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Des Teufels Steg: Seite 57
Irmel blieb eine Weile am Scheideweg stehen und ruhte sich aus, der schwierigste Abschnitt ihrer Wanderung stand ihr bevor, den Felsen hinaufzuklettern. Doch die alte Frau war guter Dinge trotz der Strapazen, die sie erwarteten. Gott war auf ihrer Seite und er würde sie großzügig dort oben für ihre Mühen belohnen! Der erste Pilz, den sie heute im hohen Gras fand, gehörte nicht in ihren Beutel, sondern direkt in ihren Mund. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl würde sich mit Windeseile in ihrem Leibe verbreiten, sobald sie den unverwechselbaren Geschmack auf ihrer Zunge gespürt hatte, und sie würde Jesus am Firmament erblicken und ihn lobpreisen und ehren. Und sie hätte süße Tränen der aufrichtigen Reue vergossen für all ihre Sünden, die sie ihrem Herrn gegenüber begangen hatte oder noch zu begehen gezwungen sein würde. Und der Herr würde ihr verzeihen, wie er es immer tat, denn jeder Sünder war ihm willkommen, wenn er Buße tat und an ihn glaubte. Es war nur noch ein kleiner Sprung bis zum Gipfel, eine letzte Anstrengung vor der wohltuenden Entspannung im weichen Federbett des göttlichen Pilzzaubers. Lange konnte es bis zu dem heißersehnten Augenblick nicht mehr dauern, dass sie ihren Herrn im Himmel nach langer Zeit wieder zu Gesicht bekam, und Irmel machte sich auf den Weg.
Cecilia ließ die Großmutter allein. Sie ging mit ihrer Laterne, die sie zuvor angemacht hatte, durch die dunklen Gänge zum Stolleneingang, kam bis an die Gittertür und sah durch die Eisenstäbe vorsichtig nach draußen. Alles war ruhig, kein Mensch war weit und breit zu sehen. Das Fräulein pustete ihre Laterne erneut aus und schlüpfte durch die Öffnung im Fels ins Freie. Sie bewegte sich langsam, mit äußerster Vorsicht im Schatten der Bäume am Straßenrand, deren Zweige über der Straße hingen, und flitzte geschwind über die offene Fläche, wenn sie einen baumfreien Abschnitt überwinden musste, um möglichst nicht aufzufallen. Am Dorfplatz verharrte sie eine Weile hinter der Ecke eines Hauses und beobachtete das große Gebäude an der Bodebrücke, wo sie vorhin unabsichtlich in das Blickfeld eines Mannes geraten war. Aber auch hier regte sich nichts, die Fenster im Haus blieben dunkel, nur noch hinter der Eingangstür ließ sich ein schwaches Licht erahnen, als wenn noch irgendwo in den Innenräumen, weit vom Eingang entfernt, vielleicht in der Schlafstube, eine Kerze brannte. Das Mädchen betrat die Brücke und überquerte sie schnellen Schrittes, beinahe geräuschlos, sogar den unteren Saum ihres Leinenumhangs zog sie vorsichtshalber mit den Händen fast bis zu den Knien hoch, damit der dicke Stoff beim schnellen Gehen keinen Lärm verursachte. Hinter der Brücke bog sie von der Straße links ab, hier fing der Pfad an, der entlang des Flusses verlief und sie zu dem geheimnisvollen Steg über die Schlucht bringen würde. Noch war allerdings nichts von einer Schlucht mit schroffen Felswänden zu merken. Der Weg war eben wie der Boden eines Tellers, sodass Cecilia ohne Tempoverlust weiterziehen konnte. Sie musste diesmal ohne Licht auskommen, denn irgendwo hier, auf diesem Wegabschnitt, waren ihr die aggressiv geladenen jungen Männer, die ihr bis zum Stollen gefolgt waren, wegen dem Licht der Laterne auf die Spur gekommen. Wer konnte es wissen, nach all dem, was ihr die Großmutter heute von den Orgien auf dem Hexentanzplatz erzählt hatte, ob sie sich nicht wieder hinter einer der dicken Buchen, die den Weg säumten, auf die Lauer gelegt hatten.
(?)
