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Des Teufels Steg: Seite 62

Doch keine fünf Minuten später brachte ihn die Realität ernüchternd wieder auf den harten Boden der Tatsachen: Die drei Kumpane hatten sich keineswegs im Nichts aufgelöst, vielmehr kamen sie ihm entgegen, als er den halben Weg bis zum Straßenknick geschafft hatte. Der Mann, dessen Ausdrucksweise Richard vorhin bereits kennengelernt hatte, ging den beiden anderen drei Schritte voraus und war sichtlich verärgert. Diesmal versuchte der Märchenautor, sich tatsächlich die Gesichter der Burschen zu merken, einfach für den Fall der Fälle, und sah den »Häuptling«, der sich ihm als Erster näherte, mit einem bohrenden Blick an!

»Was guckste ’n so blääd?«, wandte sich der Anführer äußerst taktlos an Knöpfle, als sie beide aneinander vorbeigingen.

»Nix.« Richard wich mit seinem Blick dem des jungen Mannes mit unsäglichen Manieren aus, um möglichen Weiterungen vorzubeugen.

Er drehte sich allerdings später um, als die pöbelnde Rotte weit genug entfernt war und er sich keiner direkten Gefahr ausgesetzt fühlte, plötzlich angegriffen zu werden, und verfolgte die Männer mit seinem Blick, bis sie auf der Kreuzung nach rechts zur Brücke abgebogen und hinter dem Hotel verschwunden waren. »Pah«, gab Knöpfle von sich. Was für ein ekelhaftes »Pack« war denn das, stellte er sich eine rhetorische Frage, denn nach einer Antwort zu suchen, hatte er nicht einmal vor, sie war ihm schon von vornherein bekannt: Idioten! Richard wiegte sich in der Hoffnung, ja beinahe in dem Bewusstsein, dass der armen Frau nichts zugestoßen war. Die Zeit, für die er die Männer aus den Augen verloren hatte, war einfach viel zu kurz, um etwas richtig Schlimmes anrichten zu können. Sicherheitshalber spazierte Richard noch ein Stück weiter auf der Straße und warf einen Blick hinter die Kurve, dort war alles friedlich. Er konnte weit und breit keine Frau sehen, sie musste den Blödianen irgendwie entkommen sein, nahm er an. Knöpfle kehrte zum Hotel zurück, setzte sich wieder an den Tisch, auf dem noch das halbvolle Glas Wein stand, und stopfte sich eine Pfeife …

An dieser Stelle öffnete Knöpfle, nach wie vor im Bett liegend, blitzartig seine Augen, denn danach, und er hatte den Umstand noch gar nicht berücksichtigt, folgte in der Geschichte etwas, was die Reihenfolge seiner für heute geplanten Beschäftigungen entscheidend verändern konnte und überdies die Richtigkeit ihrer voraussichtlichen Zahl und vor allem ihren beabsichtigten Zweck grundlegend infrage stellte. Später hatte es nämlich noch eine unheimliche Begegnung gegeben.

Wie lange er gestern schon auf der Terrasse vertieft in Gedanken dagesessen und mit der Zunge an dem Mundstück der längst ausgegangenen Pfeife zwischen seinen Lippen gespielt hatte, als er erneut Schritte von der Brücke hörte, hätte er nie im Leben sagen können, aber nach einer Weile sah er einen völlig erschöpften Mann mittleren Alters, der in einem blutverschmierten Hemd die Straße zum Dorfplatz entlangtaumelte. Und das war noch nicht alles, der spannende Teil der Geschichte folgte noch.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Er strengte sein Gehirn an, rief noch ein paar verschwommene Bilder von gestern Abend in Erinnerung und kam zu einem überraschenden Ergebnis: Wenn er, Richard, nicht irrte und sich jetzt zur Bettmitte umdrehen würde, würde er diesen Mann schlafend auf der linken Hälfte seines Doppelbetts zu Gesicht bekommen. Er beschloss, es nicht auf die lange Bank zu schieben und die Richtigkeit seiner Theorie sofort unter Beweis zu stellen. Der Märchenautor wälzte sich schwerfällig von der rechten Seite, auf der er bislang gelegen hatte, auf die linke und begegnete plötzlich dem Blick von Wolfgang Breitscheid, der seinerseits auf dem Rücken liegend und seinen Kopf auf dem Kissen leicht in Richards Richtung gedreht den Geschichtensammler erwartungsvoll ansah. Es stimmte also alles, an was er sich erinnert hatte, stellte Richard fest, und es war ebenfalls alles richtig an seiner Schlussfolgerung. Bis auf eines: Der Mann schlief nicht.

»Sind sie jetzt wach?«, fragte Wolfgang. »Ich muss mal dringend, aber ich wollte Sie beim Aufstehen nicht wecken.«

»Jaja«, gab Knöpfle zurück. »Machen sie nur, nicht dass Ihnen die Blase platzt!«

Der Tonfall, den der »verrückte Schriftsteller« für seine Antwort gewählt hatte, war teils ironisch, teils sarkastisch und hatte, wenn man genauer hinhörte, sogar einen kaum hörbaren Unterton von Häme und Spott, die ihrerseits wiederum nicht so verletzend gemeint waren, wie sie bei einer oberflächlichen Betrachtung klingen mochten. Es war kein Zufall, sondern eher Absicht, welcher sich der Urheber nicht in vollem Umfang bewusst war, es kam einfach so aus ihm heraus, ohne dass er sich groß darüber Gedanken machte. Es war seine Art, und sie hatte mehr von einer Schutzfunktion an sich, als dass er seine Gesprächspartner verbal angreifen wollte, insbesondere seinen neuen Bekanntschaften gegenüber, bei denen er noch nicht wusste, wo er dran war.

»Ja, danke für ihr Mitgefühl«, erwiderte Breitscheid mit gleicher sarkastischen Note in seiner Stimme, während er in der Unterhose schnellen Schrittes zum Waschraum eilte. »Mir geht es aber um andere Funktionen des menschlichen Verdauungstraktes!« Er nahm die Herausforderung von Richard an, das Spiel kannte auch er bestens.

Richard gefiel die Antwort. Endlich hatte er jemanden vor sich, mit dem er sich auf gleicher Augenhöhe unterhalten konnte. Der Mann konnte offensichtlich Paroli bieten und war nicht eine dieser Mimosen, die gleich die beleidigte Leberwurst spielten, wenn Richard anfing, seine spitzen Bemerkungen zu machen. Dabei hatte der Kerl gestern nicht den Eindruck erweckt. Gut, sah Knöpfle ein, er selbst war am vorigen Abend auch nicht besonders zu Sticheleien aufgelegt gewesen, als er diesen … Der Geschichtensammler versuchte, sich an den Namen seines Übernachtungsgastes zu erinnern: Breitbach? Breitling? Auf jeden Fall – Knöpfle kam nicht auf den Namen und ließ es schließlich sein – hatte ihm der Atem gestockt, als er diesen »irgendwas mit Breit« gesehen hatte.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.908
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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