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Des Teufels Steg: Seite 55

Ännlin saß währenddessen unschlüssig da, beschäftigt mit dem Problem, wie sie in der Diskussion noch die Oberhand gewinnen konnte, und verlautete nach einer Weile ihre Entscheidung: »Ich frage lieber morgen den Pfarrer ob das nicht Ketzerei ist, was du uns erzählst.«

Agnes verstummte. Bei dem Wort »Ketzerei« wurde ihr ziemlich mulmig zumute: Was, wenn Ännlin ihre Ankündigung wirklich in die Tat umsetzte? Denn davon, wie die Geschichte hätte enden können, hatte sie eine ungefähre Vorstellung. Man munkelte so allerhand in der Gegend, was eine Ketzerin erwarten konnte, wenn sie nicht rechtzeitig auf den Weg der Vernunft zurückkehrte. Agnes nahm eher an, dass es von Ännlins Seite mehr ein geschickter Trick war, um sie vor den Augen der anderen Frauen zu diskreditieren und zum Schweigen zu bringen, aber ganz sicher war sie sich dabei nicht.

Dessen ungeachtet, dass Irmel sich die ganze Zeit mit dem Fräulein am Tisch beschäftigte, war ihr der »theologische« Disput zwischen ihren Besucherinnen nicht entgangen. Doch sie griff in das Geschehen nicht ein. Stattdessen nutzte sie die Gunst der Stunde, um mit der jungen Frau ins Gespräch zu kommen. Gerdrud war inzwischen etwas aufgetaut, beeindruckt durch die Künste der Schneiderin. Ihre Zunge hatte sich gelockert und sie zwitscherte fröhlich und ungezwungen wie ein Vögelchen, wenn sie Irmel etwas über die Zuschnitte, die bereits fertig auf dem Tisch lagen, fragte oder ihr das eine oder andere Geheimnis anvertraute. In Irmels Augen lief es gerade ganz gut mit dem Fräulein, sodass der Augenblick kaum noch besser hätte werden können, um mit dem Mädchen eine ernsthafte Unterhaltung über Gott und Jesus anzufangen.

»Schöne Gerdrud«, sprach Irmel einschmeichelnd, »gab es in deinem Leben schon Augenblicke, in denen du Hilfe benötigt hast, dir aber keiner helfen konnte und du alleine nicht den Ausweg aus deiner misslichen Lage zu finden vermochtest, und dann, auf einmal, hast du eine unsichtbare Kraft gespürt, und jemand nahm deine Hand fest in seine und zeigte dir den Weg?«

Gerdrud überlegte eine Zeit lang. »Ja, Tante Irmel«, gestand sie bedrückt. »Ein einziges Mal habe ich das erlebt, als ich noch klein war und mich im Kornfeld verirrt habe. Ich sah nichts außer dem Himmel und den Ähren, die sich im Wind wiegen, in welche Richtung ich auch ging. Mir wurde angst und bange und ich rief laut nach meiner Mutter und nach meinem Vater, auf dass sie mich suchen kommen. Doch die Sonne ging unter und es wurde dunkel, aber es kam keiner. Ich legte mich auf den Boden, sah auf die Sterne im Himmel und wünschte mir nichts sehnlicher, als dass jemand kommt und mich zurück nach Hause führt, als ich jemandes Schritte vernahm, unter dessen Füßen die trockenen Halme knisternd zu Boden gedrückt wurden. Ich sah einen großen, langhaarigen Mann, der auf mich zukam. Ich fürchtete mich, dass er mir etwas Böses antun würde, aber er hielt neben mir, als er mich sah, und gab mir ein Zeichen mit der Hand, dass ich ihm folgen soll, lächelte gutmütig und ging weiter, eine Schneise aus niedergedrückten Ähren hinter sich ziehend. Ich folgte seiner Spur und die Schneise führte mich aus dem Kornfeld, wo mich meine Mutter in den Arm nahm und ich ihr versprach, nie wieder allein durch das Korn zu gehen.«

