Kater kuriert hatte. Doch was augenscheinlich durchaus stimmen konnte, war die Vermutung, dass die Sage von der Hexengroßmutter, von der Knöpfle so angetan war, irgendwo hier, in diesem Talabschnitt am anderen Ufer der Bode ihr Ende gefunden hatte. Denn der »Waldkater« lag genau unter dem Hexentanzplatz, an der Stelle, wo die brave Jungfrau Hulda, wahlweise Itha, wem es besser gefiel, in den Zauberkreis des dämonischen Hexenweibs Watelinde eingetreten sein sollte, die danach getrachtet hatte, sie zu einer Hexe zu machen, und am Ende kläglich verendet war nach dem Eingreifen der göttlichen Macht. Ingrid hatte ja auch etwas davon erzählt, dass der Felsen, mit dem die Hexengroßmutter verschmolzen sein sollte, irgendwo hier im Bereich des »Waldkaters« lag. Denn hinter der Jugendherberge begann ein Trampelpfad, der eine Verbindung zum Hexenstieg herstellte, welcher seinerseits direkt zum Hexentanzplatz führte. Eine bessere Ausgangsposition konnte man sich kaum ausdenken, wenn man jemanden auf den Hexenberg entführen wollte. Alles hörte sich schlüssig an, es musste sich hier abgespielt haben, was allerdings noch keinen Beweis für den wahren Sachverhalt in der Sage im Ganzen lieferte. Das musste Richard Knöpfle selbst beurteilen, letztendlich wollte er die Geschichte schreiben!
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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