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Des Teufels Steg: Seite 51
»Zum einen sind es nicht so viele und zum anderen werden nur Mädchen im Dorf gelassen. Die Jungen werden von den Müttern versteckt und danach heimlich den Wilden Männern übergeben, sobald sie laufen können. Sie wachsen auf dem Berg auf, damit unser Blut rein bleibt. So ist der Brauch.« »Wenn ich einen Jungen gebäre«, lehnte sich Cecilia plötzlich gegen die unerhörte Sitte auf, »werde ich ihn keinem geben! Er wird im Dorf bleiben und ich werde ihn großziehen.« »Mmh …«, gab Gerlinde pessimistisch von sich. »Das haben vor dir schon viele Frauen aus dem Dorf gesagt, aber am Ende gibt es dort trotzdem keine Jungen mit reinem Blut unserer Sippe, es gibt nur solche, deren Blut mit christlichem verdünnt ist.« »Aber mein Junge bleibt! Er wird den Grundstein für unsere Gemeinde im Dorf legen.« Gerlinde sah ihre Enkeltochter so an, wie Eltern ihre Kinder anschauten, wenn sie ihre Träume nicht unwiderruflich mit einem unvorsichtigen Wort zerstören wollten und andererseits nicht so recht wussten, wie sie sonst noch ihren Nachwuchs von einem unsinnigen Unterfangen abbringen konnten. »Ich wünschte, es geschehe so, wie du sagst«, schloss sie sich zum Schein der Meinung der jungen Frau aus Mitgefühl an. »Aber deinen Jungen … den musst du zuerst kriegen.« »Das werde ich«, gab Cecilia eingeschnappt zurück, begriff aber auch gleichzeitig, dass ihre Großmutter sehr wahrscheinlich wie immer recht hatte. Es war lächerlich, das Schicksal eines Kindes zu bestimmen, das es noch gar nicht auf der Welt gab, und überdies: Wer konnte mit Gewissheit behaupten, dass das Kind, das sie vorhatte zu gebären, unbedingt ein Junge gewesen wäre? Und vor allen Dingen gab es niemanden, der ihr versichern konnte, dass sie in absehbarer Zeit, wenn überhaupt, guter Hoffnung sein würde. Sie beruhigte sich allmählig und ihr kam wieder das Problem in den Sinn, das nach wie vor unverändert im Raume stand und nach einer Lösung schrie. »Wir müssen noch mit dir bereden, wie wir die Räuber vom Stollen fernhalten können«, wechselte das Mädchen das Thema. »Da gibt es nicht viel zu bereden«, bemerkte die Ahne nüchtern. »Sie werden kommen, ob wir es wollen oder nicht, und wir werden ihr Eindringen in den Stollen nicht zu verhindern wissen. Oder wie willst du dich gegen ein Dutzend kräftiger junger Männer wehren? Ich muss meinen Unterschlupf aufgeben und ein sicheres Versteck suchen, die Rüpel werden mich nicht in Ruhe lassen, sobald sie meine Spuren entdeckt haben. In meiner Welt gibt es auch mehr als genug von diesen Christen, die gerne Jagd auf Hexen machen.« »Wo sollen wir denn so schnell ein sicheres Versteck finden, Großmutter?«, gab Cecilia zu bedenken.
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»Das werden wir nicht schon heute machen! Ich muss noch gewisse Vorbereitungen treffen, ehe ich den Stollen verlasse. Wir haben mit dir noch eine ganze Woche bis zum Vollmond, in der Zeit finden wir was. Komm also morgen hierher nach dem Mondaufgang. Wir begeben uns auf die Suche.« »Aber morgen kommen doch schon die …« »Nein, die Rüpel kommen vermutlich erst gegen Morgen, nachdem sie genug von ihrem Biere getrunken haben.« »Gut, Großmutter«, stimmte Cecilia zu, wenngleich sie dabei kein gutes Gefühl hatte, »ich komme morgen dich abholen, sobald der Mond im Himmel steht und die Brücke sichtbar wird.« Gerlinde nickte und sagte: »Und nun musst du auch schon nach Hause gehen, bevor noch der Mond untergeht oder Wolken aufziehen und ihn verdecken. Aber vorher will ich dir noch etwas von den Pilzen für Ursel mitgeben.« Sie stand auf und watschelte in die Ecke, wo sie verschiedenste Kräuter und Gräser zum Trocknen ausgelegt hatte. Die alte Frau raschelte eine Weile mit den welken Büscheln, bis sie dazwischen die getrockneten Pilze gefunden hatte. »Hier«, sagte sie, als sie zu Cecilia mit einer Handvoll davon zurückkehrte. »Das sind die Hexenpilze, die ich auf dem Tanzplatz entdeckt habe. Sie wirken Wunder. Gib mir mal eines deiner Tücher, ich wickele sie für dich ein.« »Ja, ich helfe dir!« Cecilia breitete ein Tuch auf der Holzspanplatte aus. »Du kochst ein paar davon kurz ab in wenig Wasser, wenn du nach Hause kommst«, sprach Gerlinde, während sie das Päckchen mit den Pilzen übers Kreuz faltete, »und gibst Ursel ein paar Schluck morgens und abends. Aber übertreib nicht. Das Mädchen wird noch aufblühen, du wirst dich wundern!« Es wurde Zeit, sich zu verabschieden. Cecilia umarmte die Großmutter und gab ihr einen Kuss, nachdem sie die eingewickelten Zauberpilze in ihren Beutel gesteckt hatte. »Ich hab dich lieb«, sagte sie. »Ich dich auch«, erwiderte Gerlinde. »Pass gut auf, dass dir diesmal keiner folgt.« »Ich werde mir alle Mühe geben, Großmutter«, versprach Cecilia. »Wir sehen uns morgen.« »Wir sehen uns morgen«, wiederholte die alte Frau.
Derweil verließ Irmel im Dorf zum Tale unauffällig ihre Hütte und machte sich heimlich auf den Weg. Sie hatte absichtlich so lange gewartet, bis alle im Dorf fest schliefen, denn keiner, wirklich kein einziger Mensch, durfte sie dabei beobachten, wie sie zu dieser späten Stunde, die man eher schon eine frühe nennen konnte, die Siedlung verließ und in dem dunklen Wald verschwand. Bis zum Morgengrauen hatte sie nichtsdestotrotz noch genügend Zeit, um im Schutze der Nacht zurückzukehren – der Weg war nicht besonders lang, obwohl auch ziemlich beschwerlich.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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