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Des Teufels Steg: Seite 80

»Irmel macht ein Näherinnenkränzchen, um den Frauen ihr Handwerk beizubringen«, rang er sich schließlich zu einer Antwort durch.

»Ah«, fühlte sich der Franziskaner in seiner Annahme bestätigt. »Also doch! Sie veranstaltet also einen Zirkel bei sich zu Hause!«

»Ja, Vater. Aber es sind nur gottesfürchtige Frauen, die das Schneidern erlernen wollen.«

»Hast du, Tischler Hannes, je einer Sitzung dieses Zirkels beigewohnt?«, fragte der Mönch.

»Nein, Vater.«

»Also hast du keine genaue Kenntnis davon, um was es bei den Sitzungen geht?«

»Nein, Vater.«

»Mit anderen Worten: Es ist also möglich, dass es sich bei dem sogenannten Kränzchen weniger um das Schneiderhandwerk, sondern mehr um das Hexenwerk handelt?«

Was sollte Hannes nun auf diese Frage antworten? Vater Nicklas hatte ihn ganz geschickt zu einem Punkt in der Befragung geführt, wo er, der Logik des Gesprächs folgend, Irmel der Gründung einer Hexenvereinigung beschuldigen musste, wenn er nicht als Dummerjan gelten wollte, der die Fragen nicht verstand.

»Möglich ist es vielleicht«, fand er letztlich eine Zwischenlösung, »aber nicht alles, was möglich wäre, lässt Herr unser Jesus auf Erden geschehen.«

»Will sagen«, schlussfolgerte Vater Nicklas«, dass du weder das eine noch das andere bezeugen kannst, Tischler Hannes. Stimmt?«

»Ja, Vater.« Hannes blieb nichts anderes übrig, als seinem Meister zuzustimmen.

»Nun«, gab der Vorsitzende nach einer kurzen Pause nachdenklich von sich, »da die Sache gegenwärtig teils für die Angeklagte, teils gegen sie liegt und ein Antrag auf Erweiterung des Zeugenkreises gemacht worden ist, werde ich mich mit meinen Beisitzern, Ihren Eminenzen, beraten, um ein gerechtes Urteil fällen zu können, wie in diesem Prozess weiter zu verfahren ist.«

Der Untersuchungsrichter ging von seinem Pult zum Tisch und hielt mit den Kardinälen kaum vernehmbar Rat, während die Anwesenden ebenfalls miteinander tuschelten und offenbar den Inhalt und die Wirkung der Ansprache von Hannes thematisierten.

Der Tischlergeselle war begeistert, er hatte noch gar nicht geahnt, wie gewichtig sein Wort sein konnte, wenn man richtig hinter der Sache stand, von der man sprach. Es fanden sich passende Ausdrücke – ganz von allein –, Sätze ließen sich mühelos formen, ohne dass er lange nachdenken musste, und, was besonders aufregend war, Menschen hörten ihm zu und folgten seinen Ausführungen. Für ihn sah alles danach aus, dass er mit seiner Rede auch bei Vater Nicklas gewisse Bedenken an der Schuld der Schneiderin Irmel wecken konnte. Sein geistiger Höhenflug brachte ihn sogar so weit, dass er naiverweise eine Zeit lang übermütig annahm, die Angeklagte wäre dank seiner Rednerkunst gleich nach dem beratenden Gespräch der Richter freigesprochen worden, als der Franziskanerbruder wenig später ihn mit einem Mal auf dem harten Boden der Wirklichkeit aufschlagen ließ.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Der Vorsitzende verlautete die Entscheidung des Hohen Gerichts: »Im Namen des Herrn, Amen. Nach eingehender Prüfung der Umstände ordnet das Gericht Folgendes an: Es werden heute gegen fünf Uhr am Nachmittag weitere Zeugen gehört, die vom Tischlergesellen Hannes aus dem Dorf zum Tale geladen werden sollen und hier zu genannter Stunde erscheinen mögen. Das Gericht wird sie, damit sie nicht von bösen Kräften einer Hexe beeinflusst werden können, nicht im Beisein der Angeklagten verhören, nachdem die Richter sich vom tadellosen Leumund der Erschienenen überzeugt haben. Die Angeklagte wird bis morgen Früh in den Kerker überstellt, zur Strafe für ihre Unnachgiebigkeit und Verweigerung eines Geständnisses über den wahren Sachverhalt. Sie darf in der Zeit außer Wasser keine Nahrung zu sich nehmen. Des Weiteren wird verfügt, dass die Büttel die Angeklagte um zehn Uhr in der Früh des morgigen Tages in die Folterkammer bringen, wo sie, sollte in der Zwischenzeit kein Geständnis ihrerseits erfolgt sein, einer peinlichen Befragung unterzogen wird, denn die Beschuldigte ist in ihren Aussagen veränderlich. So gibt sie unter der Last der Beweise zu, dass sie Zauberkräuter gesammelt hat, leugnet aber die Absicht, sie zur Ausübung schwarzer Magie einsetzen gewollt zu haben. So gesteht sie, sich unzüchtig verhalten zu haben, verneint aber das offensichtliche Streben nach einem geschlechtlichen Akt mit dem Teufel. Um die tatsächliche Schwere der Schuld und das gerechte Strafmaß bestimmen zu können, muss das Gericht die Wahrheit aus eigenem Munde der Angeklagten hören. Die Verhandlung wird nun bis zur besagten Stunde unterbrochen. Bis dahin sind die Gerichtsdiener und Zeugen freigestellt.«

Aus Irmels Augen verschwand plötzlich wieder das funkelnde Glänzen der Hoffnung, die sie vorhin vergebens geschöpft hatte, und die illusorische Traumwelt von Hannes, in der er allen Ernstes von einem Freispruch für die Schneiderin fantasiert hatte, brach zusammen und lag ihm in Scherben zu Füßen. An ihre Stelle trat die bittere Erkenntnis, dass er mit seinem Intervenieren vielleicht noch alles schlimmer gemacht hatte! Aus welchem Grund hatte Vater Nicklas überhaupt peinliche Fragen und Folter angeordnet, wo doch noch Zeugen befragt werden sollten? Das passte beim besten Willen nicht in den Kopf des Tischlergesellen.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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