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Des Teufels Steg: Seite 69
Eine Zeit lang herrschte am anderen Ende der Leitung Stille. »Was wollen Sie damit sagen, Herr Breitscheid?«, fragte der Vertriebsleiter schließlich wie jemand, der schon das Schlimmste ahnte, es aber noch nicht wahrhaben wollte. »Na ja, ich habe eine Reifenpanne am Auto und muss damit irgendwie in die Werkstatt …« »Jetzt bitte noch mal zum Mitschreiben, Herr Breitscheid!«, fiel Stachowski Wolfgang beleidigend ins Wort. Seine Stimme bebte schon leicht vor Empörung und Wut, aber er hielt seine Gefühlsausbrüche noch unter Kontrolle. »Nur damit ich es richtig verstehe: Sie meinen, Sie hätten im Moment kein Auto zur Verfügung und haben nicht vor, heutige Termine wahrzunehmen? Richtig?« »Na ja«, machte Wolfgang den nächsten Versuch, »der Wagen muss in die Werkstatt, aber die Termine will ich auf jeden Fall machen! Ich hab’s mir so gedacht, dass ich für die Zeit in der Werkstatt vielleicht günstig ein Ersatzauto kriegen könnte, wenn das Weinhaus es bezahlt.« »Was …?« Stachowski verschlug es die Sprache. »Ja, es ist ja nur für paar Tage«, fuhr Wolfgang fort, als hätte er nichts gemerkt. »Herr Breitscheid!« Stachowski sprach immer vernehmlicher. »Was Sie sich so alles einfallen lassen, ist ja unglaublich! Da haben Sie Ihre Rechnung aber ohne mich gemacht. Für Ihren Plan, den Sie sich da so ausgeklügelt haben, bekommen Sie von mir genau null Mark und keinen Pfennig! Darauf können Sie sich verlassen.« »Aber …«, versuchte Wolfgang erfolglos dazwischenzureden. »Kein Aber!«, tobte der Chef indessen. »Sie haben Ihre Taschen voll mit Geld, das ich Ihnen als Vorschuss gegeben habe! Sehen Sie zu, dass die Termine stattfinden, sonst können Sie …« Stachowski verstummte für einen Augenblick. Offenbar fiel ihm bei der ganzen Aufregung nicht ein, was sonst passieren sollte. »… sonst können Sie sich auf etwas gefasst machen!«, beendete er alsdann seine feurige Tirade und legte auf, ohne sich verabschiedet zu haben. Das war wohl nichts mit dem Mietwagen auf Kosten der Firma gewesen, bedauerte Wolfgang den unglücklichen Gesprächsverlauf. Aber er brauchte etwas auf vier Rädern, wenn er die Weinproben veranstalten wollte. Und er wollte es eigentlich! Die Termine heute wären aller Voraussicht nach nicht mehr zu halten gewesen, aber für die kommenden Tage, dachte er nach, würde sich nur eine einzige Möglichkeit anbieten, nämlich die, dass er den Mietwagen tatsächlich von seinem Geld bezahlte. Es wäre jedenfalls besser gewesen, unter dem Strich etwas weniger als ursprünglich geplant zu verdienen, als gar keinen Umsatz zu machen. Irgendwas musste doch der unselige Weinhändler Stachowski vorweisen können, damit dieser ihn nicht noch obendrein beschuldigte, die Vorschussgelder unwiederbringlich verprasst zu haben. Was kostete denn hier in der Gegend so ein Kleinwagen zum Mieten? Das war die Frage! Und wo gab es hier überhaupt eine Autovermietung? In Treseburg bestimmt nicht. Mit überregionalen Vermietungen, die weltbekannte Namen trugen, wollte er sich erst gar nicht einlassen, bei denen sahen nur die Preise für Lockangebote schön aus. Wenn es dann zur Sache ging, erinnerte sich Wolfgang Breitscheid, wie er einmal auf so eine »Offerte« hereingefallen war, wurden von einem irgendwelche Kreditkarten verlangt und Kautionszahlungen gefordert, die der Höhe nach schon beinahe dem Preis für einen Neuwagen glichen. Nein, das war alles nichts! So eine kleine örtliche Autovermietung mit Preisen unter zehn Mark pro Tag, wo man mit den Leuten noch alles persönlich aushandeln konnte, wäre das Richtige gewesen.
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»Wissen Sie vielleicht, wo es hier eine günstige Autovermietung gibt?«, fragte Wolfgang geradewegs die Empfangsdame, die mittlerweile allein hinter dem Tresen stand. Katja war schon wieder gegangen. »Das weiß ich ehrlich gesagt nicht«, gab sie zur Antwort. »Schade«, bedauerte Wolfgang. »Aber wir haben hier die ›Gelben Seiten‹. Sehen Sie mal nach!«, schlug die Rezeptionistin vor. »Werde ich wohl machen müssen. Aber sagen Sie doch lieber, was Ihr günstigstes Zimmer pro Nacht kostet?« Die Frau holte abermals die Preisübersicht heraus und legte das bedruckte Blatt vor Wolfgang auf die Theke. »Die ganz günstigen sind im Dachgeschoss«, fügte sie hinzu. Breitscheid überflog die Liste. Alles in allem waren die Zahlen, die er dort sah, ziemlich moderat. Über neunzig Mark die Nacht während der Urlaubszeit mitten im Sommer konnte man nicht klagen, nur dass seine Ressourcen, die ohnehin schon begrenzt waren, durch die bevorstehende Anmietung eines Autos noch knapper werden und ein Defizit aufweisen würden, wenn er nicht jeden Pfennig zweimal umdrehte, bevor er ihn ausgab. »Sind es diese hier?« Wolfgang zeigte mit dem Finger auf eine Zimmerkategorie in der Liste. »Ja, genau!« »Sie sind aber recht teuer.« Der in Verhandlungssachen geschulte Händler hatte eine gute Ausgangsposition, das Hotel stand halb leer, wie es ihm aufgefallen war. »Na ja, es hängt auch davon ab, wie lange Sie bleiben werden!«, kam ihm die Dame entgegen. »Was halten Sie von sechzig Mark und ich bleibe eine Woche?« »Hm … Ich weiß nicht …«, zögerte die Frau. »Wir gehen noch pleite, wenn wir zu dem Preis vermieten. Siebzig ist das Mindeste, was wir für das Zimmer haben müssen!« »Gut«, stimmte Wolfgang zu. »Aber mit Frühstück.«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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