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Des Teufels Steg: Seite 50
»Was sagte er?«, unterbrach Cecilia ihre Großmutter, als sie die ungewohnten Laute vernahm. »Das ist die alte Sprache der Wilden und es heißt: Wir müssen nach oben in die Berge ziehen.« »Du kennst die Sprache der Wilden?«, staunte das Fräulein abermals. »Ja, aber nur noch ein bisschen.« Cecilia konnte ihre Neugier kaum verbergen. »Dann erzähl weiter!« »Er sagte, höher in den Bergen sei es nicht so heiß und trocken gewesen und es gebe dort noch genug Wild, um durch den Winter zu kommen. Die Wilden Männer waren in ihrer Mehrheit seiner Meinung, doch die Wilden Frauen stimmten dagegen, vor allem diejenigen, die viele Wilde Kinder hatten, zu denen auch Großmutter gehörte, die meine Mutter bereits unter ihrem Herzen trug. Eine davon sagte: ›Es ist nicht gut, so kurz vor dem Winter in die Berge zu ziehen. Bald fällt Schnee und bis wir einen Unterschlupf in der unbekannten Gegend gefunden haben, erfrieren unsere Kinder. Und keiner weiß, ob es stimmt, dass es dort oben wirklich genug Nahrung für alle gibt.‹ Und so forderten die Männer sie auf: ›Sage du uns, was wir machen sollen, auf dass wir alle überleben können?‹ Am nächsten Tage verlauteten die Frauen ihren Vorschlag: Die Sippe solle statt in die Berge auf die Ebene ziehen, die sich am Fuße des Gebirges in alle Richtungen erstrecke so weit das Auge reiche. ›Dort‹, sagten die Frauen, ›siedeln Menschen, die zwar nicht von unserer Art sind, die uns aber in der Not helfen können, wenn wir ihnen die Wirkung unserer Kräuterheilmittel zeigen.‹ Die Sippe hielt mehrere Tage Rat und kam letztendlich zu dem Entschluss, der für unser Wildes Volk zum Verhängnis geworden ist. Es wurde beschlossen, dass die Frauen mit den Kindern in die Siedlung am Fuße der Berge ziehen sollen und dort um Hilfe bitten im Tausch gegen die Geheimnisse der Heilkräuter. Die Männer mussten aber zuerst die neue Umgebung im Gebirge erkunden, ehe sie die Frauen zu sich holen, wenn der Ort, den sie finden, zum Leben geeignet ist. Es war zum letzten Male für viele, viele Jahre, dass die Frauen die Männer der Sippe am Rande des Felsens über dem Dorf von unten sahen und die Männer von oben die Frauen dabei beobachteten, wie sie das Dorf zum Tale erreichten und von einer neugierigen Menschenmenge umgeben wurden. Die Wilden Männer zogen von dannen, sobald man ganz deutlich erkennen konnte, dass die Dörfler die Frauen mit den Kindern nicht zu vertreiben, sondern eher bei sich aufzunehmen gewillt waren. Die Nachricht von geheimnisvollen Zaubertränken, die die Frauen mitgebracht hatten, verbreitete sich in der Siedlung wie ein Lauffeuer. Die Wilden Frauen siedelten im Dorfe, lernten die Sprache der Dörfler und hatten wegen ihrer Heilkünste einen guten Ruf. Es gab damals nur wenig Christen in dieser Gegend und keiner hatte sie als Hexen beschimpft. Großmutter kam mit einem Mädchen nieder, die später meine Mutter werden sollte. Die Frauen zogen ihre Kinder groß und warteten auf die Rückkehr der Männer, doch sie kamen nicht. Es vergingen Jahre, die Kinder wurden erwachsen und heirateten die Dörfler, da es keinen sonst zum Heiraten gab. Sie bekamen bald ihre eigenen Kinder und merkten schon bald, nachdem die ersten davon selbst ihre Familien gegründet hatten, dass die Jungen mit ihren Frauen kinderlos blieben. Erst als meine Mutter schon eine erwachsene Frau war, kamen die Wilden Männer zurück. Es war nur eine Handvoll, der Rest war in der Fremde umgekommen, und sie haben keine neue Heimat für unser Wildes Volk gefunden. Anfangs wollten die erschöpften Wanderer zu ihren Frauen ziehen und Fuß im Dorfe fassen, doch mit der Zeit hatte es immer mehr und mehr Christen in der Siedlung gegeben und sie vertrieben die Wilden Männer, die ihnen so unheimlich wie Ausgeburten der Hölle vorkamen. Und so siedelten die Wilden Männer unweit des Dorfes auf dem Berg, wo sie keiner finden konnte. Es gab einige Wilde Frauen, die das Dorf verließen und zu den Männern zogen. Es waren meistens alte Weiber, die noch die Auswanderung vor vielen Jahren erlebt haben. Meine Mutter blieb aber im Dorf, es war jetzt der Ort, wo sie geboren wurde und auch ihr Leben verbringen wollte, wie auch viele andere Wilde Frauen. Nur um ein Kind zu empfangen, suchten die Frauen aus dem Dorf die Wilden Männer in der Schlucht auf und gaben sich ihnen hin. Und so währt dieser Brauch bis heute. So wurde ich gezeugt, deine Mutter Ursel und du bist auch nicht anders auf diese Welt gekommen.«
(?)
Eine Zeit lang war es ganz still in der unterirdischen Kammer. Beide Frauen saßen bewegungslos da, jede in ihre eigenen Gedanken vertieft, und nur ihre Schatten, die der Schein der Laterne auf die Wand projizierte, zitterten leicht im flackernden Licht. Schließlich brach Cecilia das Schweigen: »Es ist aber eine sehr traurige Geschichte.« »Das ist sie in der Tat«, stimmte ihr die Großmutter zu. »Unser Volk hat sich aus eigener Dummheit getrennt und es wird vermutlich auch untergehen, wenn die Frauen und Männer nicht bald wieder zusammenfinden.« »Und warum tun wir es nicht?«, fragte Cecilia geradewegs. »Warum kleiden sich die Männer nicht wie Dörfler und kommen nicht zu uns? Dann könnte unsere Sippe weiterbestehen.« »Wenn es bloß so einfach wäre, Kleines«, bemerkte Gerlinde mit Bedauern. »Die Wilden Männer wollen weiterhin unsere Sprache sprechen und nichts mit Christen zu tun haben. Und die Frauen … Die meisten Frauen, soviel ich weiß, wollen nicht ihr Zuhause aufgeben, um in den Wald zu ziehen und wieder ein wildes Leben zu führen. Sie sind schon alle in diesem Dorf geboren worden und sind es nicht mehr gewohnt, und außerdem: Sie werden aller Voraussicht nach im Wald gar nicht überleben.« »Und wieso wird unsere Sippe im Dorf nicht größer? Die Frauen, die in den Wald gehen, gebären doch gesunde Kinder, die wieder unter sich gesunde Kinder bekommen können.«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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