Logo Leseecke
OPEN DIGITAL LITERATURE PROJECT
Des Teufels Steg: Seite 81

Dieselbe Frage stellte sich auch der Franziskanerbruder, während die Kardinäle und das restliche Publikum die Gerichtsstube verließen. Eigentlich war er kein großer Befürworter der peinlichen Verhöre bei alten Hexenweibern. Sie waren standhaft, die Befragungen konnten viele Stunden dauern und waren oftmals von geringer Wirksamkeit und die erzielten Geständnisse trügerisch. Sich bei der Folter stundenlang den entblößten, vom Alter gezeichneten, verfallenden Leib eines betagten Weibes währen der Folter anzuschauen, rief beim Untersuchungsrichter eher ein leichtes Ekelgefühl hervor, als dass es ihn in irgendeiner Form reizte. Er hätte das Geständnis auch folterfrei aus der alten Frau herausbekommen, ohne körperliche Schmerzen zuzufügen oder Blut zu vergießen, denn das härtete seiner Meinung nach eine alte, erfahrene Hexe, welche diese Schneiderin ohne jeden Zweifel war, noch mehr ab und ließ ein reuiges Geständnis in aller Regel in weite Ferne rücken, wobei seelisches Leid und moralischer Druck auf die Verdächtige eher dafür geeignet zu sein schienen, um mit weniger Aufwand schnellere Ergebnisse zu erzielen. Doch die Kardinäle hatten eine peinliche Befragung angeregt, und zwar in einer Form, bei der er, ein Inquisitor, der noch nicht lange im Amt war, kaum Nein sagen konnte.

Der Franziskaner hatte einen schlauen Plan ausgeklügelt, der voraussichtlich zu dem gewünschten Geständnis führte, noch bevor man die Daumenschraube anzog. Sein Vorhaben musste er noch mit Hannes besprechen, denn der Tischlergeselle war ein Teil davon, um nicht zu sagen, ihm war dabei eine zentrale Rolle zugedacht. Doch das alles hob sich der Mönch für heute Abend auf, nachdem die Zeugen befragt worden wären, vielleicht würden ja noch zusätzliche Verdachtsmomente ans Licht kommen oder – wer konnte es schon grundsätzlich ausschließen? – die Zeugen etwas aussagen, was die Hexe entlastete, obwohl er sich das bei den Beweisen kaum vorstellen konnte. Gegenwärtig war erst einmal ein bescheidenes Mahl mit der Klostervorsteherin und den Kanonissen angesagt, denn es war inzwischen Mittag geworden, und danach hatte er noch vor, ein kleines Nachmittagsschläfchen zu halten, weil die kommende Nacht erfahrungsgemäß lang werden konnte.

 

Wolfgang hatte gewisse Bedenken, ob es wirklich dieselbe Straße war, auf der er gestern in der Dunkelheit den Unfall erlitten hatte. Sie war bei Tage so anders als die, die er in der Nacht entlanggelaufen war, dass der gebeutelte Handelsreisende schon Richard fragen wollte, ob dieser sich nicht zufällig verfahren hatte. Dennoch war es dieselbe enge Landstraße durch das Luppbodetal, das sich von seiner schönsten Seite präsentierte und für Wolfgang aus dem einfachen Grund nicht wiedererkennbar war, weil er das Tal ganz anders erlebt hatte – mit Nebelbänken, Schattengestalten am Waldrand, entstellten Hexengesichtern und natürlich dem blonden Mädchen, das ihm nach wie vor keine Ruhe ließ. Ehrlich gesagt, war es ihm gestern Abend auch nicht nach Schönheiten der Natur gewesen, er hatte andere Sorgen gehabt, dafür genoss Wolfgang aber heute die malerischen Ansichten, die am Auto in ihrer natürlichen Größe vorbeizogen, umso mehr.

(?)
Leseecke Schließen
Lesezeichen setzen
 
Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
»Jetzt lesen

Die Sonne schien und der dichte Mischwald, der die abgeflachten Hügel zu beiden Seiten des Tals bedeckte, nahm die Farbe des Frühlings an. Obgleich es Mitte August war, strahlte das frische, helle Grün an den Bäumen wie im April, wenn die Knospen aufplatzten und die ersten kleinen Blätter hervorkamen. Die Straße schlängelte sich von Kurve zu Kurve entlang der Luppbode, die derzeit nur als kleines, gemächlich vor sich hin plätscherndes Rinnsal durch das Tal floss, und hinter jeder Biegung bot sich Wolfgangs Augen ein neues, seinen Vorstellungen von wilder Natur schmeichelndes Bild. Einerseits freute ihn die idyllische Harmonie der Wildnis, die mit ihrer Vollkommenheit sein Herz berührte und ihn sentimental werden ließ, doch gleichzeitig versetzte sie Wolfgang mehr und mehr in einen depressiven Zustand, wenn er dabei an die Unvollkommenheit seines tristen Daseins dachte, an all die Kalamitäten die über ihn auf einmal hereingebrochen waren.

