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Des Teufels Steg: Seite 56

An jenem Tage, erinnerte sich Irmel an ihre damaligen Erkenntnisse, um die sie bei dem Versuch, das Wort Gottes zu verbreiten, reicher geworden war, hatte sie die ganze Vielschichtigkeit dessen begriffen, was Pfarrer Lukas als »zum Christentum bekehren« bezeichnet hatte. Sie sah es ein, dass sie einen falschen Weg zu dem Herzen dieses Mädchens, das sich nie wieder hatte blicken lassen, eingeschlagen hatte, um sie näher zu Gott zu bringen. Einen ganz falschen Weg! Nicht alle fanden zu Gott so wie sie selbst, quasi von jetzt auf gleich. Von der hohen Warte des heutigen Tages gesehen, hätte sie dem Kind wahrscheinlich zuerst ihre eigene Geschichte erzählt und es langsam an die göttliche Herrlichkeit herangeführt, anstatt die Wilde Jungfrau zu verwirren. Es war sicher nicht alles ihre Schuld gewesen, denn es gab noch Ännlin, die damals auf eine ganz plumpe Art dazwischengeredet hatte, aber trotzdem, sie hätte es besser wissen müssen.

Irmel dachte an ihre eigene Jugend als Wildes Fräulein. Hätte sie zu der Zeit jemandem Glauben geschenkt, fragte sie sich, wenn er zu ihr gekommen wäre und etwas von der Unabdingbarkeit der Danksagungen und Lobpreisungen an Jesus erzählt hätte oder ihr gleich Todesqualen im Höllenfeuer in Aussicht gestellt hätte, falls sie einen Mann ihres Stammes aus dem Wald heiraten würde? Wahrscheinlich nicht. Oder besser: Ganz bestimmt nicht. Denn Irmel wusste, wovon sie sprach. Sie stammte selbst von einem Mann aus dem Wald ab, von dem ihre Mutter sie empfangen hatte, ob sie es wollte oder nicht. Das hatte sie nicht vergessen und dachte oft daran, obgleich sie gelogen, wenn sie gesagt hätte, dass dieser Umstand sie mit Stolz erfüllte. Eher das Gegenteil war der Fall: Sie schämte sich ihrer wilden Wurzeln und tat alles Erdenkliche, damit man sie mit den Kräuterhexen nicht in Verbindung brachte. Sie versuchte mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen, den alten Glauben des Wilden Volkes zu zerstören und dem Teufelswerk der Kräuterzubereitung ein Ende zu setzten. Es war Irmel durchaus bewusst, dass genau diese Sitten sie zu der gemacht hatten, wer sie heute war – eine fromme Christin. Gleichwohl waren die wenigen Wilden Frauen im Dorf, die noch die Kräuterkunst beherrschten, ihr ein Dorn im Auge, vor allem aber die Sippe von diesem grausamen Weibe Gerlinde, obwohl doch keine andere als diese alte Hexe diejenige war, die Irmel erst überhaupt dazu gebracht hatte, dass sie sich Gott zuwandte.

