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Des Teufels Steg: Seite 77

Zum Teil konnte er den medizinischen Aspekt als Rechtfertigung für ihre Taten nachempfinden, denn seit jeher, und seine Mutter beispielsweise war da keine Ausnahme gewesen, befassten sich die Leute im Dorf mit der Kräuterheilkunde und, was das Merkwürdigste war, die Kräutlein halfen. Hannes konnte sich noch lebhaft entsinnen, wie er als Kind wochenlang vom Husten geplagt worden war, sodass keiner mehr an seine Genesung glaubte und alle sich schon auf das Schlimmste vorbereiteten, bis seine Mutter eines Tages ein seltsames Gras mitgebracht, einen Trank daraus zubereitet und ihn davon hatte trinken lassen. Nach zwei Tagen hatte er wieder aus eigener Kraft auf den Beinen stehen können und die seltsame Krankheit hatte ihn seitdem kein einziges Mal mehr heimgesucht! Wo seine Mutter die Kräuter hergehabt hatte, entzog sich seiner Kenntnis und um ehrlich zu sein, wollte der Tischlergeselle die Einzelheiten hierzu nicht wissen, ihm graute von der Vorstellung, seine Mutter hätte sich wie Irmel nachts auf eine Wiese im Wald geschlichen und dort ungebührende Handlungen vollzogen. Denn ein anderer Teil von ihm, der unermesslich größer war als die Akzeptanz der Kräuterheilung, lehnte sich kompromisslos gegen jede Ketzerei auf, gegen alles, was auch nur die geringste Spur von Aberglauben, Zauberei und Hexenwerk aufwies. Die unbelehrbaren Weiber aus dem Dorf machten doch bei Vollmond im Wald nichts anderes, als Dämonen heraufzubeschwören und ihnen zu huldigen. Es kam alles von dem alten Aberglauben an die »Wilden Leute«, die angeblich im Wald lebten und an deren Existenz viele zu glauben geneigt waren, wenngleich noch nie einer die geheimnisvollen Männer nachweislich gesehen hatte. Die Zauberei mit den Kräutern sollte ja auch ursprünglich von den »Wilden« stammen, soweit Hannes informiert war, und musste deshalb seiner Ansicht nach gnadenlos bekämpft werden.

Der junge Mann dachte mit Entsetzen darüber nach, wie viele Leute im Dorf sich in den kommenden Tagen als Teufelsjünger entpuppen würden, und nicht zuletzt, wer von den scheinbaren offenherzigen Dörflern noch eine dunkle Seite besaß, von der keiner etwas geahnt hatte, denn nach einem Beispiel musste man nicht lange suchen: Schon am ersten Tag war Vater Niklas eine Frau ins Netz gegangen, von der Hannes geglaubt hatte, sie sei das gehorsamste Geschöpf in der Welt, das Unschuldslamm schlechthin. In Wirklichkeit sprachen die Beweise aber dafür, dass die Schneiderin eine Hexe war, und vermutlich nicht die einzige im Dorf. Hannes hatte den Eindruck, dass sein Meister sich die Säuberung der Gegend von Hexen und Ketzern ernsthaft vorgenommen hatte und mit aller gebührenden Härte durchgreifen würde, was der angehende Theologe für längst überfällig hielt und in diesem Punkt voll und ganz hinter seinem Lehrer stand. Gleichwohl weckte Irmel, so wie Hannes sie willenlos, gebrochen und völlig am Boden zerstört vor dem Richtertisch liegen sah, ein starkes Mitleidsgefühl in ihm, das seinen Wunsch, ihr aus der äußerst schwierigen Lage helfen zu wollen, noch zusätzlich bekräftigte. Irgendetwas ließ ihn noch daran zweifeln, dass in diesem Fall alles so eindeutig war, wie Vater Nicklas es darstellte.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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»Das Gericht sieht es als erwiesen an«, zog der Franziskaner einen Schlussstrich unter dem ersten Anklagepunkt, »dass sich die Angeklagte des Sammelns von teuflischen Kräutern und Gewächsen, die dem Zwecke der Aufnahme einer Verbindung zu dämonischen Kräften dienen, vor Gott schuldig gemacht hat.«

Irmel gab ein paar winselnde Laute von sich, als wolle sie noch etwas zu ihrer Rechtfertigung sagen, doch Vater Nicklas schenkte ihr keine Beachtung.

Er fuhr in der Beweisführung fort: »Nun liegen dem Gericht die Aussagen von Zeugen vor, deren Namen hier aus Gründen ihrer eigenen Sicherheit nicht kundgetan werden, um sie nicht der Macht der Bosheit einer Hexe auszusetzen, die berichten, dass die Angeklagte bei ihrer Festnahme dabei beobachtet wurde, wie sie, nachdem sie einige ihrer teuflischen Gewächse verspeist hatte, ihre Kleider ablegte und den Satan anrief, um mit ihm unzüchtige Handlungen zu vollziehen.«

Der Untersuchungsrichter nahm den Stapel mit den schriftlichen Aussagen vom Tisch und überflog einige Seiten, um sich ein Bild von dem Inhalt der Schriften zu machen, wobei er sich bei einigen Passagen länger aufhielt und die Sätze, die für ihn von Interesse waren, aufmerksamer las, während die Anwesenden geduldig auf ihn warteten.

»Es besteht beim Gericht kein Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugen«, sagte er schließlich. »Es sind ehrenhafte Männer, die der Schutzgarde der Heiligen Inquisition angehören. Sie genießen das volle Vertrauen dieses Untersuchungsgerichtes. Die Zeugnisse, die die Schuld der Angeklagten beweisen, werden unverzüglich vorgetragen, sofern die Beschuldigte ihre Taten nicht freiwillig gesteht. So sag uns, Schneiderin Irmel: Gestehst du deine Absicht, dich mit dem Teufel zu vereinigen, um durch ihn besondere Zauberkräfte zur Ausübung deiner höllischen Künste zu erlangen?«

Die alte Frau murmelte etwas Unverständliches, was der Vorsitzende nicht als Geständnis wertete.

»Nun berichtet aber ein Zeuge, dass er gesehen hat, wie du dir vor deiner Festnahme die Kleider vom Leibe gerissen hast, dich unsittlich auf alle vieren gestellt, und den Boden geküsst hast. Er gibt zur Niederschrift an: ›Wie vom Dämon besessen zog sich die Frau geschwind ihre Kleider aus und kroch völlig nackt auf allen vieren über die Wiese, sich ab und zu mit dem Kopf zum Boden bückend und danach die Arme zum Himmel hebend.‹ Gibst du es zu?«

Was blieb Irmel noch anderes übrig, als es zuzugeben? Nichts. Denn genau das, was die Aussage des Mannes von der Schutzgarde beinhaltete, hatte die Schneiderin gemacht, als sie unter der Wirkung der konsumierten Zauberpilze Gott im Himmel gesehen und ihn geehrt hatte. Sie war mit Gott allein, von Angesicht zu Angesicht gewesen, wer hätte da überhaupt etwas dagegen haben können, dass sie ihre Kleider ausgezogen hatte. Sie hatte vor Gott keine Geheimnisse und er sollte sie auch so sehen, wie er sie schuf und so wie sie war, rein und unverfälscht. Es war keine Sünde, nackt vor Gott zu stehen und zu ihm zu beten. Und den Boden dankend zu küssen, auf dem er die wundersamen Gewächse gedeihen ließ, war es ihrer Ansicht nach auch nicht.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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