»Dann erzählen Sie mal endlich, was Sie hier so in der Gegend treiben, gell?«, forderte Richard seinen schweigsamen Beifahrer auf.

»Es ist deutlich weniger aufregend als bei Ihnen, Richard«, meinte Wolfgang traurig. »Ich reise auch durch die Gegend, aber im Unterschied zu Ihnen sammle ich keine unheimlichen Geschichten, sondern Weinbestellungen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich bin ein elender Vertreter für französische Weine, der nichts mehr in seinem Leben auf die Reihe bekommt.«

»Warum gleich so pessimistisch?«

»Na ja, weil es keinen Anlass zum Optimismus gibt«, antwortete der Weinhändler mit gleichgültigem, abwesendem Gesichtsausdruck.

»Läuft Ihr Handel so schlecht?«, versuchte der Schriftsteller, Wolfgang etwas gesprächiger zu machen.

»Nein. Obwohl, das auch! Aber der Hauptgrund liegt nicht darin. Ich habe nichts mehr. Keine Familie, keine Bleibe, keine Freundin, meine Arbeit bin ich so gut wie los, alles, was ich noch besitze, liegt in meiner Hosentasche und in dem kaputten Auto, das Sie gleich sehen werden. Ich bin am Ende. Ich habe mir etwas von dieser Woche im Harz versprochen, nun ist aber mein Wagen futsch, und alles ist wieder im Eimer!«

Plötzlich verspürte der unglückliche Weinvertreter einen unüberwindbaren Wunsch, sich bei jemandem über sein Schicksal zu beklagen, von dem er sich ungerecht behandelt fühlte, und dieser jemand sollte seiner Meinung nach ausgerechnet Richard Knöpfle werden, der ihn dauernd aufzog und sich auch sonst zuweilen ziemlich danebenbenahm. Aber auf eine für ihn unerklärliche Weise spürte Wolfgang, dass er sich bei diesem sonderbaren Mann ausweinen, sich ihm mit seinen Problemen anvertrauen konnte, ohne Gefahr zu laufen, einfach ausgelacht zu werden. Hinter der Fassade, der Maske, die Richard Knöpfle in der Öffentlichkeit trug, vermutete Wolfgang einen sehr sensiblen, zartbesaiteten Menschen, und die neueste Erkenntnis, dass der Mann zudem auch noch Schriftsteller war, bestärkte ihn zusätzlich in seiner Annahme. Er hatte sich also nicht geirrt, erinnerte sich Wolfgang an seine Überlegungen heute am frühen Morgen, der Mann war gebildet, so umwunden wie Knöpfle manchmal seine Gedanken zum Ausdruck brachte, hätte es kein Tölpel wie er, Wolfgang, tun können. Auch die Frauengeschichten von Knöpfle störten ihn dabei nicht besonders, er selbst hatte ebenfalls mehr als genug davon gehabt und hätte sich nicht als prüder Puritaner aufspielen können.

| Seite 81 von 233 |

Günstige Downloads für Ihr Gerät

Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
PDF
Titel: Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
PDF Dokument: Format A5, 518 Seiten, Dateigröße 217.705 KB, Ausgeführte Dowloads 0, PDF-Reader zum Lesen erforderlich! Auch zum Lesen im Ebook-Reader geeignet
12,99 € N/A
Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
EPUB
Titel: Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
E-Book im ePub-Format: Anzahl Seiten deviceabhängig, Dateigröße 917 KB, deviceübergreifend optimiert, Ausgeführte Dowloads 0, e-Book Reader zum Lesen erforderlich!
12,99 € »Epubli Verlag
Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt Titel: Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt
Jetzt eine Printausgabe bestellen! Sie werden gleich auf die Seite des Verlages weitergeleitet, wo Sie Ihr Exemplar bequem erwerben können.
26,99 € »Epubli Verlag

Diese Seite weiterempfehlen

»Link an Freunde senden
Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.949
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

Ihre Spende ist willkommen!

Wir stellen Ihnen gerne alle Inhalte unserer Webseite kostenlos zur Verfügung. Sie können die Werke auch in der E-Book-Version jederzeit herunterladen und auf Ihren Geräten speichern. Gefallen Ihnen die Beiträge? Sie können sie alle auch weiterhin ohne Einschränkungen lesen, aber wir hätten auch nicht das Geringste dagegen, wenn Sie sich bei den Autoren und Autorinnen mit einer kleinen Zuwendung bedanken möchten. Rufen Sie ein Werk des Autors auf, an den Sie die Zuwendung senden wollen, damit Ihre Großzügigkeit ihm zugutekommt.
Tragen Sie einfach den gewünschten Betrag ein und drücken Sie auf "jetzt spenden". Sie werden anschließend auf die Seite von PayPal weitergeleitet, wo Sie das Geld an uns senden können. Vielen herzlichen Dank!

Diese Seite weiterempfehlen

»Link an Freunde senden
Kreisende Punkte
Leseecke Schließen