Die Großmutter hatte ihr heute Nacht auch sonst viel Interessantes verraten, fand Cecilia, denn von den meisten Dingen hatte sie vorher nicht die geringste Ahnung gehabt. Nun war sie aber von allem unterrichtet: Sie wusste, wer sie war, sie hatte eine klare Vorstellung davon, wie sich gewisse Dinge hinsichtlich ihrer Volksgruppe miteinander verhielten, sie hatte letztendlich eine ziemlich genaue Anleitung von ihrer Ahne bekommen, was sie tun musste, damit ihr langersehnter Wunsch, schwanger zu werden, in Erfüllung ging. Und nicht einfach in Erfüllung, sondern noch zur Geburt eines gesunden, zeugungsfähigen Jungen geführt hätte. Zugegeben, überlegte Cecilia, das Letztere hatte ihr die Großmutter nicht versprochen, aber sie konnte sich aus irgendeinem Grunde ganz schlecht vorstellen, dass sie ein Mädchen zur Welt bringen würde. Sie musste nur noch einem Wilden Mann begegnen, dann hätte es auch mit dem Jungen geklappt, davon war sie fest überzeugt. Das Thema beschäftigte die junge Frau derart lebhaft, dass sie unablässig an diese Begegnung denken musste, während sie sich immer weiter von Treseburg auf dem Pfad entfernte, und daran, wie so ein Rendezvous mit einem Wilden Mann hätte vonstattengehen können. Sie erwischte sich selbst dabei, dass sie weniger auf Geräusche aus dem finsteren Wald achtete, die auf die Anwesenheit von den gefährlichen Männern vom Tanzplatz hätten hindeuten können, sondern sich voll und ganz darauf konzentrierte, unverhofft dumpfe, stampfende Laute der Schritte eines Wilden Mannes hinter sich zu vernehmen. Er würde sie mit seiner starken Hand am Arm nehmen, träumte Cecilia ihren Traum, und weg vom Pfad in den Wald führen. Und sie würde sich seinem Willen fügen, und alles über sich ergehen lassen, was immer der Wilde Mann mit ihr vorhatte. Sie kniff sich mit den Fingern schmerzhaft in den Schenkel, um den träumerischen Zustand zu beenden, die Gedanken waren ihr peinlich. Während das sinnliche Verlangen im Traum vom Wilden Mann im Walde eher pragmatischer Natur war, wenngleich es sich auch sehr, sehr aufregend anfühlte, in jeder Hinsicht, vor allem aber in der einen, gab es da noch diesen Hannes aus dem Dorf, den die junge Frau in diesem Augenblick vom ganzen Herzen herbeisehnte. Sie glaubte, sie liebte ihn, und sie war der Ansicht, dass sie sich den Wilden Mann, der gerade erst im Traum an ihrem Körper äußerst unanständige, dennoch unglaublich wohltuende und den Verstand raubende Liebeshandlungen vollzogen hatte, mit seinen Gesichtszügen und mit seiner Statur vorstellte. Dahinter erschloss sich Cecilia eine gewisse Logik: Wie hätte sie denn einen Wilden Mann in dem Maße lieben können, um mit ihm schlafen zu wollen, wo sie doch noch nie in ihrem Leben einen gesehen hatte? Hannes zog sie hingegen magisch an, seinetwegen hatte das Mädchen auch schon früher feuchte Träume gehabt. Cecilia nahm nicht ohne Grund an, dass sie genau von diesem jungen Mann ihr Kind haben wollte und nicht von einem imaginären Wilden, von dem sie nicht mal wusste, wie er aussah. Doch wie ihre Mutter berichtet hatte, und die unerfreuliche Nachricht über die Abkömmlinge der Christen von der Großmutter weitgehend bestätigt worden war, konnte der ansehnliche junge Mann aus dem Dorf ihr keine Kinder schenken. Da blieb nur der Wilde Mann, wie auch immer er aussehen und riechen mochte, er war wohl der Einzige, der ihr einen richtigen Sohn machen konnte. »Was soll’s!«, sprach sie zu sich selbst, sie wäre, wenn man den Geschichten ihrer Mutter und Großmutter Glauben schenkte, und sie anzuzweifeln hatte sie keinen Grund, nicht die erste Wilde Frau im Dorf gewesen, die nachts heimlich die Wilden Männer in der Schlucht besuchte, während sie tagsüber einen Christen zum Mann hatte und ihn über alles liebte. So war der Brauch, wie sich Großmutter Gerlinde ausgedrückt hatte.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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