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Des Teufels Steg: Seite 79

Hannes hielt es nicht mehr aus, er stand auf und sagte mit fester, entschlossener Stimme: »Euer Ehren, das Hohe Gericht, Vater Nicklas, verzeiht meine Dreistigkeit und erlaubt mir nun ein Wort zu sprechen!«

Alle sahen den Tischler mit Anzeichen großer Verwunderung auf ihren Gesichtern an und sein geistlicher Mentor, sichtlich ein wenig unzufrieden damit, dass gerade etwas geschah, was ihm nicht so recht ins Konzept passte, sagte: »Aber sicher, mein Sohn, die Heilige Inquisition wird jedem zuhören, der in einem Hexenprozess Zeugnis ablegen will.« Er wandte sich an den Schreiber: »Marten, vermerke, dass das Gericht nun den Tischlergesellen Hannes aus dem Dorf zum Tale als Zeugen hören wird, der die Angeklagte kennt und über ihr Hexenwerk Aufschluss geben kann.«

Der Schriftführer notierte alles, wie von dem Vorsitzenden verlangt, und alle Blicke richteten sich erwartungsvoll auf Hannes.

»Hohes Gericht«, sagte der junge Mann, nachdem er sich geräuspert hatte, »ich kenne Schneiderin Irmel seit meiner Kindheit. Mir, meinen Jugendfreunden oder sonst jemandem in unserem Dorf ist noch nie aufgefallen, dass Irmel mit dunklen Kräften in Verbindung stehen könnte. Sie war immer eine vorbildliche Christin und seit ich sie kenne, ist sie darum bemüht, das Wort Gottes im Dorf zu verbreiten. Wie es dazugekommen ist, dass sie oben auf dem Tanzplatz beim Kräuterpflücken ertappt wurde, kann ich mir nicht erklären, denn sie ist dafür bekannt, dass sie Dorfweibern ins Gewissen redet, damit sie der dämonischen Kunst abschwören und Jesus Christus als Gott annehmen. Das und die Hexerei, derer sie beschuldigt wird, es sind zwei Dinge, die nicht zueinanderpassen!«

Irmel wurde es warm ums Herz. So einen Advokaten hatte sie sich gewünscht. Sie war nicht allein, Ewalts Sohn hatte sie nicht im Stich gelassen, es bedeutete ihr sehr viel, denn als sie ihn heute hinten auf der Bank hatte sitzen sehen, waren ihr schon einige Bedenken durch den Kopf gegangen, in welcher Eigenschaft er heute vorgeladen worden war, zumal sie über Hannes’ enge Lehrer-Schüler-Beziehung mit dem Inquisitor Bescheid wusste. Sie hatte sich in ihm nicht getäuscht und es wirkte auf sie beruhigend, der Junge hatte Anstand, er war gebildet und wortgewandt, er konnte reden und Zusammenhänge erklären, wie sie es niemals hätte tun können, um sich gegen die niederschmetternden Anschuldigungen zu verteidigen. Hannes kannte natürlich nicht die ganze Geschichte von seinem Vater, seiner Mutter und ihr, der Jungfrau Irmel, als sie noch der Kräuterkunst verfallen war, aber sie spürte, dass der Junge alles richtig verstehen und sie nicht verurteilen würde, wenn sie ihm die Wahrheit erzählte. Und das hatte sie unter allen Umständen vor zu tun, wenn sie, so Gott wollte, freigesprochen worden wäre. Jedenfalls gab es nun wenigstens einen Hoffnungsschimmer, dass sie alles unbeschadet überstehen würde.

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Der Brockenwicht

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Novelle von Nikolaus Warkentin
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»Trotz der Beweise«, sprach Hannes unterdessen weiter, »und dem Geständnis der Schneiderin, dass sie die unwürdigen Handlungen, die ihr vorgeworfen werden, zum Teil vollzogen hat, bitte ich Euch, Vater Nicklas, noch mehr Zeugen vorzuladen, die Irmel schon lange kennen und sie vom Hauptvorwurf, sie sei eine Hexe, entlasten könnten. Vielleicht findet sich auch für die Kräuter, die bei ihr gefunden wurden, eine ganz einfache Erklärung? Möglich wäre doch, dass die Schneiderin nur unbedacht eine lässliche Sünde beging, indem sie sich einem leichtsinnigen Rat eines anderen Weibes folgend auf die Wiese begab, um die vermeintliche Heilkraft der Kräuter zu versuchen, sich jedoch nicht des schweren Verbrechens vor Gott wie Ketzerei oder Hexerei schuldig gemacht hat.«

Der Inquisitor befürchtete ernsthaft, dass ihm gleich der ganze Prozess um die Ohren flog. Der Junge war gut. Dass er dem Tischlergesellen so viel von der Kunst, logisch zu denken und Schlüsse zu ziehen, hatte vermitteln können, erfüllte den Franziskaner einerseits mit Stolz – die Argumente im Antrag auf Hinzuziehen weiterer Zeugen, waren einfach unschlagbar, er konnte sie nicht einfach ignorieren, wenngleich sein Lehrling auch kein bestellter Verteidiger war –, doch andererseits fragte er sich, wie es dazu kommen konnte, dass Hannes unverhofft zu einem Widersacher geworden war. Es war genau das Gegenteil dessen, was ein Meister von seinem Schüler erwartete – bedingungsloses Gehorsam, Gefolgschaft und Loyalität. Der Mönch war der Meinung, dass er noch etwas daran arbeiten und dem Jungen eine Lektion erteilen musste, die das gebührende Verhalten seinem Meister gegenüber zum Thema hatte. Er versuchte allerdings zunächst nur, die Verhandlung in die vorgesehene Bahn zu lenken, denn er merkte, dass die Mienen Ihrer Eminenzen während des Vortrages immer eisiger wurden, und Ärger mit dem Papst, falls die beiden vorhatten, Seiner Heiligkeit etwas über die Fähigkeiten des frischernannten Inquisitors zu berichten, konnte er nicht gebrauchen.

»Das Gericht hat deinen Antrag zur Kenntnis genommen, mein Sohn«, sagte der Vorsitzende. »Aber sag uns doch, Tischler Hannes, ob du je gesehen hast, dass sich die Dorfweiber bei der Angeklagten versammeln und gemeinsam Sitzungen abhalten.«

Hannes begriff sofort, worauf Vater Nicklas hinauswollte. Er steckte in einer Zwickmühle, bei der sowohl eine bejahende als auch eine verneinende Antwort große Nachteile mit sich brachten: Ein Ja hätte unverzüglich dazu geführt, dass die Schneiderin des Betreibens eines Hexenzirkels schuldiggesprochen worden wäre, was überhaupt nicht stimmte, doch angesichts der vorliegenden Beweise als die wahrscheinlichste Folge seiner Antwort in Betracht gezogen werden musste, und ein Nein … Er traute sich kaum daran zu denken. Ein Nein hätte bedeutet, dass er vor einem geistlichen Richter gelogen hätte. Es war genauso schlimm, wie vor Gott zu lügen, der ohnehin schon die Wahrheit wusste, ehe man den Mund aufmachte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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