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OPEN DIGITAL LITERATURE PROJECT
Des Teufels Steg: Seite 71

»Diese Geschichte sollten Sie vielleicht veröffentlichen!«, riet Wolfgang nicht uneigennützig seinem nächtlichen Gastgeber. »Und das Honorar mit mir teilen! Da werden wir uns bestimmt einig.«

»Okay, aber …«, ließ sich Richard nicht in die Enge treiben, »lassen Sie uns zuerst zu der Unfallstelle fahren und ihre Sachen holen. Und unterwegs erzählen Sie mir ihre Geschichte, gell? Wir müssen nämlich bis Mittag alles erledigt haben und zurück sein. Steigen Sie schon ein. So viel Zeit haben wir nicht mehr. Genießen Sie den Fahrtwind, mein lieber Wolfgang Breitscheid!«

Die Männer stiegen in das Auto, Richard parkte aus und fuhr langsam zur Brücke über die Bode, hinter der die Straße begann, die Wolfgang gestern von Allrode zu Fuß heruntergekommen war. Einige Meter vor dem Ortsschild trat der »verrückte Schriftsteller« richtig aufs Gas.

 

Es dämmerte erst gerade, als Hannes wach wurde. Er hob noch ganz verschlafen seinen Kopf vom Kissen, sah sich um und fragte sich, was es wohl war, das ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Es musste irgendein ungewöhnliches, lautes Geräusch von draußen gewesen sein, mutmaßte er, denn in seiner Hütte war alles friedlich wie sonst auch und nichts ließ darauf schließen, dass der Grund für sein jähes Erwachen hier drinnen lag. Wenngleich er sehr spät, um nicht zu sagen zu einer ungewohnt frühen Stunde, seine Ruhe im Bett gefunden hatte und noch todmüde von der gestrigen Hexenjagd war, stand er auf, schob mit der Hand das Stück Rindshaut, das vor der kleinen Fensteröffnung hing, beiseite und sah zur Dorfstraße hinaus. Auch dort konnte der Tischlergeselle im Zwielicht des frühen Morgens nichts Außergewöhnliches entdecken. Der eine oder andere Dorfbewohner war schon unterwegs auf der Straße, aber es war keine Seltenheit, dass die Leute zu dieser Stunde schon ihren Geschäften nachgingen, und sie hatten ihn noch nie gestört, wenn sie miteinander sprachen oder sonst irgendwelchen Lärm verursachten. Nach möglichen Quellen des mutmaßlichen Geräuschs suchte Hannes nicht weiter, denn was auch immer ihn geweckt hatte, es hatte seinen Schaden bereits angerichtet und spielte daher keine entscheidende Rolle mehr: Er hätte ein zweites Mal so oder anders nicht wieder einschlafen können.

Hannes zog sich eine Tunika über und schlüpfte in seine Schuhe, die noch Spuren von der nächtlichen Wanderung auf dem schlammigen Trampelpfad trugen. Alsdann ging er zur Feuerstelle, darüber hing noch der Kochkessel mit den kalten Resten der Gerstengrütze von gestern – ihn plagte der Hunger. Es war vielleicht gar nicht so falsch, überlegte der junge Mann, während er sein Frühstück auf dem Tisch zusammenstellte, dass er schon so früh auf den Beinen war, denn so konnte er vor dem Besuch bei Vater Nicklas in Wendhusen, dem er Bericht über die Hexenverfolgung von gestern Nacht erstatten musste, noch ein wenig in der Werkstatt arbeiten.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Die halbfertigen Einzelteile der drei Stühle, die ihm seine Nachbarn in Auftrag gegeben hatten, lagen schon seit Wochen in seiner Scheune und Hannes sehnte sich nach dem Tag, an dem er sie endlich der liebenswürdigen christlichen Familie von nebenan übergeben konnte, denn den Leuten in die Augen zu sehen und immer neue Ausreden zu erfinden, ließ sich mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren. Außerdem, was ebenfalls nicht von geringer Bedeutung war, musste der junge Tischler zusehen, dass er auch sein eigenes Geld verdiente. Die Klostergulden, die er hin und wieder als Belohnung, zumindest betrachtete er sie als eine solche, von der Äbtissin für sein Mitwirken in Sachen der Verbreitung des wahren Glaubens und des Verkündens der frohen Botschaften der heiligen katholischen Kirche Jesu Christi, des Herrn im Himmel, bekam, waren sicher ganz hilfreich, aber sie reichten hinten und vorne nicht, um gewissen Maßstäben zu entsprechen, die für Menschen seines Standes üblich waren, und vor allem denen, die er für sich selbst festgelegt hatte.

