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Des Teufels Steg: Seite 76
Unterdessen fuhr Vater Nicklas fort: »Im Angesicht dessen, dass die Angeklagte keine Einsicht zeigt und kein umfassendes Geständnis ablegt, wird wie folgt angeordnet: Dem Gericht, den Zeugen und der Angeklagten werden Beweise vorgelegt und Zeugnisse der Beteiligten an der Festnahme verkündet, die die Angeklagte als Hexe überführen. Darauf möge die Angeklagte ihre Einwände vorbringen oder die Ausübung von Hexenkünsten zugeben. Die Büttel mögen nun die Beweise hereinbringen.« Ein Gerichtsdiener kam durch die Tür, ging zum Richterpodium und legte ein kleines Stoffbündel nebst einem Stoß beschriebener Papierblätter vor den Vorsitzenden auf den Tisch. Der Franziskanerbruder löste vorsichtig, damit er mit dem Inhalt nicht in Berührung kam, den Knoten auf dem Päckchen und faltete das Tuch auseinander, in dessen Mitte nun eine Handvoll Pilze lag. Sie waren klein und hatten einen festen, wie eine Kugel runden Hut, der von oben leicht bräunlich war und eine wesentlich hellere Unterseite hatte. Zwischen den Pilzen lagen auch einige Büschel Grashalme und Blätter, die sie zum Teil bedeckten und in der Gerichtsstube den Duft einer blühenden Waldwiese verbreiteten. »Schneiderin Irmel«, wandte sich der Inquisitor abermals an die Beschuldigte, »gibst du zu, dass man bei dir während deiner Festnahme diese Gewächse gefunden hat?« »Ja, Vater«, wimmerte die Angeklagte leise. »So sage uns ehrlich wie eine fromme Gläubige, die du zu sein vorgibst: Aus welchem Grund hattest du sie bei dir?« »Ich habe sie auf der Wiese gepflückt, um einen heilenden Trank gegen meine Schmerzen zu machen«, gestand Irmel mit klagender Stimme. »Ah, du gibst also zu«, verbiss sich Vater Nicklas auf der Stelle in ihre Worte, »dass du die höllische Kunst der Zaubertränke beherrschst und sie anwendest?« »Nein, Vater!«, rief die Schneiderin in ihrer Verzweiflung. »Es ist meine Medizin!« »So?«, fragte der Vorsitzende voller Skepsis. »Marten, es ist in der Schrift festzuhalten, dass die Angeklagte das Geständnis verweigert, einen Hexenzaubertrank zubereiten gewollt zu haben, der Mensch und Tier einen Schaden zufügen würde. Das Gericht wird nun den Worten einer Sachverständigen Gehör schenken, die das Gegenteil beweisen werden. So frage ich dich, Schneiderin Irmel, zum letzten Male: Willst du außer der Hexerei auch noch der Lüge vor Gott überführt werden, was einem Todesurteil gleichkommt?« »Nein …«, zerging Irmel in Tränen am Boden liegend. »Dann gestehe! Gestehe deine Hexenkünste! »Es ist meine Medizin, die mir Jesus, unser Herr, zum Heilen meiner Leiden gezeigt hat«, jammerte die alte Frau weiter. »Es möge sich die ehrenwerte Äbtissin Kunigundt erheben und den Anwesenden berichten, was sie bei der Untersuchung der Gewächse festgestellt hat«, ordnete der Inquisitor an.
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Die Äbtissin stand auf und, ehe sie sprach, bedachte die Oberin Vater Nicklas mit einem merkwürdigen, ja einem auf gewisse Weise verschwörerischen Blick, den Hannes bis jetzt nur von Ehefrau zu Ehemann, oder auch umgekehrt, hatte beobachten können, wenn zum Beispiel ein Ehepaar mit ihm Preisverhandlungen über einen neuen Tisch führte und einander Blicke zuwarf, deren Bedeutung nur die beiden verstanden, denn es war ihre nonverbale Geheimsprache, um der Gegenseite keine Hinweise auf ihre wahre Kaufkraft zu geben. »Euer Ehren, das Hohe Gericht«, begann die Vorsteherin vorbildhaft ihre Rede, »die hier anwesende Schwester Dorothea hat heute in den frühen Morgenstunden in meinem Auftrage aus den vorliegenden Gewächsen einen Trank zubereitet, um seine Wirkung einer Prüfung zu unterziehen. Alsdann wurde eine kleine Menge den Essensresten aus der Klosterküche beigemischt und die Schüssel vor das Tor gestellt, damit streunende Tiere davon kosten konnten. Einer schwarzen Katze, die aus der Schüssel fraß, wurden mit einem Male unerklärliche Kräfte zuteil, die sie dazu befähigten, auf den Kirchturm über das steinerne Mauerwerk ohne fremde Hilfe hinaufzuklettern und dann einige Stunden wild fauchend in höchster Aufregung hin- und herzulaufen, und ein streunender Hund, der sich etwas später von dem Fressen in der Schüssel bediente, ist nach einer Stunde kläglich verendet – sein Kadaver wurde hinter dem Kloster entdeckt.« Äbtissin Kunigundt verstummte und der Franziskanerbruder nahm erneut das Wort: »Damit wäre die Zauberwirkung und die höllische Natur des Hexentranks bewiesen! Eine Katze als dämonisches Tier hat überlebt und überdies: Der Trank hat sie dazu ermutigt, Dinge zu tun, die sie sonst nicht tut, und ein menschentreues Tier, ein Hund, ist unter der Wirkung des höllischen Getränks verendet! So, wie auch ein gläubiger Mensch an dem Tranke sterben und eine Hexe wohlbehalten und gestärkt ihrem Hexenwerk nachgehen würde.« Die Beweisführung klang in Hannes’ Ohren schlüssig und nachvollziehbar, aber sein Verstand weigerte sich beständig, die Tatsache zu akzeptieren, dass Irmel allem Anschein nach trotz ihrer Zugehörigkeit zum christlichen Glauben und ihrer Verdienste vor der katholischen Kirche auch gleichzeitig eine Hexe sein konnte. Doch die Beweise auf dem richterlichen Tische sprachen eine deutliche Sprache. Ihre Last war erdrückend und sie ließen sich nicht einfach abtun, zumal die alte Frau auch gar nicht abstritt, die Pilze und Kräuter gesammelt zu haben. Sie beharrte lediglich darauf, dass sie ihr Hexenwerk zu gutem Zwecke betrieben hatte.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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