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Des Teufels Steg: Seite 58
Cecilia entschloss sich fest, sich in nächster Zeit noch offensichtlicher ins Blickfeld von diesem Hannes zu rücken, um endlich seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Notfalls, dachte sie nach, notfalls war sie sogar innerlich bereit, zu den Christen zu wechseln, nur um an Hannes heranzukommen. Ihrer Mutter musste sie vorerst nichts sagen. Vielleicht wäre es ihr ja später gelungen, ihren Mann, und sie wollte Hannes unter allen Umständen heiraten, auf die Seite ihres Wilden Volkes zu ziehen, denn Hannes war ja nur zur Hälfte ein Christ, die zweite Hälfte von ihm war wild. Durch diese Überlegungen beschwert wanderte Cecilia gleichwohl unermüdlich auf dem Pfad nach Thale, der schon seit einiger Zeit nicht mehr flach entlang der Bode verlief, sondern vielmehr über kleinere Hügel und Anhöhen am rechten Ufer des Flusses führte, die darauf hinwiesen, dass sie langsam den Anfang der tiefen Schlucht erreichte, die sich der Wasserlauf mit der Zeit in den Fels gegraben hatte. Die Mondscheinbrücke war nicht mehr weit. Es war gut so, denn sie musste so schnell wie möglich zu ihrer Mutter, die hilflos zu Hause im Bett lag und versorgt werden musste. Die junge Frau hielt dann und wann für eine kurze Verschnaufpause an, wenn sie eine Steigung hinter sich hatte, und vergaß dabei kein einziges Mal nach hinten zu gucken und in die Dunkelheit zu lauschen, ob hinter ihrem Rücken nicht zufällig der schwere Atem eines großen Wilden Mannes zu hören war, der ihr hinterher den Hang hinaufstieg. Aber es blieb zu ihrer Enttäuschung alles ruhig. Der Halbmond strahlte vom wolkenlosen Himmel, der mit Sternen übersät war, unten in der Schlucht rauschte die Bode, kein Lüftchen rührte sich und kein Wilder Mann tauchte aus der Dunkelheit auf, um sie zu entführen. Cecilia sah schon von oben die Nebelschwaden an der Stelle, wo die Brücke gewöhnlich über der Schlucht hing. Der Mond schien heute wirklich sehr hell. Nun musste sie nur noch den Hang hinunterlaufen, über die Brücke flitzen und schon wäre sie zu Hause gewesen, zumindest in ihrer eigenen Welt, wo sie sich auskannte und der Weg nach Hause keine große Sache mehr war. Das Fräulein hielt inne vor der Brücke und sah auf die gegenüberliegende Seite der Schlucht. Auf den ersten Blick gab es dort nichts, was einem verdächtig vorkommen konnte. Auch beim zweiten Hinsehen entdeckte das Mädchen keine Anzeichen der Anwesenheit von den Männern, die sie auf dem Hinweg an dieser Stelle abgeschüttelt hatte. Alles war wie gewohnt und sie vernahm auch keine Geräusche, die nicht hierher passten, oder gar Stimmen hinter dem Felsen auf der anderen Seite, wo sich die Verfolger von vorhin versteckt haben konnten. Nichts. Sie lief rasch über die Brücke. »Geschafft!«, atmete sie erleichtert auf, als sie wieder festen, felsigen Boden unter ihren Füßen hatte! Von hier war es nur ein Sprung bis zum Dorf und der Weg führte die ganze Zeit mit einem sanften Gefälle nach unten, sodass Cecilia guter Dinge war, ihre nächtliche Wanderung ohne Zwischenfälle bald beenden zu können. Da war natürlich noch der Wald am Ende der Schlucht vor dem Dorf, aber sie machte sich keine Sorgen deswegen – sie kannte sich gut aus und würde nicht den Pfad an der Kräuterwiese entlang, wo die Übeltäter auf sie nach wie vor warten konnten, sondern den Weg nehmen, der näher an dem Felsen vorbeiführte, auf dem sich der Hexentanzplatz befand.
(?)
Nach nicht allzu langer Zeit machte der Wasserlauf den letzten nennenswerten Knick, bevor er verhältnismäßig geradewegs weiterfloss, neuerdings aber nicht mehr wild aufbrausend in den Stromschnellen, denn die Schlucht flachte allmählig ab. Die Felswände, die das Bodetal säumten, traten vorne immer weiter auseinander und im Osten öffnete sich bald die freie Sicht auf den bezaubernd schönen Sternenhimmel. Es war die Stelle, wo die Schlucht in die Ebene mündete, dort lag hinter dem Wald das Dorf zum Tale. Das leise Rauschen des Flüsschens konnte Cecilia kaum noch hören, aber sie wusste, dass die Bode sie immer noch zu ihrer Rechten begleitete, und sie wusste ebenfalls, dass gleich die Stelle kam, an der sie zum anderen Ufer waten musste, wenn sie den kleinen Umweg an dem Hexenfelsen nehmen wollte. Da sah das Mädchen aber kein Problem, das hatte es schon tausendmal in seinem Leben gemacht, das Wasser strömte hier ruhig und gemächlich, sodass die Flussüberquerung keine großen Gefahren in sich barg. Cecilia nahm ihre Schuhe in die Hand, schürzte ihren Umhang und die Cotte, sodass ihre wohlgeformten Oberschenkel zum Vorschein kamen, und betrat das recht kühle Nass, nachdem sie die Stelle erreicht hatte. Aus einem unerklärlichen Grund stoppte sie in der Mitte des friedlich fließenden Gewässers und sah nach oben zum Hexentanzplatz. Was sie sich dort zu erblicken erhofft hatte, blieb auch für Cecilia ein Geheimnis. Vielleicht, überlegte sie, während sie schon auf dem Pfad auf der anderen Seite der Bode voranschritt, hatte sie sich von der Richtigkeit von Großmutters Geschichte überzeugen und den Schein der lodernden Flammen der Hexenfeuer über dem Berg sehen wollen? Nein, verwarf sie gleich ihren Gedanken, das passierte doch alles in einer anderen Welt! In ihrer Welt herrschte dunkle Nacht auf dem Hexentanzplatz. Cecilia wollte nicht mehr darüber rätseln, der Pfad führte sie in den Wald hinein. Es war stockdunkel. Obgleich der Mond reichlich winzige glitzernde Partikelchen seines silbrigen Lichts über die Gegend streute, ließen die alten, dicken Buchen nur wenige von ihnen durch ihre dichten Kronen auf den Waldboden fallen. Cecilia traute sich nicht, ihre Laterne anzumachen, und allem Anschein nach waren ihre Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen, denn als sie gerade an dem Scheideweg vorbeigewandert war, der im Zickzack nach oben zur Spitze des Hexenfelsens führte und im Volksmund »der Hexenstieg« genannt wurde, hörte die junge Frau völlig unverhofft ein klirrendes Geräusch vorne auf dem Pfad. Jemand näherte sich ihr, denn das Geräusch wiederholte sich mehrfach und wurde lauter. Es klang so, als ob einer, der seine Hosentaschen mit Münzen vollgestopft hatte, auf dem Wege schritt und die Geldstücke bei jedem Schritt an seinen Beinen rhythmisch rasseln ließ. Cecilia verließ erschrocken den Pfad. Hastig lief sie tiefer in den Wald hinein, legte sich auf den Boden hinter einen Baum und hielt den Atem an.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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