|
Des Teufels Steg: Seite 89
»Alles ruhig«, antwortete der Junge, während er den Kasten neben seinen älteren Kameraden abstellte. »Kein Mensch in Sicht.« Schorsch bediente sich gleich aus der Kiste, setzte das Feuerzeug am Hals der Bierflasche wie einen Hebel an und ließ den Kronkorken vielversprechend zischen mit einer kunstvollen, geschickt ausgeführten Handbewegung. »Es schmeckt wieder«, teilte er mit den Übrigen seine subjektiv-gustatorischen Eindrücke, nachdem er eine Zeit lang den Hals der Flasche an den Mund gehalten und einen bedeutenden Teil des Flascheninhalts in seine Kehle hatte hinuntergluckern lassen, und beendete seine Botschaft mit einem lauten, saftigen Rülpser. Johannes holte auch eine Flasche aus dem Bierkasten und öffnete sie auf gleichem Wege wie Schorsch zuvor, dann sagte er zu Tobias: »Das ist super, dass uns noch keiner entdeckt hat. Wir müssen dort später noch einen Strohballen vom Feld unauffällig besorgen, hab ich vorhin gesehen.« Er nahm auch gierig einen kräftigen Schluck aus seiner Flasche. »Wozu?« Tobias war zum ersten Mal auf dem Fest und kannte noch nicht die Gepflogenheiten. »Na um die Hexen auszustopfen, du Doof!«, antwortete Jürgen abfällig anstelle von Hans. »Mmh«, nahm der noch unerfahrene Rekrut des arischen Bundes die Information zur Kenntnis. »Da lag einer gar nicht so weit vom Auto.« »Das kannst du dann ja gleich erledigen«, wies ihn Johannes an. »Wir müssen uns mit Schorschi noch gleich nach einem passenden Baum umsehen, fürs Kreuz.« Er trank wieder von seinem Bier. »Jetzt sag bloß, dass ich den Baum wieder allein fällen muss«, protestierte Schorsch. »Nö, is nich, mein Freund!« »Fällen könnt ihr ihn, wenn die Jungs kommen!« »Und du? Was hast du vor? Willst du etwa wieder die ganze Zeit mit Sonja im Zelt vögeln?«
(?)
Solche Dinge durfte Jürgen zu dem Anführer der Sektion sagen. Auf seinem Recht bestand er stets rigoros und nutzte jede Gelegenheit, um Hans im Rahmen ihrer internen Querelen eins auszuwischen. Bei seinem Kumpel sollte nicht der Eindruck entstehen, dass er schalten und walten konnte, wie er wollte, zumindest nicht in Bezug auf ihn, denn er, Jürgen, war derjenige, der neben Hans an den Anfängen ihres Bundes gestanden hatte, und es war keineswegs ein Faktum, dass Johannes hier eine unangefochtene Autorität war, obwohl er auch gleich zu Beginn das Ruder an sich gerissen hatte. Mit der Zeit gefiel es Jürgen ohnehin immer weniger, wie sein Freund den Laden führte. Er sprach dauernd wie ein Buchhalter über irgendwelches Geld, das dem »arischen Feuer« auf der Einnahmenseite fehlte, über finanzielle Schwierigkeiten und dergleichen. Anstatt es richtig krachen zu lassen und, wenn es denn fehlte, Geld mit Waffengewalt in einem Supermarkt oder einer Bank zu besorgen – von den Schreckschusspistolen hatten sie ja eine ganze Auswahl und auch ein paar richtige Waffen, die jetzt im Kofferraum lagen, waren in ihrem Arsenal vorhanden –, zog Hans irgendeinen dunklen Handel auf von schlüpfrigen Filmchen mit Kinderpornos und ließ sich, ohne andere zu fragen, mit zwielichtigen Gestalten ein, in deren Auftrag die Jenaer Zelle regelmäßig in voller Montur – Baseballschläger, Springerstiefel und schwarze Uniformen – ausrücken musste, um bei jemandem Geld einzutreiben. Es war alles andere als das, was sich Schorsch bei der Gründung ihrer Vereinigung vorgestellt hatte. »Hör jetzt auf mit dem Quatsch, du Blödmann!«, gab Johannes zur Antwort auf Jürgens höhnische Bemerkungen. Es waren unhöfliche Worte, aber die Stimme des Zellenvorstands klang gutmütig, offenkundig akzeptierte er weitgehend die Sonderrechte, die Schorsch für sich beanspruchte. »Dann fällen wir den Baum auch gleich gemeinsam«, setzte Jürgen den Schlusspunkt in der Diskussion. Tobias meldete sich unverhofft wieder zu Wort: »Wollten wir heute nicht noch die Gittertür aufbrechen und die Hexe aus dem Bau ausräuchern?« Er hatte indes ebenfalls einen Korken zischen lassen und besänftigte seinen Kater mit hastigen Schlucken. Beide Strategen schauten ihren Bierboten verblüfft an und man hätte den Eindruck bekommen können, dass ihnen die Köpfe qualmten, so angespannt arbeiteten ihre alkoholbenebelten Hirne beim Versuch, die Ereignisse des gestrigen Tages zu rekonstruieren. Endlich ging Johannes als Erstem ein Licht auf. »Ey, du bist aber gut, Jung!«, lobte er Tobias. »Das habe ich ja ganz vergessen.« »Stimmt«, erhellte sich mit einem Mal auch Schorschs Gesicht. »Was war es überhaupt für ’ne Alte?« »Keine Ahnung«, gestand Johannes ehrlich. »Irgend so ’ne Stute, die geritten werden will.« »Kennst du die etwa?« »Bist du verrückt? Woher?« »Keine Ahnung! Du vögelst ja sonst alles, was nicht schnell genug auf den Bäumen ist.« »Nee, Mann.« Der Anführer nahm nachdenklich einen Schluck aus der Flasche. »Das war Zufall.« »Zufall?«, gab Schorsch zu bedenken. »Woher hast du denn gewusst, dass sie kommt? Du bist ja wie verrückt gewesen! Hast uns den ganzen Weg nach unten zum Pfad gehetzt und gesagt, dort ist ’ne heiße Braut unterwegs, ›frisches Fickfleisch‹! Sind deine Worte.« »Und?«, konterte Hans. »War sie nicht heiß? Hättest du sie gestern nicht lieber zwischen uns beiden im Zelt gehabt?« »Weiß ich nicht. Ich habe die Schlampe nicht gesehen. Sie ist ja abgehauen! Aber irgendwas stimmt mit ihr nicht, und mit dir, Bursche! Du hast ja genau gewusst, wo und wann sie vorbeikommt. Und dann: Warum haben wir sie nicht gleich ins Lager geschleppt? Warum hast du gesagt, wir sollen sie verfolgen?«
|
Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden
KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
Zahlen & Daten zum Werk
![]() Ihre Spende ist willkommen!Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank! Diese Seite weiterempfehlen»Link an Freunde senden |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||



