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Des Teufels Steg: Seite 54

Gerdrud folgte der Aufforderung und Irmel nahm Maß mit einem Band auf dem merkwürdige Striche angebracht waren. Die erfahrene Schneiderin hielt es mit dem Daumen und dem Zeigefinger an der Stelle fest, die sie vorhin als die Schulterbreite von Gerdrud festgelegt hatte, und legte das Maßband an das Stoffstück an.

»Siehst du«, sagte sie belehrend, »so breit muss die Cotte oben sein, damit du in sie hineinschlüpfen kannst. Nun brauchst du aber noch ein wenig mehr Platz, wenn du deine Arme bewegst, wir machen sie noch zwei Striche breiter. Hilfst du mir mal, Gerdrud, und nimmst bitte das Stück Kreide. Mach einen Strich auf dem Leinen. Ja, genau so: Zwei Striche weiter als die Stelle, wo mein Zeigefinger auf dem Band liegt!«

Während Irmel Gerdrud auf diese Weise durch die Wunder ihres Handwerks führte und auf dem Leinenstoff nach und nach Kreidelinien und Umrisse der einzelnen Teile des zukünftigen Kleidungsstücks entstanden, unterhielten sich die anwesenden Frauen halblaut unter sich, hin und wieder einen Blick zum Tisch werfend, wenn der nächste Körperbereich beim Maßnehmen an der Reihe war.

»Sie könnte aber schon bald heiraten«, bemerkte Ännlin, als Gerdrud der Busenumfang gemessen wurde. Sie war ein erfahrenes Frauenzimmer und wusste, worauf es bei der Sache ankam.

»Ist sie denn schon mit jemandem verlobt?«, fragte Brida, eine einfache Bäuerin, der eine Reihe Schneidezähne fehlte, weshalb sie kräftig lispelte. »Wer ist es?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Ännlin. »Sie geht ja auch nicht sonntags in die Kirche, man kann nicht herausfinden, mit wem sie vor dem Gottesdienst liebäugelt. Sie ist eine Wilde.«

Brida bekreuzigte sich ängstlich. »Gott, erbarme dich ihrer Seele.«

»Gott, erbarme dich«, sprach ihr der Rest der Frauen im flüsternden Chor nach.

Gretlin, die Frau von Ruprecht, die das Wilde Mädchen mitgebracht hatte, blickte verstohlen zum Tisch hinüber, ob man sie hören würde, beugte sich im Sitzen zur Mitte des Kreises vor und sagte kaum hörbar hinter vorgehaltener Hand: »Die Cotte ist für die Hochzeit! Die Eltern wollen, dass sie sich mit dem Wilden Mann aus dem Wald vermählt.«

Das blanke Entsetzten spiegelte sich in den Gesichtern der Näherinnen. »O großer Gott«, brachte schließlich Katharina, des Bäckers Weib, die allgemeine Stimmung zum Ausdruck. »Wer hätte sich nur so etwas denken können? Ich wusste, dass sie keine Christen sind, aber ich konnte nicht ahnen, dass die Familie so tief in der Sünde versunken ist, dass sie ihre eigene Tochter mit dem Teufel vermählen wollen. Davon war nichts zu merken, wenn ich bei ihnen Heiltränke gegen Martins Husten besorgte. Es ist mir nicht aufgefallen.«

»Das ist es ja«, fuhr Gretlin fort. »Ihre Mutter hat es mir ja auch nicht offen gesagt. Ich bin von selbst darauf gekommen, als sie sagte, dass das Mädchen etwas Hübsches zum Anziehen braucht, wenn sie bald in den Wald geht!«

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Die fünfte Frau in der Runde, Agnes, die bislang still geblieben war, pflichtete ihr bei: »Ja, das stimmt, das hat mir die Mutter auch erzählt, als ich bei ihr Kräuter geholt habe. Aber nicht irgendwie hintenherum. Sie sagte einfach geradewegs, das Mädchen sei reif und müsse sich im Wald vom Wilden Mann finden lassen, um ein Kind zu empfangen. Für sie sind die Wilden Männer keine Teufel, ich glaube, dahinter steckt eine seltsame Geschichte, die wir nicht kennen und die sie mir nicht verraten hat.«

»Aber, Agnes!«, meldete sich Ännlin wieder zu Wort. »Was sagst du da? Rechtfertigst du die Unzucht der Wilden?«

»Man weiß ja nicht, wer die Wilden Männer im Wald sind, und eh man …«

»Schweig, Agnes, sag kein Wort, ehe du dich versündigst!«, unterbrach Ännlin respektlos ihre Kontrahentin. »Wenn es keine Ausgeburten der Hölle sind, so sind es allemal Tiere, wenn sie ihr Leben im Walde verbringen! Und es steht in der Heiligen Bibel, die unser Pfarrer uns vorliest: ›Wenn eine Frau sich einem Tier nähert, um sich mit ihm zu vereinigen, dann sollst du die Frau und das Tier töten.‹ Das hat er mir gesagt und das sollst du lieber deinen drei Töchtern erklären, anstatt das arme Mädchen zu ermutigen, die Ehe mit einem Tier zu vollziehen!«

»Deswegen ist ja das Mädchen hier«, versuchte Gretlin in dem Streit zu schlichten. »Ich habe sie mitgebracht, damit Irmel sie vielleicht von dem Vorhaben abbringt. Sie kann es besser als jede von uns.«

Doch Agnes gab keine Ruhe: »Meine Kinder sind unterrichtet, Ännlin«, bemerkte sie trotzig. »Ihretwegen musst du dir keine Sorgen machen! Ich hätte aber dennoch gerne gewusst, was es mit den Wilden Männern auf sich hat. Was hast du überhaupt gegen die Wilden? Sollten sie nicht lieber alle im Schoße unserer christlichen Kirche sein? Müsste man ihnen dafür nicht die Unsinnigkeit ihrer Sitten erklären? Und müsste man diese Sitten nicht zuerst verstehen?«

»Verstehen?«, fragte Ännlin erbost. »Willst du es verstehen, um zu erfahren, wie du es besser anstellst, deine Scham vor einem stinkenden Ziegenbock zu entblößen?

»Gott! Nein, Ännlin!«, widersprach Agnes. »Du musst es verstehen, um zu wissen, was dahintersteckt.« Sie senkte die Stimme. »So wie du die Sache mit ihren Zaubertränken verstehst. Die trinkst du ja auch, wenn du krank bist, ohne zu fragen, ob es Gift ist. Oder?«

Der Rest des Nähzirkels starrte auf den Boden und blieb schweigsam auf den Stühlen sitzen, während die einzelnen Teilnehmerinnen einsichtig mit ihren Köpfen nickten. Dem Augenschein nach konnte jede von ihnen das von Agnes eben Gesagte nachvollziehen, jedenfalls den Teil mit den Kräutermittelchen, die ausnahmslos alle im Dorf, ob Christ oder Heide, bei den Wilden Frauen besorgten. Und die Wilden kamen ihnen dabei erstaunlicherweise gar nicht mehr so wild vor wie in manch einer Predigt, die sie in der Kirche hörten. Das mussten sie Agnes lassen, sie hätte auch recht haben können.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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