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Des Teufels Steg: Seite 72

Ferner gab es noch Jobst, der gestern an der Kräuterwiese im Wald geblieben war und möglicherweise dort das eine oder andere unbelehrbare Weib beim Kräuterpflücken gesehen hatte, ausschließen konnte man es nicht. Dann wäre die gestrige Hexenjagd ein voller Erfolg gewesen. Er musste abwarten, beschloss Hannes, Jobst würde ohnehin irgendwann gleich auftauchen, so wie der Tischler seinen Kameraden kannte, und ihm von seinen Beobachtungen berichten.

Es wurde zusehends heller. Die Stimmen draußen waren, wie es den Eindruck erweckte, etwas lauter geworden und man hatte das Gefühl, dass die Dorfbewohner auf der Straße immer lebhafter über irgendeinen Vorfall im Dorfe diskutierten, während Hannes dem Geschehen keine große Bedeutung beimaß und seelenruhig die Reste seines Frühstücks abräumte, um sich gleich danach in die Werkstatt zu begeben und ungestört seinen beruflichen Verpflichtungen nachzugehen. Er gab drei, vier Handvoll Hafergrieß in eine Schüssel, die er vorhin zur Hälfte mit Wasser gefüllt hatte, damit das Getreide im Laufe des Tages schön aufquoll und weich wurde, stellte sein künftiges Abendmahl auf den leeren Tisch und ging aus der Tür hinaus.

Dem Tischlergesellen machte es merklich Spaß, wieder mit weichem, warmem Holz zu arbeiten, anstatt sich des trockenen, gefühllosen Lateins zu befleißigen. Es ließ sich hobeln, zuschneiden, biegen, schnitzen, wenn man das Wie wusste und die Werkzeuge geschickt anwendete. Und nicht zuletzt: Wie unnachahmlich es duftete, wenn das auf den ersten Blick kalte Hobeleisen es mit seiner scharfen Schneide berührte, die raue Oberfläche abtrug und weiche innere Holzschichten zum Vorschein brachte. Der Bräutigam, der Hobel, und die Braut, das Holz, machten sich während dieser seltsamen Hochzeit gegenseitig heiß und schon bald zerging die Eheaspirantin vor Wonne in den die Sinne betörenden Aromen, die sie im Laufe ihres früheren Lebens als Buche im Wald aufgenommen hatte!

Er arbeitete fleißig. Mit großem Sachverstand befestigte der Tischler die für die Stuhlbeine vorgesehenen Kanthölzer auf seiner Werkbank und hobelte sie lange Zeit penibel und gewissenhaft glatt, bis das Material keine Unebenheiten mehr aufwies und seine Abnehmer beim Gebrauch vor Holzsplittern absolut sicher sein konnten. Hannes kannte sich mit seinem Handwerk gut aus, obwohl er sich noch nicht Meister nennen durfte, er konnte das Holz formen, wie er wollte, wenngleich es verhältnismäßig widerstandsfähig war und eine feste Substanz hatte.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Von seinen »mundwerklichen« Fähigkeiten konnte er allerdings noch nichts dergleichen behaupten, noch war für ihn die Kunst, wie man mit Worten den Gedanken, vor allem in fremden Köpfen, die gewünschte Form gab und in eine bestimmte Richtung lenkte, ein Buch mit sieben Siegeln, obwohl sie doch im Vergleich zu Holz ein Nichts waren, nur Luft, die kein Gewicht und keine Gestalt hatte. Dennoch, kam er zu einer wichtigen Erkenntnis, während er den Stuhlbeinen einen letzten Schliff gab, Gedanken ließen sich nicht einfach brechen, sägen, hobeln und schleifen, keineswegs. Die Aufgabe, die sich der Tischlergeselle auferlegt hatte, bedurfte eines anderen Ansatzes, so viel war ihm klar.

»Hannes!«, hörte er plötzlich Jobsts aufgeregte Stimme hinter sich. »Hast du es noch nicht gehört? Man hat Schneiderin Irmel gefasst und im Kloster eingesperrt!«

Hannes hielt inne, legte seine Arbeit beiseite und drehte sich zu Jobst um, der vor der hellen Türnische des Schuppens stand und ihn mit wild aufgerissenen Augen ansah. »Was?«, fragte er ungläubig und streifte sich mit der Hand die Holzspäne aus dem Haar.

»Das ganze Dorf redet darüber! Heute vor Sonnenaufgang hat man gesehen, wie sie von Wachen der Kirchenleute aus Quedlinburg durch das Dorf zum Kloster geschleift wurde. Und dann … Dann hat man sie nicht mehr gesehen. Also muss sie eingesperrt worden sein!«

»Aus welchem Grund?«, konnte Hannes es immer noch nicht glauben.

»Was weiß ich!«, gab Jobst zurück. Der Bauernknecht sah sich besorgt um, ob ihnen jemand lauschte. »Man munkelt«, flüsterte er dann ängstlich hinter vorgehaltener Hand, »dass sie auf dem Tanzplatz dabei erwischt wurde, wie sie mit dem Leibhaftigen Umgang hatte.«

»Unsinn«, sagte Hannes eher zu sich selbst als zu seinem Freund.

»Aber alle reden darüber. Sie sagen auch, sie sei eine Hexe und verführe die Jungfrauen im Dorf mit ihren Zaubertränken, wenn sie zu ihr kommen. Und noch: Sie sei eine Wilde, erzählt man sich!«

»Unsinn«, wiederholte Hannes. »Ich weiß nur, dass sie bei sich Kränzchen abhält, um den Frauen ihr Handwerk beizubringen und das Wort Gottes zu verbreiten. Ich habe mit ihr darüber gesprochen.«

»Ich weiß es nicht, Hannes«, sagte Jobst unsicher, »Man sagt es aber so.«

»Man sagt es, man sagt es!«, imitierte Hannes seine Redeweise. »Dann solltest du vielleicht nicht alles glauben, was man so sagt! Irmel ist eine fromme Christin, sonst nichts. Fang jetzt nicht du auch noch von Wilden Männern an wie Ruprecht!«

»Du weißt es sicher besser, Hannes«, gab Jobst klein bei. »Du bist ein gelehrter Mann.«

Hannes war absolut irritiert. Er glaubte kein Wort von dem dummen Gerede, das im Dorfe umherging. Aber eins stimmte wohl, musste er sich eingestehen, nämlich das, dass man die Schneiderin festgenommen hatte, sonst hätte es nicht diese allgemeine Aufregung in der Siedlung gegeben. Er erinnerte sich an die lauten Stimmen, die er beim Frühstück von draußen gehört hatte. Etwas musste also vorgefallen sein, was die Schutzgarde von Vater Nicklas veranlasst hatte, die Frau mitzunehmen. Er musste es herausfinden.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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