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Des Teufels Steg: Seite 67
»Hören Sie auf, Rüdiger!«, rief Knöpfle theatralisch. »Es war ja ein ganzes Abenteuer, was ich gestern noch alles erlebt habe!« »Entschuldigen Sie bitte die Störung«, redete Katja dazwischen, die nach wie vor neben dem Tisch stand. »Frau und Herr Zimmermann, möchten Sie etwas Warmes zum Frühstück essen?« »Für mich ein Frühstücksei bitte«, sagte Ingrid. »Ich kriege zwei Spiegeleier«, bestellte auch Rüdiger eine warme Speise. Die Kellnerin ging, nachdem sie »Ja, gern, bringe ich gleich!« gesagt hatte, und Richard fuhr fort. »Das ist übrigens Wolfgang!«, stellte er seinen Tischgenossen vor. »Wolfgang Breitscheid, um genau zu sein. Er ist das letzte Abenteuer, das mir gestern widerfahren ist.« Wolfgang nickte höflich dem Paar zu und brummte sich irgendeine Floskel unter die Nase. »Und das ist die Familie Zimmermann«, wandte sich der Märchenschreiber nunmehr an Wolfgang. »Das ist Ingrid und das ist Rüdiger.« Die Zimmermanns taten es Wolfgang gleich und flüsterten in seine Richtung etwas Ähnliches wie »Hallo« oder »Guten Tag«. Auch sie sahen sich unentwegt sein ramponiertes Gesicht an, sodass der Weinvertreter auf seinem Stuhl wie auf heißen Kohlen saß und nur einen einzigen Wunsch hatte, nämlich hier zu verschwinden. »Ich hatte eine kleine Panne«, informierte Breitscheid dann doch noch die Zimmermanns über seine nächtliche Irrfahrt, »einen kleinen Unfall mit dem Auto nicht weit von hier und bin spätabends zu Fuß völlig kaputt am Hotel angekommen. Gott sei Dank stand Richard noch vor dem Hotel und hat mir bei sich im Zimmer eine Schlafgelegenheit angeboten, sonst hätte ich nicht mehr gewusst, was ich machen soll.« »Oh, ja!«, wurde Knöpfle wieder laut. »Stellen Sie sich mal vor: Plötzlich steht vor einem ein blutverschmierter Mann und verlangt Einlass ins Hotel! Was hätten Sie in diesem Fall getan? Dabei bin ich erst kurz davor von irgendwelchen besoffenen Typen beinahe verprügelt worden und war heilfroh, dass ich sie endlich losgeworden bin und meine Ruhe habe. Und die betrunkenen Idioten waren noch nicht alles, was ich an unheimlichen Begegnungen hatte. Sie haben nämlich eine seltsame Frau verfolgt, die sich wie in einem Nebelschleier über die Brücke bewegt hat, eingehüllt in eine Art Kutte und mit einer Laterne in der Hand. Sie wirkte wie nicht von dieser Welt! Oder wer trägt heute noch eine Laterne bei sich? Ich habe da sofort an das Mädchen aus Ihrer Geschichte gedacht, Ingrid! Denn die Kerle haben auch etwas von einer Hexe unter sich gesprochen, als sie vorbeigingen.«
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Knöpfles Bericht traf Wolfgang wie ein Blitz. So ein Mädchen kannte er auch. Seit gestern Mittag, seit seinem Besuch in diesem unheimlichen Lokal in Clausthal. Sie hüllte sich auch meistens in Nebelschwaden, wenn sie ihm erschien, und pflegte immer dann aufzutauchen, wenn er ohnehin schon an seinen geistigen Fähigkeiten zu zweifeln begann. War es dasselbe blonde Mädchen, das er gestern nach seinem Unfall in einer Nebelwolke auf der Straße gesehen hatte und das ihm anscheinend nach Treseburg vorausgeeilt war? War sie diese Frau, die Knöpfle gerade beschrieben hatte? Er konnte es noch nicht richtig glauben, bis jetzt hatte er angenommen, dass es sich nur um seine persönlichen Visionen handelte, doch danach, was er nun gehört hatte, zweifelte Breitscheid, dass sie nur ein Trugbild war, denn dieser Richard Knöpfle sah am wenigsten wie ein Mann aus, der irgendwelche Wahnvorstellungen hätte haben können. Er musste ihn später mal ausführlicher befragen, beschloss Wolfgang. Nachdem er beispielsweise mit Stachowski telefoniert hatte. Dieser Horrortrip stand ihm auch noch bevor, dachte er mit Unbehagen an das Übel, dem man nicht ausweichen konnte. Wozu also dann das Ganze hinauszögern, fragte er sich, – er hätte es sofort tun sollen, auf der Stelle! »Sie entschuldigen mich«, sagte Wolfgang auf einmal und stand auf, während Ingrid und Richard über ihre Hexengeschichte diskutierten und Rüdiger ihnen zuhörte. »Ich muss dringend einen Anruf machen.« Die Frühstücksgesellschaft hatte seinen Abgang schmerzlos verkraftet, ja im Großen und Ganzen gar nicht gemerkt, wie es schien, denn als er durch das Restaurant zum Hotelausgang schritt, besprachen alle wieder lebhaft etwas Aufregendes miteinander. Er glaubte, etwas über Richards bevorstehende Wanderung, was Wolfgang gar nicht so ungelegen kam, weil er sich für die Unterredung mit Stachowski zuerst ein wenig sammeln wollte, anstatt dumme Fragen zu beantworten, was es für ein Anruf sei oder was er denn so beruflich mache und dergleichen. Es dem auf Geschäftszahlen fixierten Blödian Stachowski begreiflich zu machen, dass sein eingeplanter Umsatz flöten ging und er, Wolfgang, dagegen nicht wirklich etwas unternehmen konnte, war schier unmöglich. Es würde Ärger geben, großen Ärger, vermutete er zu Recht und versuchte schon mal eine passende Wortauswahl zu treffen, mit der er die gegenwärtige Situation seinem »Chefchen« möglichst schonend beibringen wollte und vorzugsweise ohne ernsthafte Folgen für sich selbst. Was, wenn Stachowski geblendet durch einen Wutanfall plötzlich gesagt hätte: »Sie sind gefeuert, Herr Breitscheid! Lassen Sie sich hier nie wieder blicken!« Dafür war es noch viel zu früh, er wollte noch ein bisschen bleiben und daher galt es, solche Situationen zu vermeiden. Wolfgang überlegte verbissen und suchte krampfhaft nach einer plausiblen Geschichte, welche er Stachowski auftischen konnte. Es gelang ihm aber schlecht. Doch als er schon fast den Rezeptionsbereich erreicht hatte, fiel ihm etwas ein, was vielleicht, zwar mit Wenn und Aber, dennoch hätte funktionieren können. Wolfgang beschloss, dem Chef vorzugaukeln, dass sein Wagen einen Platten hatte und für paar Tage in die Werkstatt musste. Um diese Zeit zu überbrücken, würde er Stachowski vorschlagen, dass die Firma ihm einen Ersatzwagen, einen günstigen Mietwagen, den Wolfgang irgendwo in der Gegend hätte besorgen können, zur Verfügung stellen solle, um jeden einzelnen der geplanten Termine abzufahren, verstand sich, und »wie der Teufel Umsatz zu machen«. Darauf hätte der Typ anspringen können, aber sicher war es nicht. Es war aber das Einzige, von dem er sich etwas versprach.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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