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Des Teufels Steg: Seite 64

»Nein, Knöpfle, ich würde mein blutgetränktes Hemd zu diesem Anlass noch einmal anziehen. Das Blut ist eher schon getrocknet und im Wagen kann mich auch keiner sehen!«

»Jetzt reden Sie aber puren Blödsinn, Breitscheid!«, erwiderte Richard. »Wer macht denn schon so was, gell?«

»Was schlagen Sie denn vor?«

»Folgendes!« Der Geschichtensammler legte seine Pfeife beiseite, die er unterdessen zu Ende geraucht hatte, und ging entschlossen zur Kommode. »Passen Sie auf, Breitscheid! Hier liegen meine Sachen: Die Unterwäsche in der obersten Schublade, Hosen und Hemden im mittleren Fach und Socken in der untersten Abteilung. Tun Sie sich keinen Zwang an und nehmen Sie sich alles, was Sie brauchen. Ich bin etwas größer als Sie, aber es ist nicht schlimm, dafür passen Sie garantiert in die Sachen rein! Und ich werde in der Zwischenzeit meinen Körperbedürfnissen ebenfalls freien Lauf lassen und anschließend duschen!«

Richard zog alle Schubladen der Kommode nacheinander heraus, um Wolfgang den Inhalt zu präsentieren, und nahm dabei Anziehsachen für sich heraus. Alsdann ging er zum Bad und ließ Wolfgang, der etwas verblüfft wirkte, vor dem alten Möbelstück allein.

Dieser Richard, überlegte der notleidende Handelsreisende, war schon ein schräger Vogel, aber andererseits hatte ihm in seinem Leben noch kein Mensch in einer misslichen Lage seine Unterhosen zum Anziehen angeboten, mehr noch: Er hatte es noch nie erlebt, dass ihn jemand, so dreckig und heruntergekommen, wie er gestern ausgesehen haben musste, auf sein Zimmer mitnahm, um ihn in seinem Bett schlafen zu lassen. Ja, zugegeben, relativierte er seine Feststellung, er hatte sich auch noch nie in einer derartigen Notsituation wie gestern befunden, um beurteilen zu können, ob es sonst noch Menschen auf dieser Welt gab, die ähnlich gehandelt hätten. Doch je länger er darüber nachdachte, desto mehr Zweifel häuften sich in seinem Kopf bezüglich der bedingungslosen Hilfsbereitschaft seiner Mitmenschen, vor allem wenn er die Situation mit getauschten Rollen gedanklich durchspielte. Er selbst hätte Richard, wäre er des Nachts blutverschmiert vor seiner Tür aufgetaucht, wahrscheinlich nicht ins Haus gelassen, sondern tatsächlich einen Krankenwagen oder die Polizei gerufen, es hätte ja schließlich auch ein Verbrecher sein können. Und dafür, dass dieser etwas sonderbare Kerl es nicht getan, sondern ihm vertraut hatte, war Wolfgang unermesslich dankbar. Er hielt es für mehr als angebracht, dass er jetzt als Ausdruck seiner Dankbarkeit nicht allzu wählerisch war und einfach die Klappe hielt, wenn man ihm etwas anbot, um seine äußerst peinliche Lage etwas weniger peinlich zu machen. Jedenfalls musste er sich vor Knöpfle nicht unnötig aufspielen, dieser hatte ihm schon einmal aus der Patsche geholfen.

Wolfgang machte sich am Inhalt der Kommode zu schaffen und fand bald ein paar Sachen, die er zum Überbrücken der Zeit brauchte, bis er wieder in den Besitz seiner Hemden und Hosen kam. Sie waren ihm alle viel zu weit und er kam sich etwas seltsam vor, nachdem er sie angezogen hatte, aber einem geschenkten Gaul sah man nicht ins Maul, Breitscheid konnte hier nicht noch irgendwelche Ansprüche geltend machen.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Wer war dieser Knöpfle überhaupt, fragte sich der vom Glück verlassene Weinvertreter. Was machte er hier in diesem Hotel im Harz? Was schaffte er so, dass seine Garderobe, zumindest der Teil davon, den Wolfgang zu Gesicht bekommen hatte, leicht gehoben anmutete? Da hatten die beiden noch nichts einander erzählt, aber Breitscheid war sich sicher, dass Knöpfle ein gebildeter Mann war. Er war zwar um einiges jünger als Wolfgang, doch er flößte ihm Respekt ein, trotz seiner merkwürdigen Redeweise. Hinter dieser Fassade spürte man viel Substanz, nicht etwa wie bei Stachowski und Co., die nur oberflächlich von etwas Ahnung hatten, sondern richtig! Apropos Stachowski …! Wolfgang fuhr entsetzt zusammen. Er musste ja irgendwann gleich im Büro anrufen und sagen, dass seine heutigen Termine für die Katze waren und abgesagt werden mussten, sonst würden sich die Kunden von sich aus dort beschweren, dass der »Weinberater« nicht aufgetaucht war, und die Angelegenheit noch viel komplizierter machen. Der Weinhändler setzte sich frustriert aufs Bett und fluchte im Stillen über sein »verdammtes Schicksal«.

»Na, Breitscheid? Alles im Lot, gell?« Richard kam aus dem Bad, glattgekämmt und angezogen wie ein Pfadfinder.

»Nix ist im Lot«, gab Wolfgang bedrückt von sich.

»Warum so traurig, mein Lieber? Wie ich sehe, haben Sie einen guten Geschmack!« Knöpfle musterte Wolfgang von Kopf bis Fuß. »Eine gute Wahl! Übrigens, ich habe heute Nachmittag eine kleine Wanderung vor, daher sollten wir jetzt zum Frühstück hinuntergehen, dann fahre ich Sie zu Ihrem Auto, um die Sachen zu holen. Bis Mittag möchte ich die Geschichte gerne erledigt wissen, damit ich etwa um halb eins losziehen kann, gell?«

»Einverstanden«, stimmte ihm Wolfgang zu. »Das heißt aber: Sie gehen jetzt zum Frühstück hinunter und ich warte auf Sie hier, oder noch besser, draußen.«

»Ist es ihr Ernst? Warum denn das?«

»Was gibt’s denn da groß zu erklären, Knöpfle? Schauen Sie sich meine kaputte Fresse an! Ich gehe doch nicht so unter die Leute.«

»Reden Sie doch keinen Quatsch, Breitscheid! Ja, Sie sehen in der Tat furchtbar aus! Aber was heißt es schon? Kommen Sie, ein Frühstück wird Ihnen guttun. Außerdem: Wenn Sie schon nicht zum Arzt gehen wollen, sollten wir bei Katja zumindest ein Pflaster für Ihre Blessur über dem Auge besorgen. Verpassen Sie nicht die Gelegenheit, ich hätte viel dafür gegeben, um von Katja medizinisch behandelt zu werden. Wenn Sie verstehen, was ich meine, gell?«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.908
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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