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Des Teufels Steg: Seite 83
»Nö, Knöpfle, davon verstehe ich nix! So lange dauert keine Liebesbeziehung, das können Sie mir glauben! Und auf Hexen und dergleichen bin ich seit paar Tagen nicht gut zu sprechen.« »Ja, stimmt, Breitscheid!«, erinnerte sich Richard. »Sie haben ja auch etwas Unheimliches erlebt, was Sie mir erzählen wollten!« »Möglicherweise«, meinte Wolfgang. »Aber im Moment ist es ganz schlecht! Wir sind nämlich angekommen. Da vorne liegt mein Fiesta!« Es war kein schöner Anblick, vor allem für Wolfgang Breitscheid. Der Kleine, der ihm jahrelang treu und ergeben gedient hatte, lag nun leblos und vergessen im Straßengraben in dieser gottverlassenen Gegend, halb auf die rechte Seite gekippt und die intimsten Stellen auf seiner mit Schrammen übersäten, durchgerosteten Unterseite zur Schau gestellt, die normalerweise nur dem Blick eines Automechanikers vorbehalten waren. Richard Knöpfle hielt auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf der Höhe der gestrigen Unfallstelle. Die Männer stiegen aus und gingen über die Straße zum Autowrack. Es roch immer noch nach Benzin und ausgetretenem Motor- und Getriebeöl. »Puh …«, brachte der »verrückte Schriftsteller« sein Gefühl der inneren Erleichterung zum Ausdruck, als er sich von dem Unfallwagen ein Bild gemacht hatte. »Da bin ich aber glücklich, Breitscheid, dass sie jetzt noch lebendig vor mir stehen, gell?« »Machen Sie keine Witze! Es war schon hart genug, da wieder rauszukommen.« Wolfgang deutete auf das offene Fenster der Fahrertür. Der Legendensammler ging vorsichtig näher an den Wagen heran und sah hinein. »Und wie wollen wir ihren ganzen Krempel da herausholen?«, fragte er Wolfgang nach einer Weile. »Das weiß ich noch nicht«, gestand der überlebende Handelsreisende, der sich offenkundig auch schon diese Frage gestellt hatte. »Ich glaube«, verlautete Knöpfle seine Überlegungen, »wir müssen Ihren schönen Fiesta wieder auf die Beine stellen, sonst kommen wir nicht dran, gell?« »Wie wollen Sie denn das hinkriegen?« »Nun, mein liebster Weinvertreter«, meinte Knöpfle in einem belehrenden Ton, »für zwei kräftige Männer, wie wir es sind, durfte es doch kein Problem werden, Ihrem ›Wunder der Technik‹ einen Schubs zu verpassen, dass es wieder die horizontale Position einnimmt.« »Und wenn der Schuss nach hinten losgeht?« »Unsinn, Breitscheid! Das Auto liegt mit der Seite auf dem Rand des Grabens, sehen Sie doch mal hin, da ist so ein kleiner Wall, er stützt das Auto und lässt es nicht weiterrollen. Wenn wir uns daraufstellen und mit aller Kraft gegen das Dach drücken, könnte es klappen, gell? Was meinen Sie?«
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»Tun Sie, was Sie nicht lassen können! Kommen Sie, Knöpfle, machen wir das einfach!« Es war kaum zu glauben, aber der Schriftsteller hatte recht gehabt, es funktionierte. Der Wagen stand zwar kurz auf der Kippe und drohte einen Augenblick lang zurück auf die Seite zu fallen, aber nachdem Richard sich mit der Schulter gegen das Dach gestemmt und dem Auto den nötigen Impuls gegeben hatte, um den Schwerpunkt in die vorgesehene Richtung zu verlagern, rauschte der Fiesta mit losen Metallteilen in seinem Inneren scheppernd zu Boden, kam mit Wucht auf die Reifen auf und federte noch ein paarmal in den Stoßdämpfern, ehe er zum Stillstand kam. »Das hätten wir dann!«, sagte Richard stolz und klopfte sich mit der Hand den Staub von der Schulter. »Jaja«, gab Wolfgang seine Fehleinschätzung zu, »lassen Sie es jetzt gut sein. Sie hatten recht.« Beide Türen hatten sich noch bei dem Unfall fest in die Karosserie verkeilt und ließen sich nach wie vor nicht öffnen, aber zum Glück war bei der unsanften Behandlung von vorhin die Heckklappe von selbst aufgesprungen und gewährte nunmehr Zugang zum Inhalt des Kofferraums, durch den man auch in das Wageninnere mit der Hand greifen, ja gar über die Rückenlehne der hinteren Sitzbank bei Bedarf hineinklettern konnte, was dank der mäßigen Größe der Fahrgastzelle bei einem Fiesta nicht zwingend erforderlich war. Wolfgang öffnete die Klappe und sah hinein. Es roch nach Wein, wahrscheinlich waren ein paar Flaschen in den Probenkoffern zu Bruch gegangen, mutmaßte er. Dann zog er seinen Reisekoffer heraus und stellte ihn auf den Boden, einige Tropfen Rotwein hingen noch an seiner Unterseite. »Dann lege ich mal ein Stück Plastikfolie in meinen Kofferraum«, sagte Richard und ging zu seinem Auto über die Straße. Wolfgang öffnete die Weinkoffer und sah nach dem Inhalt. Nur eine Flasche war entzweigegangen, stellte er nach einer oberflächlichen Begutachtung fest. Auch eine eingehende Inspektion brachte kein anderes Ergebnis. Das nannte man »Glück gehabt«, dachte er sich. »Was haben Sie denn hier Schönes?«, erklang an seinem Ohr Knöpfles Stimme, der inzwischen wieder neben ihm stand und ebenfalls die Flaschen in den Probenkoffern in Augenschein nahm. »Das sind meine Probierweine«, antwortete Breitscheid, während er vorsichtig die Glasscherben aus dem Koffer entfernte.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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