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Des Teufels Steg: Seite 68
Vor dem Tresen der Rezeption stand die Kellnerin Katja und unterhielt sich halblaut mit der Dame, die dahinter irgendwelche Papiere sortierte. Beide Frauen verstummten, als sie Wolfgang gesehen hatten, es ging in ihrem Gespräch offenbar um ihn, und die Rezeptionistin sprach Breitscheid lächelnd an. »Sie möchten bei uns absteigen, habe ich gehört?« »Ja«, antwortete der auto- und obdachlose Handelsreisende, »ein günstiges Einzelzimmer wäre nicht schlecht. Ich würde gegen Mittag meine Sachen bringen und das Zimmer beziehen, wenn es recht ist.« Die geschäftstüchtige Dame hinter dem Tresen holte gleich ihre Preisliste heraus. »Gerne. Da finden wir bestimmt was für Sie. Sagen Sie: Was ist denn Ihnen zugestoßen?« »Das habe ich ja ganz vergessen«, besann sich Katja plötzlich und fasste in ihre Tasche. »Hier ist das Pflaster, um das Sie gebeten haben.« »Ach, danke!« Wolfgang nahm das Papiertütchen aus ihrer Hand und beantwortete dann die Frage der Empfangsdame: »Ich hatte nur einen kleinen Unfall gestern Abend, sonst nichts. Ich würde mal gerne zuerst telefonieren. Wo kann ich das machen?« »Ist es ein Ortsgespräch?«, wollte die Rezeptionistin wissen. »Nicht ganz. Nach Hannover.« »Ja, gut, trotzdem. Können Sie von hier machen.« Sie stellte den Telefonapparat, der auf ihrem Schreibtisch stand, auf den Tresen und wandte sich wieder mit einer Frage Katja zu. Wolfgang holte tief Luft, als er den Hörer in die Hand nahm, und tippte die Nummer vom Büro auf den Tasten. Rufzeichen tuteten eine Zeit lang in der Hörmuschel, ohne dass am anderen Ende jemand dranging, als plötzlich Giovannis Stimme an seinem Ohr erklang. »Französisches Weinhaus Pascal Moreau …«, spulte sie den üblichen Spruch im Höllentempo ab, sodass man die einzelnen Wörter kaum auseinanderhalten konnte, zumal sie auch noch mit einem leichten italienischen Einschlag ausgesprochen wurden. »Jaja, Bonjour«, unterbrach der Weinvertreter seinen Kollegen trocken. »Ich bin’s. Wolfgang Breitscheid.« In seiner Abwesenheit musste wohl Giovanni den Telefondienst schieben, stellte er für sich mit einer gewissen Genugtuung fest.
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»Ach!«, freute sich Giovanni, aber merklich nur infolge der ihm übertragenen Aufgabe. »Wo steckst du, alter Junge?« »Ich bin hier in einem Hotel untergekommen«, wich Wolfgang einer klaren Antwort aus. »Und wie …?« »Kannst du mir mal den Chef geben?« Zu einem müßigen Plausch mit Giovanni war Wolfgang nicht besonders aufgelegt. »Okay«, gab der Deutschitaliener zurück, ohne es auf irgendeine Weise zu bedauern, dass Wolfgang ihm eine Antwort schuldig geblieben war. Es knackte in der Leitung ein paarmal, während der Handelsreisende darauf wartete, durchgestellt zu werden, ehe am anderen Ende die optimistisch klingende Stimme des Büroleiters hörbar wurde. »Na, Herr Breitscheid!«, sagte Stachowski. »Ich grüße Sie!« »Grüße Sie auch«, antwortete Wolfgang eher von Skepsis erfüllt. »Dann erzählen Sie mal. Wo sind Sie untergekommen?« »Das ist hier so ’n kleines Hotel nicht weit von Thale. Hotel ›Zum blauen Karpfen‹ in … in Treseburg, glaube ich, oder so«, gab Wolfgang äußerst ungern seinen aktuellen Aufenthaltsort bekannt. »Okay. Ob Karpfen oder Zander, ob blau oder nüchtern, geben Sie mal die Telefonnummer, wo ich Sie erreichen kann.« »Ich rufe aus einer Telefonzelle an«, log der brave Weinvertreter. »Ich habe noch keine Nummer. Ich habe noch nicht eingecheckt. Erst heute Mittag.« »Heute Mittag?«, fragte Stachowski nachdenklich. »Ja, dann muss ich ja die vergangene Nacht nicht auch noch bezahlen, wenn ich nach zwölf einchecke«, rechtfertigte sich Wolfgang. »Egal«, lenkte der Chef ein, »gucken Sie nur, dass Sie zum Termin beizeiten erscheinen. Wann haben Sie heute den ersten?« Es war der Moment, in dem sich eine Gelegenheit zur Verwirklichung seines schlauen Plans bot. Es konnte heikel werden, aber Breitscheid musste es jetzt tun. Jetzt oder nie! Schließlich hatte Stachowski selbst die Frage gestellt, Wolfgang hatte sie ihm nicht in den Mund gelegt, also musste sich »Chefchen« auch die Antwort anhören, ohne sofort ausfallend zu werden, wie es der Fall hätte sein können, wenn Wolfgang von sich aus seine Hiobsbotschaft verkündend mit der Tür ins Haus fiel. »Da gibt es ein kleines Problemchen, Herr Stachowski«, beschönigte Breitscheid den Ernst der Lage.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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