Er war schließlich nicht nur Handwerker, er wollte Gelehrter werden und seinen Mitmenschen das Wort Gottes erklären in einer für den einfachen Mann verständlichen Sprache, ja ihnen die Heilige Schrift Wort für Wort nachvollziehbar vorlesen! Dafür musste er noch viel lernen und das erforderte einen riesigen Aufwand an Zeit, die ihm am anderen Ende beim Geldverdienen fehlte. Es war ein circulus vitiosus, aus dem man nicht so einfach wieder herauskam.

Hannes musste warten, bis es hell wurde, um in seinem Schuppen überhaupt etwas sehen und das Werkzeug an den zukünftigen Möbelstücken dort ansetzen zu können, wo es vorgesehen war. In der Zwischenzeit frühstückte er. Viel heller als in der Werkstatt war es auch in seinem schlichten Haus nicht, sodass man gerade noch zwischen einer Schüssel und einem Krug auf dem Tisch unterscheiden konnte, aber er zündete keine Kerzen an, sie waren teuer und die nötige Zeit, um sie selbst aus Ziegenfett herzustellen, wie es die meisten Dörfler taten, hatte er nicht. Der Tischlergeselle aß den kalten Brei zu Ende, der über Nacht zu einem festen Block erstarrt war und zunächst mit dem Löffel gebröckelt werden musste, brach sich dann noch ein größeres Stück von dem halben Brot ab, dessen andere Hälfte er schon gestern mit seinen Kameraden im Wald gegessen hatte, und kaute konzentriert. Er trank Wasser dazu, Milch hatte er keine, sie musste er noch heute im Laufe des Tages besorgen, vorausgesetzt, er kam noch dazu. Ach ja, fiel es Hannes außerdem noch ein, er musste gleich noch etwas Hafer in einer Schüssel einweichen, damit es abends mit dem Kochen schneller ging.

Der beflissene Adept der Glaubenswissenschaften erinnerte sich an den gescheiterten Versuch, eines der Dorfweiber als Hexe zu entlarven, und überlegte, was er dem Franziskanerbruder berichten sollte. Jetzt einfach hinzugehen und offen zu gestehen, dass er, Hannes, und seine zwei Jugendfreunde, die er hinzugezogen hatte, bei der Ausführung ihrer heiligen Mission kläglich versagt hatten, hielt der Tischlergeselle für keine gute Idee, zumal es auch nicht ganz der Wahrheit entsprach. Immerhin waren sie einem Hexenweib bis zum Bodekessel auf einem Schleichpfad gefolgt und kannten nun den Weg, den die Hexen nahmen, um … Der junge Mann wusste nicht, wohin die Frau unterwegs gewesen war und was sie im Sinne gehabt hatte, aber es brauchte nicht viel, um es erraten zu können – die Tatsache, dass sie über der Schlucht durch die Lüfte zu schweben imstande gewesen war, ließ keinen Zweifel übrig, dass sie dämonische Kräfte besaß, mit anderen Worten eine Hexe war, und sich mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Zusammenkunft von ihresgleichen in der Dunkelheit geschlichen hatte! Jedenfalls ließen sich in seinen Augen die Hexen um ein Vielfaches leichter fangen, wenn man ihre Wege kannte und beispielsweise einen Hinterhalt legte. Diese Version der Geschichte gefiel ihm viel besser und genau sie wollte er nun Vater Nicklas erzählen.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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