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Des Teufels Steg: Seite 88

»Es ist wohl etwas zu viel geworden gestern«, beschwerte sich Schorsch und fasste sich am brummenden Schädel, sobald die Schritte von Tobias auf dem trockenen Laub am Boden verhallt waren.

»Ja, das letzte Bier war schlecht!«, stimmte ihm Hans zu und zündete endlich die Zigarette an, die er schon eine Weile in der Hand hielt.

Die beiden ließen sich an der Feuerstelle nieder und Schorsch legte ein paar frische Scheite auf, während sie auf Tobias mit dem Bier warteten.

»Mach hier keinen Blödsinn!«, schimpfte Johannes, als dichte Rauchschwaden vom feuchten Holz in die Luft stiegen. »Es fehlt noch, dass gleich die Feuerwehr kommt oder die Bullen den Rauch bemerken.«

Schorsch bückte sich zum qualmenden Lagerfeuer und pustete eine Zeit lang kräftig auf die alte Glut unter den Scheiten. »So«, sagte er, als das frische Holz Feuer fing, »das sieht jetzt wesentlich besser aus!«

Die Jugendlichen saßen noch ein Weilchen geplagt von Kopfschmerzen schweigsam da, während Johannes seine Aufwachzigarette rauchte, und beobachteten die zuckenden Flammen, als Schorsch ein unüberwindbares Verlangen nach Kommunikation verspürte.

»Wann kommen sie denn überhaupt?«, fragte er.

»Keine Ahnung«, gab sein Kumpel zurück. »Dieter meinte, am Nachmittag, aber sein Nachmittag kann auch bis acht Uhr abends gehen. Ich hab ihm gesagt, sie sollen hier sein, bevor die Wessis kommen, das heißt bis fünf – so haben wir es mit Holger ausgemacht, er und seine Rockerbande müssten eigentlich pünktlich da sein. Wir müssen noch dran denken, dass Tobs rechtzeitig nach Treseburg kommt, um die Leute dort abzuholen und den Weg zu unserem Lager zu zeigen.«

Dieses Jahr nahm auch eine Delegation aus dem Westen an dem Hexenfeuerfest der Jenaer Zelle teil. Es war eine Gruppe von Gleichgesinnten aus dem Ruhrgebiet, die sich als Bikerclub tarnte und zu der Johannes auf Empfehlung des Nationalen Schutzbundes Thüringen, zu dem auch »Das arische Feuer« gehörte, schon im Winter Kontakt aufgenommen hatte. Ihr Wortführer, Holger, war ein tadelloser Nationalpatriot mit der richtigen Einstellung zu »Ali« und »Said«, mit dem Johannes, der als Chef der Jenaer Sektion nach Recklinghausen gereist war, viele Stunden in der vereinseigenen Kneipe beim Bier verbracht und ausführliche Gespräche geführt hatte, wie man in der »gemeinsamen Sache« aktiv werden konnte. Er traf sich mit den »Bikern«, die ebenfalls alle nicht an kräftigen Ausdrücken sparten, wenn es um die Unterwanderung der deutschen Gesellschaft durch Ausländer ging, man konnte ihnen in dieser Hinsicht keine Weichherzigkeit vorwerfen.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Johannes fühlte sich wohl bei den Recklinghäusern, er war unter seinesgleichen, nur eine einzige Sache störte ihn: Es ging bei ihnen meistens nicht über die Worte hinaus! Es war nur nichtbedeutendes Kneipengeschwätz, das nicht in die Taten umgesetzt wurde. Die Mitglieder rasierten sich für ein schönes Bild die Schädel kahl und tätowierten sich Hakenkreuze in den Nacken, die sie am Ende doch nur ihren Clubkameraden während ihrer Zusammenkünfte zeigten. Die meisten von ihnen hätten vom Alter her mit Leichtigkeit schon Johannes’ Opas sein können und er fragte sich, ob sich bei ihnen der feurige, leidenschaftliche jugendliche Drang nach realen Taten bereits verflüchtigt hatte.

Nein, die nationalpatriotisch geprägte Szene in Ostdeutschland gefiel ihm viel besser! Er erinnerte sich noch lebhaft, wie er und Schorsch vor drei Jahren auf Einladung der sächsischen Patrioten an der legendären Aktion in Hoyerswerda teilgenommen hatten, wie die ganzen »Neger« und »Schlitzaugen« aus ihrem brennenden Wohnheim wie Kakerlaken in alle Richtungen spritzten, direkt in die Hände der schweren Sachsen-Jungs, die ihnen unter jubelndem Applaus der Anwohner den Rest besorgten.

Doch einen entscheidenden Vorteil hatte die Bekanntschaft mit den Neos aus dem Westen trotz alledem: Sie hatten Geld. Ohne Geld lief nichts. Allein die Anreisen zu den Demos, Uniformen, Plakate, Broschüren oder Aktionen wie dieses Hexenfeuerfest, das Holger mit seinen Kumpels freundlicherweise mitfinanzierte, verschlangen Unmengen von Scheinen, und in ihrer Zelle beispielsweise hatte keiner ein festes Einkommen, vielmehr musste Johannes aus der Vereinskasse Mittel entwenden, die sich, weiß Gott, dort nicht von alleine anhäuften, um die Mitglieder zu unterstützen und sie bei der Stange zu halten. Außerdem waren die Wessis gut vernetzt und hatten Verbindungen bis nach Amerika, zu den Verfechtern der White-Supremacy-Lehre, zu den Einzelzellen des Ku-Klux-Klan. Und darüber hinaus: Derselbe Holger hatte Johannes zu einer Reise auf Kosten des Bikerclubs in die Vereinigten Staaten eingeladen, um an einer Kreuzverbrennung durch den Klan teilzunehmen. Wenn das nicht etwas Nützliches war, was man mit dem Geld der Wessis erreichen konnte? So stellte sich dem Hauptmatador der »Störkraft des arischen Feuers« zu keiner Zeit die Frage, wie er die Besucher aus dem Westen behandeln sollte! Mit allem gebührenden Respekt, verstand sich.

»Da kommt er schon zurück«, sagte Jürgen voller Vorfreude auf den bevorstehenden Biergenuss, als er aus dem Wald unverkennbare klappernde Geräusche vernahm, die durch die beim Tragen hin und her im Kasten rutschenden Flaschen verursacht wurden.

»Es wurde auch langsam Zeit«, äußerte auch der Wortführer der patriotisch gesinnten jungen Leute, dessen Geduld offensichtlich ebenfalls zur Neige ging, seine sichtliche Zufriedenheit mit dem Umstand, dass Tobias mit der Bierkiste in den Händen hinter den Bäumen auf die Lichtung herauskam. »Tobs, wie sieht es da am Auto aus?«, rief er dem Boten zu.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.962
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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