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Des Teufels Steg: Seite 82
»Ja, Wolfgang«, meldete sich Knöpfle, nachdem er eine Zeit lang in sich gekehrt mit seinem Mercedes dem Verlauf der Straße zu folgen geübt hatte, »das schlägt einem fürchterlich aufs Gemüt, gell?« »Sie kennen es also?« Dem Handelsvertreter war nicht entgangen, dass Knöpfle ihn mit »Wolfgang« ansprach, also musste es den Schriftsteller tief berührt haben, wenn er schon von seinem ewigen Sarkasmus abgesehen hatte. »Waren Sie auch schon in so einer ähnlichen Situation?« »Mmh …«, gab Knöpfle von sich. »Das könnte man so sagen.« Er verstummte erneut. Allem Anschein nach wollte dieser Richard nicht darüber reden, ging es Wolfgang durch den Kopf, aber er nahm es ihm nicht übel – Hauptsache, er selbst fühlte sich, wie gemein das auch klingen mochte, erleichtert, nachdem er einen Teil der seelischen Last, die sein Herz beschwerte, dem Märchensammler durch seine kurze Offenbarung aufgebürdet hatte. Denn je häufiger man sein Leid mit anderen Menschen teilte, desto weniger hatte man selbst zu tragen. Diese Weisheit hatte ihm mal ein »Kumpel« aus der trüben Zeit seines Absturzes, ein philosophisch veranlagter Alkoholiker verraten und Wolfgang hatte sie beherzigt, irgendwie funktionierte sie. Der Vertreter wechselte das Thema: »Was für eine Wanderung möchten Sie denn heute machen?« Knöpfle schreckte aus seinen Gedanken auf. »Wie bitte?«, fragte er irritiert. »Na Sie wollten doch heute noch einen Ausflug machen! Wohin geht es denn?« »Wir wandern zur Roßtrappe, Breitscheid! Zur Roßtrappe durch das Bodetal, falls es Ihnen etwas sagt, Herr ›elender Vertreter für französische Weine‹!« Knöpfle war wieder ganz der Alte – ein unverbesserlicher sarkastisch-zynischer »Lump«. »Nein, Herr Geisterjäger!«, gab auch Wolfgang mit beißendem Hohn zurück, »Elende Weinvertreter kennen sich mit so was nicht aus! Aber ich wette, Sie werden es mir gleich verraten. Und was heißt hier eigentlich ›wir‹?« »Meine Bemerkung sollte Sie nicht beleidigen, Wolfgang«, ruderte Knöpfle zurück. »Tut mir leid, edler Freund. Meine Wenigkeit bittet gesenkten Hauptes um Ihre gnädige Nachsicht. Und da Sie schon fragen: Die Roßtrappe ist ein Hufabdruck auf einem Felsen über der Stadt Thale, und wurde hinterlassen von dem Pferde der schönen Prinzessin Brunhilde, an der Stelle, wo sie ihr weißes Ross zum Sprung über die Bodeschlucht anspornte und am Ende damit Erfolg hatte, wohingegen ihr Verfolger, der Ritter Bodo, in die Fluten stürzte und dort bis heute als Hund ihre Krone bewacht.« »Und so was lassen Sie sich für Ihre Bücher einfallen?«, fragte Wolfgang schon etwas friedfertiger.
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»Keineswegs!«, entgegnete Knöpfle. »Meine Geschichte klingt anders. Oder besser gesagt wird anders klingen, sie ist noch nicht fertig, dafür wandern wir erst überhaupt nach Thale! Übrigens, mit ›wir‹ meine ich mitnichten uns beide, mein gnädiger Herr, sondern die Zimmermanns, die Sie heute beim Frühstück kennengelernt haben, gell? Sie haben sich großzügigerweise bereit erklärt, mich heute Nachmittag durch das Bodetal zu begleiten, und möchten sich bei der Gelegenheit an alte Zeiten erinnern!« Nach Thale? Knöpfle wollte also nach Thale wandern, grübelte Breitscheid nach. Dort musste Wolfgang auch hin, und zwar heute noch, vorzugsweise bevor die einschlägigen Autowerkstätten Feierabend machten. Doch für eine Spritztour in die Stadt mit Knöpfles Wagen, wie Wolfgang es sich vorhin vorgestellt hatte, würde der Schriftsteller nun nicht zur Verfügung stehen, das war sicher, denn die Wanderung würde voraussichtlich mehrere Stunden, bis zum Abend dauern, und Wolfgang wollte unter keinen Umständen Richard danach fragen, ob dieser ihm das Auto für ein paar Stunden überlassen konnte. Man sollte nicht noch den letzten Anstand verlieren, lautete Breitscheids feste Überzeugung, und die Hilfsbereitschaft der Leute, die einem ohnehin schon unter die Arme griffen, unverschämt immer weiter ausnutzen, wohl wissend, dass sie einem seine Bitte nicht mehr abschlagen konnten, teils aus Mitgefühl, teils aufgrund der menschlichen Eigenschaft, meistens einem Verhaltensmuster folgen zu wollen, die sich unter anderem in der Annahme manifestierte, dass wenn jemand A sagte, anschließend auch B sagen musste. Welche Möglichkeiten blieben ihm noch offen, erwog der Handelsreisende seine Chancen, heute Nachmittag nach Thale zu kommen. Sie waren gleich null, musste er am Ende zugeben. Mit dem Bus? Na ja, er hatte keine Ahnung, ob von hier überhaupt einer nach Thale fuhr, und wenn, dann stellte sich die Frage: Wie oft? Einmal am Tag? Einmal die Woche? In so einem kleinen Ferienort, wie Treseburg es war, hätte es durchaus der Fall sein können. Jemanden vom Hotel um einen Gefallen bitten, diese Katja zum Beispiel? Nein, irgendwie ging es ihm dabei wider die Natur, wenn er darüber nachdachte, das Hotelpersonal in seine Probleme einzuweihen und bei deren Lösung mitwirken zu lassen, – die Möglichkeit verwarf er ebenfalls. Er konnte sich natürlich noch an den Straßenrand hinstellen und die Hand ausstrecken in der Hoffnung, dass in einer mitnahm. Aber diese Fortbewegungsmethode erschien ihm so unsicher, dass er sie nicht länger als nur ein paar Sekunden in Erwägung zog. Als er daran dachte, dass sie mit Knöpfle schon etliche Kilometer gefahren und noch keinem Auto begegnet waren, wurde ihm klar, die Aktion hatte nicht den Hauch einer Chance auf Erfolg. »Diese Zimmermanns«, fuhr Knöpfle unterdessen fort, »sind ja ganz nette Leute! Übrigens, mein Gnädigster, die Ingrid hat mir eine sensationelle Geschichte von der Hexengroßmutter erzählt! Danach könnte man einen ganzen Roman schreiben, einen historischen Roman übers Mittelalter: Über die Verbreitung des Christentums, über Inquisition, über Hexenverfolgung und Ketzerverbrennung – so was halt, gell? Über eine romantische Liebesgeschichte, die im dunklen Zeitalter beginnt und bis heute währt, verstehen Sie?«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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