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Des Teufels Steg: Seite 78
»Ja«, sagte sie leise. »Ich gestehe, nackt zu Jesus gebetet zu haben.« Apprehensives Raunen ging durch die Reihen der Anwesenden. Die gottesfürchtigen Kanonissen rundeten erschrocken ihre Augen, hielten sich die Hand vor den Mund und blickten beschämt zu Boden, die Gesichter der römischen Kardinäle am Richtertisch wurden vor Zorn fast so rot wie ihre Soutanen. Hilflos sah der Schriftführer Vater Nicklas mit fragendem Blick an in der Hoffnung, von ihm einen Hinweis zu bekommen, wie er die offenkundige, haarsträubende Blasphemie in einem verhüllend honetten Wortlaut im Protokoll wiedergeben konnte. Stattdessen setzte der Franziskanerbruder unbeeindruckt seine Befragung fort: »Du gestehst also, dich vor dem Antlitze Gottes wie eine Dirne im Freudenhaus absichtlich entblößt zu haben?« »Nein, Euer Gnaden«, versuchte Irmel mit weinerlicher Stimme, ihre wahren Absichten zu vermitteln, »ich habe zu Gott, unserem Heiland, gebetet und ihn um Beistand ersucht, und Jesus hat das Wunder vollbracht, weil er gesehen hat, wie aufrichtig meine Bitte war, nichts hinderte ihn bei seinem Blick in meine Seele, denn ich trug keine Kleider, er sah mich so, wie Gott mich schuf.« Der Vorsitzende dachte einen Augenblick nach und verkündete alsdann seine Sicht der Dinge: »So sage ich dir, Schneiderin Irmel aus dem Dorf zum Tale: Es ist unserem Herrn ein Gräuel, wenn jemand seine Scham zur Schau stellt, denn damit macht sich ein Weib einer Hure gleich! Und Gott wäre nicht Gott, hätte er in seiner Anwesenheit dein unzüchtiges Treiben zugelassen, sondern der Teufel, der dich zur Unzucht verleitet hat. Das Böse ist dir in der Gestalt Jesu Christi erschienen und dich auf den Weg der Sünde und Verdammnis gelenkt, auf den Weg der Hexerei und schwarzer Magie, den du, Schneiderin Irmel, bewusst beschritten hast, um in den Besitz der dunklen Kräfte zu kommen als Gegenleistung dafür, dass du dem Gebieter der Finsternis deine Treue hältst! Ist es nicht so? Gestehe endlich! »Nein«, leugnete die alte Frau nach wie vor die ihr unterstellten bösen Absichten. »Hattest du, Schneiderin Irmel, zu irgendeiner Zeit Verkehr mit dem Teufel, der dir in der Dunkelheit auf dem Berg erschienen ist?«, fragte Vater Nicklas geradewegs. Die Schneiderin schwieg. Wie konnte sie auch vor all den Leuten von ihren allerheimlichsten Fantasien sprechen? Nein, sie betrafen natürlich keinesfalls den Teufel – dieser Vater Nicklas, ging Irmel plötzlich ein Licht auf, war am Ende doch nicht so klug, wie sie ursprünglich angenommen hatte, um nicht zu sagen primitiv in seiner Denkweise –, sondern jemanden, den sie … Und an dieser Stelle verließ sie gewöhnlich der Mut, wenn sie versuchte, den Gedanken zu Ende zu denken, wo am Schluss der Name desjenigen vorkam, den sie in aller Stille begehrte und schon mehr als nur einmal unter dem Einfluss des Pilzzaubers davon halluziniert hatte, wie sie … Sie traute sich auch diesmal nicht weiterzudenken.
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Der Untersuchungsrichter der Heiligen Inquisition wartete eine Zeit lang auf die Antwort und als er sah, dass sein Warten nicht vom gewünschten Erfolg gekrönt sein würde, sprach er weiter: »Das Schweigen beweist manchmal mehr als Worte. Das Gericht sieht sich nunmehr auch in der Annahme bestätigt, dass die Angeklagte sich in Sachen des Anbetens des Teufels mit der Absicht, mit ihm widernatürliche Unzucht zu treiben, schuldig gemacht hat.« Der alten Frau war es mittlerweile gleichviel, ob der Inquisitor es für erwiesen hielt oder nicht. Sie hatte weder die Kraft noch den Willen, sich gegen dermaßen absurde Vorwürfe zu verteidigen, wie Vater Nicklas sie vorbrachte. Er war ein Fremder in der Gegend und das eine oder andere mochte ihm verdächtig vorkommen bei den Ereignissen vergangener Nacht, doch jeder im Dorf kannte sie als eine rechtschaffene Frau und fromme Christin und genau diese Leute wünschte sich Irmel hier in der Gerichtsstube als Zeugen, die ihre Unschuld bestätigen konnten, doch ausgerechnet sie hatte das Gericht nicht vorgeladen. Es stand ihr ins Gesicht geschrieben, dass sie aufgegeben hatte und bereit war, sich ihrem Schicksal zu fügen, doch in ihren Augen erhaschte Hannes noch einen letzten Funken der Hoffnung, dass Jesus sich ihrer erbarmen und seine rettende Hand ausstrecken würde. Und diese Hand sollte er, Hannes, werden, erschloss sich dem Tischlergesellen, während er sich die Frau ansah, der nach seiner Vorstellung von Gut und Böse gerade ein Unrecht widerfuhr und die eine schützende Hand bitter nötig hatte. Der junge Mann spielte mit dem Gedanken, sich unaufgefordert zu erheben, um ein paar gute Worte für die Schneiderin einzulegen, als Vater Nicklas von selbst, wohl aufgrund eines raffiniert ausgeklügelten Plans, von dem nur der Franziskanerbruder eine Ahnung hatte, zu dem Punkt der Anklage kam, bei dem auch Hannes als Zeuge gehört werden sollte. »Nun steht des Weiteren der Verdacht im Raume«, arbeitete sich der Untersuchungsrichter unermüdlich durch die Tagesordnung der Sitzung vor, »dass die der Hexerei durch Beweise und Teilgeständnisse überführte Angeklagte eine Hexenschule betrieben hat, um die Jungfrauen und Weiber im Dorf in höllischen Künsten zu unterrichten und vom Weg der Tugend abzubringen. Gestehst du, Schneiderin Irmel, ahnungslose Frauen in deinen Zirkel gelockt und verhext, ihnen die Kräuterkunst beigebracht und sie satanischen Ritualen unterzogen zu haben?« Die Schneiderin verlor kein Wort. Sie saß auf dem Boden mit gleichgültigem, abwesendem Gesicht und fixierte einen unsichtbaren Punkt an der Wand hinter dem Richtertisch mit ihren Augen.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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