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OPEN DIGITAL LITERATURE PROJECT
Des Teufels Steg: Seite 87

»Lass sie offen!«, hörte er Johannes’ Stimme aus dem Zelt.

»Wen?«

»Na die Zeltklappe, verdammt!«

Seinen Kumpanen ging es wohl nicht viel anders als ihm, schlussfolgerte Jürgen, klappte den Stoffvorhang an der Eingangsöffnung zur Seite, nachdem er sich aufgesetzt hatte, und machte sich eine Zigarette an, um wenigstens mit dem Tabakrauch den Kater zurückzudrängen, der ihm fürchterlich zusetzte.

»Tobs!«, rief er nach ihrem dritten Trinkkumpan Tobias. »Du hast ja gestern noch eine Flasche Wasser aus dem Auto gebracht. Wo ist sie?«

Es dauerte eine Weile, bis aus dem Zelt etwas Nichtartikulierbares als Antwort kam. Nach der Wasserflasche musste er wohl selbst suchen, schätzte Jürgen die aktuelle Situation ein und stand auf. Noch leicht wackelig auf den Beinen schlenderte er durch ihr Nachtlager auf der kleinen Waldwiese und fand das Wasser endlich in der Nähe der Feuerstelle, wo die verkohlten Reste der Buchenäste noch schwach in der Asche glommen. Er trank ein paar Schluck und fühlte sich gleich etwas besser.

Schorsch warf die Kippe auf die glimmenden Kohlen und wandte sich wieder an seine Freunde im Zelt, als er nach der Zeit gesehen hatte: »Ich glaube, wir müssen eh schon aufstehen, Hans. Es ist schon bald ein Uhr und bevor der Rest hier antanzt …«

»Jaja.« Das zerknautschte Gesicht seines Kumpels schaute ihn bereits aus der Eingangsöffnung des Zeltes an. »Was glaubst du, was ich hier gerade mache?«

Unter dem Rest verstand der junge Mann erst einmal noch vier weitere Mitglieder ihrer Kameradschaft, drei Jungs und die »Tussi« von Hans Sonja, die heute zu ihnen stoßen sollten. Zumindest war es so im Vorfeld verabredet worden, dass Jürgen, Tobias und Johannes schon vorab in den Harz in die Nähe des Hexentanzplatzes in Thale reisten und irgendwo unauffällig im Wald kampierten, um zuerst in der Gegend nach möglichen Polizeisperren und sonstigen unliebsamen Aktivitäten der Ordnungshüter jedweder Art Ausschau zu halten, ehe die übrigen Vereinsangehörigen und danach auch geladene Gäste zu dem gelinde gesagt nicht in vollem Maße offiziellen, falls überhaupt legalen, Szenentreffen, dem »Hexenfeuerfest« kommen konnten, ohne in einen Hinterhalt der »Bullen« zu geraten – diese hatten nämlich Wind von der Sache bekommen und waren schon letztes Jahr sehr lästig gewesen. Doch die drei Kundschafter waren schon seit drei Tagen vor Ort und hatten keine Vertreter der Staatsgewalt zu Gesicht bekommen, jedenfalls war bis jetzt alles ruhig geblieben, weshalb die konspirativen Camper schon gestern ihre »Kameraden« diskret von einem Münztelefon angerufen und ihnen mitgeteilt hatten, dass die Luft rein war und alle kommen konnten.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Sie stammten alle aus einem Vorort von Jena in Thüringen und hatten die weite Anreise auf sich genommen, weil man hier in den dichten Wäldern des Harzes, wo nach dem Mauerfall einerseits die Sperrgebiete aufgehoben worden waren und andererseits sich die Touristenströme, zumindest im Osten, bislang in Grenzen hielten, noch weitgehend ungestört unter sich bleiben und die symbolischen Verbrennungen von Hexen am Kreuze unbehelligt vollziehen konnte, die schlechthin eine rituelle Bedeutung für die Mitglieder der Kameradschaft »Die Störkraft des arischen Feuers« hatten. In der Heimat hatten schon die Behörden ein Auge auf die Untergrundvereinigung gelegt und es wurde immer schwieriger, etwas Ähnliches zu veranstalten. Offen gestanden waren die Strohhexen, die sie ans Kreuz nagelten, nur eine Tarnung für den Fall, dass plötzlich die Polizei auftauchte und sie sagen konnten: »Hier, wir praktizieren ja nur den im Harz seit jeher weitverbreiteten Hexenglauben, was wollt ihr überhaupt von uns?«, aber in Wirklichkeit stellten sich die »Knaben« bei den Verbrennungen ganz andere Dinge vor, nämlich die, die sie auch schon in Jena in den »national befreiten Zonen« propagiert hatten, wenn sie in den unverwechselbaren schwarzen Uniformen gelegentlich aus Spaß an der Sache durch die Straßen marschierten – »Ali muss weg!« Die Frage, auf welchem Wege »Ali« wegmusste, war offen, man konnte sich allerhand vorstellen und am kommenden Samstag in der Nacht sollte die Show bei Vollmond über die Bühne, besser gesagt über den Hexentanzplatz gehen.

»Nun wach endlich auch mal auf, Tobs!«, sagte Johannes, nachdem er auch etwas Wasser aus der Flasche getrunken hatte, um zu sich zu kommen. »Geh mal zum Auto und hol paar Flaschen Bier, damit wir wieder ein bisschen Geschmack im Mund kriegen!« Er steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und zog sie gleich wieder heraus – ein plötzliches Übelkeitsgefühl übermannte ihn.

Im Zelt wurden Geräusche laut und ein wimmerndes Stöhnen kündigte das Erscheinen von Tobias an, der in Kürze wie ein Bündel Elend auf allen vieren aus dem Zelt herauskroch – Hans war hier derjenige, der das Sagen hatte, und er, Tobias, nur ein »Junge zum Bierholen«, und egal wie schlecht es ihm ging, musste er den Anregungen der älteren Kameraden Folge leisten, wenn er dabei sein wollte und nicht eins aufs Maul zu kriegen beabsichtigte. Mit unsicheren Schritten ging er hinter das Zelt und verrichtete im Stehen leicht hin und her schwankend die Notdurft.

»Wie spät ist es?«, fragte er mit heiserer Stimme und räusperte sich, als er seine Hose wieder zuknöpfte.

»Ein Uhr!«, antwortete der Oberkamerad unwirsch. »Jetzt geh schon!«

Ohne Widerreden begab sich der unglückliche Botenjunge durch den Wald zum Auto, das an einem Feldweg am Waldsaum geparkt stand, gut versteckt in hohem Gras vor neugierigen Blicken.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.960
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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