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Des Teufels Steg: Seite 91

Das letzte Gewitter hatte offenkundig genug Regen im Gepäck gehabt, um die Quellgebiete mehrerer Flüsschen und Bächlein, die im Hochharz rund um den mythenumwobenen Brocken ihren Anfang nahmen, mit reichlich Feuchtigkeit zu versorgen, denn genau dort am Fuße des Blocksbergs, im Brockenfeld, entsprangen beide Boden, die Warme und die Kalte, dem Gestein und flossen sich zwischen den Anhöhen schlängelnd gen Osten, bis sie sich bei Königshütte zu einer einzigen Bode vereinten. Doch an der Stelle deutete noch nichts darauf hin, dass sich das ruhig durch die leicht hügelige Landschaft des Unterharzes fließende Gewässer bald in einen reißenden Strom verwandeln würde, der mit seiner ungeheuren, urgewaltigen Kraft alles niederzuwalzen imstande war, was sich ihm in den Weg stellte. Noch plätscherte das Rinnsal harmlos vor sich hin zwischen Wiesen und Wäldern der Hochebene, umfloss in großem Bogen geschickt die eine oder andere Höhe, mündete hin und wieder in einem Stausee, kam aber gleich unbeschadet auf der anderen Seite wieder heraus, um seine Reise durch den Harz fortzusetzen, und durchquerte einige große und kleinere Ortschaften, ehe es in Treseburg als zwar noch ein kleiner, aber nichtsdestotrotz schon ein Fluss mit großen Ansprüchen ankam, genährt vom Wasser der Bäche und Gerinnsel, die den Wasserlauf auf seinem Weg durch das Gebirge hatten anschwellen lassen.

Von jetzt an änderte sich alles. Keine fünfhundert Meter vom Eingang ins Tal entfernt bekam der Wanderweg ein Gefälle und führte nunmehr am dicht bewaldeten Hang entlang der Bode nach oben, kaum merklich für die Augen, dennoch spürbar für die Beine, sodass der Fluss, der immer mehr schäumende Kronen beim Überwinden kleiner, felsiger Kaskaden auf der Oberfläche bildete, mit jedem Schritt tiefer zu fließen schien, als ob er sich allmählig in das Gestein eingrub. Die Berge, die bisher nur als kleinere Hügel das Tal gesäumt hatten und kaum diese Bezeichnung verdienten, bäumten sich mit einem Male zu beiden Seiten des wilden Wassers in die Höhe wie märchenhafte Riesen, die ihre wehrlose, verspielte kleine Prinzessin Bode beschützen wollten. Ihre schroffen, felsigen Kanten zeigten sie bislang nicht, sie zogen stattdessen vor, den unbedarften Wanderer im Glauben zu lassen, der Pfad würde sich ewig so breit und eben zwischen den Eichen und Buchen, die hier und da Moos angesetzt hatten, an der Seite des Flusses ziehen und die Schuhe des Talerkunders nicht allzu sehr strapazieren.