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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»Es war Jesus Christus, der dir den Weg gezeigt hat!«, schlussfolgerte Irmel feierlich, nachdem das Wilde Fräulein ihre Geschichte bis zum Ende erzählt hatte. »Unser aller Heiland hat deine Not gesehen und deine Gebete erhört, liebes Kind. Er hat dir in deiner schwierigsten Stunde geholfen. Und dafür sollen wir ihm danken, Gerdrud!«

Irmel war schon im Begriff, sich dem Mädchen um den Hals zu werfen, um mit ihm gemeinsam vor Freude weinend dem Herrn für seine Gnade und Barmherzigkeit zu danken, als die Neue sie mit einer ganz einfachen Frage konfrontierte, die die Freizeitmissionarin allerdings völlig aus dem Konzept brachte.

»Wer ist Jesus Christus?«, fragte Gerdrud vollkommen ahnungslos.

Die Gastgeberin war dergestalt überrumpelt, dass sie zunächst keine Worte für eine Antwort fand. Gab es noch jemanden auf dieser Welt, der ihren Herrn im Himmel Jesus Christus, das Allerheiligste, woran sie glaubte, nicht kannte?

»Mutter hat gesagt, es war der Mann aus dem Wald«, fuhr Gerdrud unterdessen fort.

»Gerdrud!«, wurde plötzlich Ännlin laut. »Du wirst ewig in der Hölle brennen, wenn du Umgang mit den Wilden Männern hast! Das ist eine Sünde, die mit dem Tode bestraft wird. Und Jesus ist derjenige, der dich davor bewahren kann, wenn du ihm dienst, so wie alle anderen. Auch für dich hat er sein kostbares Blut auf dem Kreuze vergossen, auch deinetwegen ist er am dritten Tage von den Toten auferstanden und zu Gott in den Himmel aufgestiegen, um jeden, der an ihn glaubt und ihn preist, zu sich in den Himmel zu holen und im Paradies ewig leben zu lassen!«

Die junge Frau sah sich verängstigt um. Sie hatte nicht einmal eine entfernte Vorstellung davon, wer dieser Jesus war, dem sie dienen sollte, und vor allem konnte sie nicht nachvollziehen, aus welchem Grund und auf welche Weise. Doch man drohte ihr mit dem ewigen Feuer, in dem sie an einem Ort namens Hölle brennen würde, wenn sie es nicht tat. Sie kannte kein Dorf mit diesem Namen, genauso wenig wie eines, das Paradies hieß. Alles vermischte sich im Kopf des Fräuleins: das fließende Blut, ein Toter, der wieder lebendig wurde und wie von Flügeln getragen in den Himmel stieg, und der Wilde Mann aus dem Wald, vor dem sie dieser Jesus bewahren würde. Was hatten diese Frauen gegen den Mann aus dem Wald, der ihr damals geholfen hatte? Sie verstand nichts mehr. Ihre Mutter hatte sie ja vor so etwas gewarnt, als sie ihr das Stück Leinen für die Hochzeitscotte in die Hand gedrückt und zu der Schneiderin Irmel geschickt hatte, erinnerte sich Gerdrud. Doch aus irgendwelchem Grund hatte sie die Befürchtungen ihrer Mutter nicht ernst genommen und bis zu diesem Augenblick hatte auch nichts darauf hingedeutet, dass sie gerechtfertigt waren, nun bewahrheiteten sie sich aber. Kurzum, nichts wünschte sich Gerdrud in diesem Moment mehr, als ihre sieben Sachen einzusammeln und schnellen Schrittes heimzulaufen. Sie verabschiedete sich unter dem Vorwand, ihre Mutter habe sie angewiesen, nicht allzu lange fort zu sein und so schnell wie möglich wieder nach Hause zu kommen. Danach, was man sich so im Dorf im Nachhinein erzählte, war aus den Zuschnitten, die Gerdrud mitgenommen hatte, doch noch eine hübsche Cotte geworden. Jedenfalls beobachtete man die junge Frau mehrmals dabei, wie sie in dem neuen Kleidungsstück abends die Siedlung verließ und in dem Wald verschwand.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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