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Des Teufels Steg: Seite 92
Aus der Vogelperspektive war das Bodetal eine seltsame Erscheinung. So musste es zumindest einem Wanderfalken vorkommen, der sich vom Talboden in die Lüfte erhob und auf der Suche nach einer lohnenden Beute seinen scharfen Blick nach unten richtete. Denn er stellte schnell fest, dass die Talränder, die einen von unten wie die Schlucht säumende Bergzüge anmuteten, in Wirklichkeit gar keine Berge in dem Sinne waren. In alle Richtungen erstreckte sich so weit das Auge reichte ein welliges Hochplateau, auf dem hier und da eine flache Anhöhe, seltener ein kleinerer Hügel, der Landschaft ihren unverwechselbaren Charakter verliehen. Das Einzige, woran das Auge Anstoß nahm, während der Blick ungehindert über die Gegend glitt, war der klaffende Riss in der Erde, den man Bodetal nannte und der einen sprachlos werden ließ bei der Vorstellung, dass er nur aufgrund der Kraft des fließenden Wassers, und zwar dieses kaum sicht- und hörbaren Rinnsals, das die Bode aus dieser Höhe zu sein schien, entstanden war. Er war unglaublich tief, so tief, dass es einem mitunter vorkam, er führe in die Unterwelt, und wenn man den Ausführungen in den schlauen Geologie-Büchern Glauben schenkte, war dieser außerirdisch anmutende, bizarre Krater in der Gegend schlechthin die tiefste Felsschlucht in Deutschland nördlich der Alpen, zumindest ihr unterster, ihr spektakulärster Abschnitt. Während man sich der Stelle näherte, an der die enge Schlucht zu einer Klamm wurde, und schroff aufragende Felsen die wild gewordene Bode von beiden Seiten immer mehr bedrängten, stieg der Pfad an der rechten Felswand der Schlucht unablässig an, sodass man schließlich schon fast über die obere Kante auf die Hochebene sehen konnte, und führte dann kurz vor dem Bodekessel, einem Strudeltopf unter dem ehemaligen Wassersturz, der seinerzeit gesprengt worden war, um das Wildwasser flößbar zu machen, in schwindelerregenden Spitzkehren wieder nach unten zum Fluss. Man war angekommen, angekommen an einem Ort, von wo an fast jeder größere Stein, jeder Felsen und jede Windung des Bodetals flussabwärts entweder eine eigene mysteriöse Geschichte oder eine haarsträubende Legende hatte, oder mindestens einmal in irgendeiner urtümlichen Sage erwähnt wurde. Der Bodekessel beispielsweise, der gerade vor den Augen des gutgläubigen Publikums brodelte und sprudelte und von der tobenden Fluten zum Überlauf gebracht wurde, sodass die mächtigen Strudel noch lange Zeit das mit ungeheurer Geschwindigkeit fließende Wasser verwirbelten, bis sie hinter der Biegung verschwanden, war nicht etwa ein einfaches Loch im Flussbett, das im Laufe von Jahrtausenden vom Wasserfall im Gestein ausgewaschen worden war. Nein, um Gottes willen! Man sagte, kein anderer als der große Wasur, der bei Germanengöttern für Wasserangelegenheiten zuständig gewesen war, habe den Kessel erschaffen, als er den Verbindungsfelsen zwischen der Roßtrappe und dem Hexentanzplatz, der einst die Schlucht versperrte, durchbrochen und so Wotan vor dem Zorn seines Vaters gerettet habe. Überdies munkelte man in der Gegend hinter vorgehaltener Hand, dass sich der Leibhaftige oft und gerne in der Nähe des Kessels aufhalte und sich nachdenklich die spiegelglatt vom Wasser polierten Granitwände anschaue und das Getöse des wilden Wassers anhöre, als lasse er sich inspirieren für die nächste Predigt vor seiner Hexenschar.