Die ersten Zweifel diesbezüglich gingen einem durch den Kopf, wenn man wenig später die Sonnenklippe erreichte, die vorhin Richard Knöpfle bei der Frage erwähnt hatte, wie weit er denn in das Bodetal vorgedrungen sei, denn Klippe hieß die Anhöhe, über die der Weg führte, nicht von ungefähr, oben gab es nur nackten Fels zu bestaunen, der in schräg geschichteten Formationen aus dem Boden ragte. Im Grunde hätte man behaupten können, dass die eigentliche Bodetalwanderung erst hier, an diesem kleinen felsigen Platz, der sich perfekt als Gelegenheit für eine kleine Rast anbot, richtig begann. An dieser Stelle verlor man die Bode für eine Weile aus dem Blickfeld, man konnte, wenn man seinen Weg auf dem Wanderpfad fortsetzte, kaum noch das Rauschen des Wassers irgendwo weit unten in der dichten Vegetation hören, denn hier umschrieb der Fluss einen großen Bogen um den Hagedornsberg und wenn man dem Pfad folgte, nahm man eine Abkürzung an seinem Hang, um auf der anderen Seite wieder zur Bode hinunterzuwandern, die inzwischen eine Wendung um neunzig Grad vollzogen hatte und neuerdings nach Osten floss, statt wie früher nach Norden. Doch es war nicht nur die Fließrichtung, die sich geändert hatte, stellte man fest, wenn man die Bode abermals zu Gesicht bekam. Der Charakter des Wasserlaufs war vollends anders geworden, es war nicht mehr dasselbe verhältnismäßig friedliche Gewässer, wie man den Fluss von der Brücke in Treseburg kannte, nein! Die Bode zischte und spritzte launisch um sich herum, und schäumte zornig auf, wenn sich ihr Steine in den Weg legten. Das Flussbett senkte sich merklich in östlicher Richtung, das Wasser nahm allmählig Fahrt auf.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Betrachtete einer die Gegend von oben auf einer Reliefkarte, merkte er mit bloßem Auge, dass es genau die Stelle war, an der sich das Tal verengte, und weiter flussabwärts schließlich zu dem wurde, was man im Volksmund als Bodetal bezeichnete: Das Engtal zwischen Treseburg und Thale, in dem die in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkte Bode auf einem Abschnitt von zehn Kilometern verzweifelt nach einem Ausweg suchte. Auch unten im Tal entging einem aufmerksamen Beobachter dieser Umstand nicht. Die Hänge rückten von beiden Seiten näher zum Fluss, wurden steiler und die ersten kahlen, felsigen Flächen, die sich allem Anschein nach an den Abbruchstellen größerer Felsblöcke gebildet hatten und das Urgestein des Harzes zum Vorschein brachten, präsentierten sich an den sonst noch zugewachsenen Talflanken. Der Pfad verlief nicht mehr in direkter Flussnähe, sondern etwas höher, auf einem Vorsprung am Hang und wurde zusehends enger, sodass an manchen Stellen nur noch eine Person ungehindert darauf wandern konnte, vor allem, wenn man noch den Umstand berücksichtigte, dass es hin und wieder auch Gegenverkehr gab, und es war ratsam, gleich eine Kolonne zu bilden, falls man nicht allein unterwegs war.

Je weiter man auf dem Wanderpfad am rechten Ufer der Bode durch das enge Tal vorankam, umso schöner wurden die Bilder, die sich einem hinter jeder Flusswindung boten, und man verlor langsam jegliches Zeit- und Raumgefühl, denn am Ende, wenn man hinter der Flussbiegung etwas Neues entdeckt zu haben glaubte, wusste man plötzlich nicht mehr genau, ob man nicht schon etwas Ähnliches vor der letzten Kurve gesehen hatte – oder war es vielleicht schon vor der vorletzten gewesen? Zuweilen stieg der Pfad unerwartet an, sodass einem die Luft ausging, und führte den staunenden Wanderer am Rande eines steinernen Abgrunds, wo jeder Blick nach unten auf die schäumenden Fluten der Bode ein akutes Schwindelgefühl hervorrief und man Angst und Bange bekam, unversehens in den sicheren Tod abstürzen zu können und vom tosenden Strom gnadenlos mitgerissen zu werden, ohne eine Chance auf fremde Hilfe zu bekommen. Doch eine Viertelstunde später schritt man wieder guter Dinge direkt am Ufer des Flusses, der einen erst vor Kurzem eher an einen brodelnden Kessel erinnert hatte und nun sein ruhiges Wasser würdevoll vorbeigleiten ließ, und betrachtete begeistert die pittoresken Felsgebilde auf der gegenüberliegenden Talseite. Und nach einer Weile wiederholte sich alles aufs Neue, sodass man ohne einen Blick auf die Uhr nicht mehr sagen konnte, wie lange die Wanderung schon ging, und die Antwort auf die Frage, wie viel von den zehn Kilometern man schon zurückgelegt hatte, blieb einem ein großes Rätsel bis zum Ende des Ausfluges.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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