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Des Teufels Steg: Seite 63

»Geht es Ihnen gut?«, fragte er besorgt, nachdem der Mann mit Blutspuren im Gesicht, ein paarmal erfolglos an der Eingangstür des Hotels mit der Faust geklopft und ungeduldig am Türgriff gezogen hatte.

»Mir fehlt nichts«, antwortete jener mit müder, heiserer Stimme. »Ich brauche nur ein Zimmer für die Nacht. Sind Sie vom Hotel?«

»Nein«, musste ihn Richard enttäuschen. »Ich meine, ich wohne hier, aber ich gehöre nicht zum Personal, gell? Es ist keiner da, über Nacht ist die Rezeption nicht besetzt.«

»Scheiße!«, fluchte der verletzte Kerl frustriert.

»Soll ich vielleicht doch einen Notarzt rufen?«, erkundigte sich Richard. »Sie bluten ja regelrecht, gell? Was ist denn passiert?«

»Das …« Der Mann fuhr mit der Hand über seine blutverschmierte Wange. »Das ist nur ein Kratzer. Ich hatte einen kleinen Unfall mit meinem Auto ein paar Kilometer von hier.«

»Einen Unfall?«, staunte der Schriftsteller. »Ich dachte schon, dass Sie von den drei ungezogenen Typen verdroschen wurden, die hier vorhin den Ort unsicher gemacht hatten, gell? Sind Sie sicher, dass Sie keinen …?«

»Jaja, ich bin mir sicher!«, unterbrach ihn der Verunglückte. »Keinen Arzt! Sagen Sie doch lieber: Wo kriegt man hier sonst noch ein Zimmer?«

»Schwierig. Ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein.«

»Verdammter Mist!«, schimpfte der blutende Mann abermals. »Wie weit ist es denn bis zum nächsten Ort? Bis nach Thale? Da muss es ja noch ein paar Hotels mehr geben!«

»Sind Sie verrückt, mein Lieber?«, entgegnete Knöpfle. »Es ist viel zu weit, dass Sie jetzt noch bei Nacht und Nebel verletzt wandern gehen! Vielleicht haben Sie ja eine Gehirnerschütterung oder so was und fallen noch irgendwo um. Nee, ich lass Sie jetzt nirgendwo hingehen! Machen wir lieber Folgendes: Ich habe ein Doppelzimmer und dort steht ein Doppelbett. Auf einer Hälfte können Sie darauf die Nacht schlafen, gell? Kommen Sie, stellen Sie sich nicht so an!«

»Ich weiß nicht …«, gab der Mann zu bedenken. »Gibt es auf dem Bett wenigstens zwei Decken? Sonst ist es mir doch irgendwie zu … Irgendwie zu vertraulich.«

»Ja, da machen Sie sich bloß keine Sorgen! Ich hätte jetzt auch viel lieber die reizende Kellnerin vom Hotel in meinem Bett gehabt als einen unbekannten verschwitzten Kerl von der Straße, gell? Freilich gibt es da zwei Decken, eine für jeden!«

»Okay«, gab der von Müdigkeit geplagte Wanderer nach und beide begaben sich aufs Zimmer, nachdem der Schriftsteller die Hoteltür aufgesperrt hatte.

Es war das, an was sich Knöpfle indes klar erinnern konnte. Er hatte den Mann selbst eingeladen, auf seinem Zimmer zu nächtigen, und konnte sich nun nicht beschweren, dass dieser Breitscheid – plötzlich fiel ihm wieder der Name ein, den ihm der Mann genannt hatte, als sie sich auf dem Zimmer gegenseitig vorgestellt hatten – seine Pläne durcheinanderbrachte. Er musste ihm nun auch aus dem Schlamassel helfen, es war jetzt eine Frage der Ehre.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Richard Knöpfle stand auf, schlüpfte in seinen Morgenmantel und, solange sich Wolfgang noch im Waschraum aufhielt und den Geräuschen zufolge mittlerweile unter der Dusche stand, stopfte sich seine kleine Morgenpfeife – auf der altmodischen Kommode, die ihre Glanzzeiten schon längst hinter sich hatte, präsentierte sich in einem speziellen Ständer eine ganze Sammlung, die stets mit Richard zusammen auf Reisen ging und in der es Pfeifen für jeden Anlass, für jedes Wetter und für jede Jahres- sowie Tageszeit gab.

Der Kreativreisende stand am offenen Fenster und pustete den Rauch nach draußen in die frische Luft des recht kühlen Sommermorgens, als Wolfgang mit noch nassem Haar und einem wie ein Rock an der Gürtellinie befestigten Badetuch aus dem Waschraum kam.

»Sie lösen hier noch einen Feueralarm aus, lieber Richard«, spielte der frisch geduschte Weinvertreter auf die dicken Schwaden an, die trotz des offenen Fensters im Zimmer hingen.

»Tja, Breitscheid«, griff Knöpfle wieder seinen sarkastischen Ton auf. »So ergeht es jedem, der mit einem Pfeifenraucher die Nacht in einem Bett verbringt, gell?«

»Haben Sie da gewisse Neigungen? Ich bin übrigens Wolfgang.«

»Die habe ich nicht«, entgegnete der Schriftsteller. »Aber waren nicht Sie gestern derjenige, der nach einer gemeinsamen Decke gefragt hat?« Knöpfle lächelte schelmisch.

»Ach, reden Sie doch keinen Blödsinn, Knöpfle!« Wolfgang sah sich gezwungen, es dem Märchenjäger gleichzutun und ihn von oben herab wie in einer Kaserne mit Nachnamen anzusprechen. »Sagen Sie doch lieber: Sind Sie hier mit dem Auto?«

»Freilich, mein Teuerster! Oder denken Sie, dass ich es irgendwie in Reutlingen am Hauptbahnhof habe stehen lassen und bis hierhin gewandert bin?«

»Nein. Ich wollte Sie was fragen: Könnten Sie mich vielleicht gleich zu meinem Auto fahren? Meine Sachen kann ich nicht mehr anziehen, sie sind alle verdreckt und alles, was ich zum Wechseln habe liegt noch im Wagen. Es ist nicht weit, nur zwei, drei Kilometer.«

»Hm …«, tat der Schriftsteller wichtig und kratzte sich gespielt tiefsinnig am Kinn. »Okay, und reisen wollen Sie nun allem Anschein nach in diesem Lendenschurz, den sie so liebevoll angelegt haben? Ich könnte Ihnen aus dem Wald irgendeinen Stock bringen, den Sie als Speer benutzen könnten, dann hätten Sie zumindest eine Ähnlichkeit mit dem Häuptling eines der letzten wilden Stämme Amazoniens, um nicht so negativ in der Gegend aufzufallen!«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
Statistiken

Zahlen & Daten zum Werk

Aufrufe: 7.908
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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