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Des Teufels Steg: Seite 73

»Dann gehe ich mal gleich zu Vater Nicklas ins Kloster, Jobst«, teilte er dem Jugendfreund seinen Entschluss mit. »Ich muss wissen, was in Wirklichkeit passiert ist. Kommst du mit?«

»Ich weiß nicht, Hannes«, antwortete Jobst unschlüssig. »Was soll ich dort machen, wenn du mit klugen Leuten sprichst? Ich verstehe nichts von alledem!«

»Gut«, sagte der Tischler einsichtig. »Dann bleib mal schön zu Hause! Aber sag doch bitte zuerst, ob du gestern noch jemanden auf der Wiese gesehen hast?«

»Nein«, gab Jobst kurz von sich.

»Wie lange bist du denn noch geblieben?«, fragte Hannes.

»Na … bis der Mond weg war«, antwortete der beklagenswerte Hexenjäger zögerlich, denn der Wahrheit entsprach seine Auskunft nicht. Er hatte sich nämlich, schon lange bevor der Mond unterging, im Grunde gleich nachdem seine Kameraden gegangen waren, aus dem Staub gemacht. Es war ihm alles zu gruselig gewesen, aber Hannes durfte nichts davon erfahren.

»Schade«, bedauerte der Tischlergeselle.

Er schickte Jobst nach Hause und ging, nachdem er seine Arbeit und das Werkzeug ordentlich ins Regal gelegt hatte, in seine Hütte, um sich etwas Anständiges anzuziehen, bevor er sich zu dem ehrwürdigen Franziskanerbruder auf den Weg machte. Eine Viertelstunde später schritt er in Eile die Straße nach Wendhusen entlang. Überall auf dem Weg hatten sich kleine Gruppen von Dörflern versammelt, die augenscheinlich ein und dasselbe Thema besprachen – die Verhaftung der Schneiderin. Alle verstummten jäh, wenn sie merkten, dass sich Hannes ihnen näherte, und lächelten ihn mit den Köpfen nickend freundlich an, doch in den Augen der Leute las er ein großes Misstrauen sich gegenüber. Hannes fühlte sich in der Pflicht, diesen Menschen genauestens zu erklären, was es mit der Festnahme von Irmel auf sich hatte. Doch um die Einzelheiten zu erfahren, musste er zuerst mit Vater Nicklas sprechen, der ihn schon ungeduldig im Kloster erwartete.

»Du kommst wie gerufen, mein Sohn«, begrüßte der Franziskanermönch den jungen Mann, als dieser die richterliche Stube betrat. »Sei gegrüßt im Namen unseres Herrn! Komm doch näher und berichte mir über deine Erfolge. Wie viele Weiber hast du gestern bei der Kräuterernte ertappt?«

»Eine«, antwortete Hannes und ging auf den Franziskaner zu, der sich seinerseits ebenfalls vom Stuhl erhoben hatte und in die Mitte des Raumes geeilt war, um den Tischlergesellen willkommen zu heißen.

»Es ist weniger, als ich gedacht habe, mein Sohn, dennoch gut: Jedes bei dämonischen Handlungen erwischtes Weib im Wald ist eine Hexe weniger im Dorf. Wer ist sie?«

»Das weiß ich nicht, Vater, sie ist mir über die Schlucht entwischt.«

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Vater Nicklas sah Hannes missbilligend an. »Das hört man wieder nicht so gerne. Ich wollte schon die Wachen losschicken, um sie hierher zu holen und zu befragen.«

Hannes rechtfertigte sich: »Vater, sie konnte fliegen! Sie ist in der Luft über den Abgrund spaziert, als hätte sie festen Boden unter ihren Füßen. Ich konnte ihr nicht mehr folgen!«

»O ja, Hannes«, rief der Inquisitor, »man hätte einen guten Fang machen können! Das war eine wahrhaftig mächtige Hexe. Wenn jemand diese Art von höllischen Künsten beherrscht, ist derjenige entweder der Teufel selbst oder jemand, der ihm sehr nahesteht!«

»Doch kennen wir nun den Weg«, folgte der junge Apologet der christlichen Lehre seinem zuvor festgelegten Plan, »den die Hexen nehmen, um zu ihrem Sabbat zu gelangen! Wir müssen ihnen nicht mehr folgen, wir können uns am Pfad auf die Lauer legen und aus dem Hinterhalt zuschlagen, wenn eine kommt!«

»Wer sind ›wir‹, mein Sohn?«, wollte Vater Nicklas wissen.

»Ich habe noch zwei Männer aus dem Dorfe hinzugezogen, Eure Eminenz«, antwortete Hannes.

»Noch bin ich kein Kardinal, um so angesprochen zu werden«, meinte der Franziskaner. »Nenn mich doch ›Euer Ehren‹, ich habe den Vorsitz in der Inquisitionskommission im Namen der heiligen katholischen Kirche, die einem Gerichte gleichkommt. Oder einfach ›Meister‹. Du stehst ja nicht vor Gericht, vielmehr willst du Wissen erlangen, das ich dir geben kann und, so Gott will, auch geben werde.«

»Ja, Vater! … Euer Ehren.«

»Glaubst du, dass die beiden auf unserer Seite stehen? Denkst du, sie könnten nicht zufällig unsere Pläne ihren Weibern verraten und damit die Hexen vorwarnen?«

»Nein, Vater!«, versicherte Hannes, obwohl er sich diesbezüglich gar nicht so sicher war. Um ehrlich zu sein, hatte er bis jetzt über diese Möglichkeit gar nicht nachgedacht.

»Gut«, sagte der Inquisitor zustimmend. »Versucht es. Deine Idee mit dem Hinterhalt gefällt mir sehr gut! Denkt aber daran, dass das Böse viele Gesichter hat und manche davon werden euch vielleicht bekannt vorkommen. Lasst euch davon nicht täuschen. Die List des Höllenfürsten ist unermesslich.«

»Ja, Meister. Wir werden uns Mühe geben.«

»Mit Gottes Hilfe möge es euch gelingen, in nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. Amen.« Der Mönch machte ein Kreuzzeichen über den jungen Mann und legte ihm die Hand auf das Haupt, um Hannes den Segen für sein Unterfangen zu geben. »Aber es gibt auch erfreuliche Nachrichten, mein Sohn!«, fuhr er unvermittelt fort, nachdem das Ritual vollzogen worden war. »Meine Wachen sind heute Nacht einer Hexe habhaft geworden!«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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