Doch es war das Einzige, was man ihr nach langem Zögern noch zugutehalten konnte, wenn man ein Auge, am besten aber gleich beide, zudrückte. Wahrlich, es war eine richtige Hexe gewesen, entsann sich Irmel ihrer wilden Zeiten. Übrigens, fiel es ihr plötzlich ein, dieses Hexenweib war unter anderem der Grund dafür, dass sie, damals noch eine schmucke Jungfrau, der alle Junggesellen im Dorf außer ihrem liebsten Ewalt nachgeschaut hatten, für ewig eine alte Jungfer geblieben war! Gerlinde hatte ihr nicht das Kräutlein verraten, mit dem sie Ewalt an sich binden konnte, sodass er sich eine andere Jungfrau zum Weibe genommen hatte. Dabei war es auch eine Wilde gewesen, darüber ärgerte sich Irmel am meisten! Es hätte mit dem gleichen Ergebnis auch sie sein können, sie sein sollen, und Ewalts Sohn Hannes hätte ihr Kind werden müssen – die Mutter des Knaben im Himmel mochte es ihr nicht übelnehmen, bat sie die längst verstorbene Frau um Nachsicht. Ewalt war auch vor einigen Jahren verschieden, aber Hannes war ein stattlicher Mann geworden und ein vorbildlicher Christ, zu dem alle aufsahen. Irmel blickte oft verstohlen in seine Richtung und stellte sich vor, es sei ihr Sohn, der allen so klug und gebildet erscheine, und darüber hinaus versuchte sie heimlich, ihn mit einer christlichen Jungfrau zu verkuppeln, indem sie die Dorfweiber, die zu ihrer Nähstunde kamen und Töchter im passenden Alter hatten, diskret dazu anstiftete, ihren Fräuleins nahezulegen, sich dem jungen Mann von ihrer besten Seite zu präsentieren. Doch es wollte nicht klappen, und es lag nicht an den Mädchen.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Dennoch bewunderte Irmel den Jungen, den sie schon beinahe für ihr Kind hielt. Er konnte Lesen und Schreiben und pflegte Umgang mit hohen Würdenträgern der Kirche, mit Vater Nicklas, dem Franziskanerbruder aus Quedlinburg zum Beispiel, der oft im Kloster zu Besuch war und erst heute in der Früh im Gotteshaus eine ergreifende Predigt gehalten hatte über die Verdorbenheit der Dorfweiber, die Kräuterhexerei betrieben, und die Strafen, die über sie schon bald, noch hier auf Erden, verhängt worden wären, wenn man sie bei der Ausübung ihres Teufelswerks erwischt hätte. Nichts wünschte sich Irmel mehr als das in Bezug auf alle Kräuterhexen im Dorf, und erst recht, wenn es um die Nachkommen der alten Hexe Gerlinde ging. Ihre Tochter Ursel war jetzt zwar krank und konnte sich nicht mehr bewegen, geschweige denn ihren höllischen Künsten nachgehen, aber diese kleine, blauäugige Hexe Cecilia, ihre Enkeltochter, sie war dauernd im Wald auf der Suche nach Zauberkräutern unterwegs und musste hart bestraft werden. Eine Versöhnung mit dieser Familie sollte es ihrer Meinung nach nie geben.

Irmel war noch gar nicht so lange unterwegs gewesen, als sie zum Scheideweg kam. Der Hexenstieg zweigte an dieser Stelle zum Hexentanzplatz von dem Hauptpfad ab, der weiter flussaufwärts zur Schlucht führte. Sie leuchtete auf den Steig mit ihrer Laterne, die ihr schwaches Licht nur spärlich auf den Boden warf, um sich zu vergewissern, die richtige Kreuzung gefunden zu haben, und musste abermals feststellen, dass der einst kaum bemerkbare Trampelpfad auf den Berg seit ihrem letzten Aufstieg im vergangenen Jahr noch ein Stückchen breiter geworden war, weshalb sie auch gewisse Bedenken bekommen hatte. Die Mitte des Pfades war festgetreten und glich stellenweise schon einem mit Steinen gepflasterten Weg, aber an den Seiten des Hexenstiegs, wo die Erde noch etwas aufgelockert war, entdeckte Irmel Fußspuren, die sowohl hinauf- als auch herunterführten. Es bestärkte nur noch ihren früheren Verdacht, dass auf dem Hexenstieg reger Verkehr herrschte, und es waren keine Wilden Männer, die auf dem Pfad hin- und herwanderten. Der Größe der Schuhabdrücke nach mussten es Frauen gewesen sein, die erst vor Kurzem den Felsen bestiegen hatten, denn die Spuren waren noch ganz frisch und hatten scharfe Kanten trotz des Regens, der erst Vorgestern heruntergekommen war und die Abdrücke verwischt haben musste, wenn sie schon länger da gewesen wären. Sie fragte sich: War an der Geschichte von der Oberhexe auf dem Felsen, die sie sich eigentlich ausgedacht hatte, vielleicht doch etwas dran? Hatten ihre Gedanken durch die bloße Vorstellungskraft Gestalt angenommen? Denn daran, dass das grässliche Hexenweib Gerlinde damals einfach spurlos verschwunden war, glaubte Irmel nicht. Irgendwas oder irgendjemanden musste es da oben geben, zu dem all die Frauen hinaufstiegen.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
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Erschienen: March 2024

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