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Ein passendes Plätzchen für derartige Veranstaltungen gab es gleich hier, keine zweihundert Meter entfernt. Die Teufelskanzel, ein Felsen über dem »Blauen Sumpf«, der engsten Stelle der Bode, von dem laut einer Sage der Teufel zu seiner Gefolgschaft predige, ragte an dieser Stelle einladend über der Schlucht. Die Gegend gefiel dem dunklen Fürsten sogar so sehr, dass er seinerzeit aus Gründen der Bequemlichkeit beim Aufstieg zu der Kanzel einen Steg über die Schlucht hatte errichten lassen, mit Tücke und List verstand sich, denn die Bedingung, die er gestellt hatte, lautete: Er beanspruche die Seele desjenigen für sich, der als Erster die Schlucht über die neue Brücke überquere. Den Thalensern blieb nicht viel anderes übrig, als in den Vertrag mit dem Teufel einzustimmen, denn die Brücke, die sie dringend brauchten, wäre ohne seine Hilfe nicht zu schaffen gewesen, zu waghalsig war das Unterfangen. Doch das ein oder andere Mal gelang es jedem auch den Pferdefuß zu narren. Der Baumeister der Brücke, der in aller Regel allen voran die neu gebaute Konstruktion bei der Einweihung betrat, war nicht auf den Kopf gefallen und beschloss, bei der Überquerung eine Ziege vor sich herzutreiben. Der betrogene Urian musste sich wohl vor Wut mehrmals in den eigenen Schwanz gebissen haben, doch Vertrag war Vertrag und darin stand: »Wer als Erster über die Brücke geht.« Kurz, er war damals leer ausgegangen, es sei denn, er hatte großen Wert auf eine Ziegenseele gelegt, aber des Teufels Steg existierte noch heute, es war die »Teufelsbrücke«, über die täglich dutzende von Menschen wanderten. Und noch etwas: Es gab eine weitere Geschichte über die Teufelsbrücke, die Fortsetzung der ersten, wenn man so wollte. Sie hatte weitaus weniger Eingeweihte als der weitverbreitete und allgemeinbekannte Teil mit dem Brückenbau. Es war nur ein enger Kreis von Leuten, die behaupteten, die Brücke »spinne« bisweilen. Sie bestanden darauf, Augenzeugen, jeder zu seiner Zeit, von seltsamen Metamorphosen gewesen zu sein, die die Teufelsbrücke ihrer Meinung nach immer wieder durchmachte: Einmal war die Brücke klar und deutlich zu sehen, mit anderen Worten zum Anfassen real, das andere Mal konnte sie einer nur als verschwommenes Bild wahrnehmen, und manchmal, berichteten die Dritten, fehlte sie gänzlich, über der Schlucht am Bodekessel hing nichts in der Luft außer nebeligem Dunst! Als Erklärung für die Visionen diente den Betroffenen eine Verschwörungstheorie, die die Vorgänge dahingehend ergründete, dass bereits der alte Baumeister seinen Kindern auf dem Sterbebett die Unregelmäßigkeiten mit seiner Brücke anvertraut und vor den Folgen des gebrochenen Vertrags gewarnt hatte. Man könne den Teufel nicht unbestraft an der Nase herumführen, teilte ihnen der Brückenbauer vor seinem Tod die bittere Erkenntnis mit, der Fürst der Finsternis habe die mit unrechten Mitteln errichtete Überquerung mit einem Fluch der Hölle belegt, und dieser Fluch werde auf ihr lasten, bis sie wieder zerstört werde. Beweisen konnten die Zeugen der Brückenverwandlungen das Ganze nicht, aber es war wenigstens ein gutes Mittel, um nicht restlos verrückt zu werden. Was der wahre Grund für die merkwürdigen Beobachtungen der Leute war, wusste keiner, denn die Menschen aus diesem Kreis sprachen äußerst ungern öffentlich über ihre Erlebnisse, weil alle anderen sie selbst für »Spinner« hielten.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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