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Des Teufels Steg: Seite 49
»Es tut mir ja so leid, Großmutter, dass ich nicht aufgepasst habe!«, rief Cecilia jammernd. »Wie können wir uns bloß gegen sie schützen?« »Mach dir keine Vorwürfe, liebes Kind«, beruhigte die betagte Großmutter ihre Enkeltochter, »sie hätten mich früher oder später gefunden, vermute ich. Denn einmal war ich auch nicht vorsichtig genug und sie haben mich fast gekriegt. Damals bin ich ihnen nur mit Mühe und Not entkommen. Und wenn nicht plötzlich ein Wilder Mann mir bei der Flucht zu Hilfe gekommen wäre, der mich wortlos weggetragen hat … Trotzdem, die Lümmel haben nach mir noch tagelang gesucht, sind aber nicht auf den Gedanken gekommen, dass ich mich in dem Stollen versteckt haben könnte.« »Hast du Umgang mit den Wilden?«, fragte Cecilia verblüfft. Gerlinde dachte kurz nach. »Mit den Wilden muss ich dir noch eine Sache erklären.« »Über die Wilden Männer weiß ich schon alles«, kam ihr das Mädchen zuvor. »Mutter hat mir schon alles erzählt.« »Hm …« Jetzt war Gerlinde etwas überrascht. »Und was? Was weißt du?« »Na ja …«, fing Cecilia unsicher an. »Das, zum Beispiel, dass wir uns mit den Wilden Männern vereinigen müssen, wenn wir Kinder kriegen wollen. Stimmt das?« »Ach, Liebes«, entgegnete die Ahne, »Kinder kannst du auch von jedem anderen Mann bekommen, um den du deine Beine wickelst …« »Großmutter!« Cecilia errötete. »… nur nicht von Männern unserer Sippe, die von Christen abstammen.« »Ja, das wollte ich sagen«, fügte die junge Frau etwas verlegen hinzu. »Das hat mir Mutter erzählt: Wenn wir, die Frauen unseres Volkes, gesunde Kinder gebären wollen, müssen wir einem Wilden Mann begegnen, der mit uns die Nacht verbringt.« »Dann hat dich Ursel ja gut aufgeklärt. Bist du denn schon einem Wilden Mann begegnet?« »Nein, Großmutter, noch nie«, bedauerte Cecilia. »Ich habe noch nie einen zu Gesicht bekommen, aber ich würde gerne. Mutter sagt, ich muss Geduld haben, bis mich einer von sich aus findet und in seine Höhle führt.« »Auch das stimmt«, bestätigte die Greisin. »Aber nun erfahre ich von dir, dass du Umgang mit den Wilden hast. Du könntest mich ja zu ihnen führen!« »Ich könnte, aber ich werde nicht«, lehnte die alte Frau den Vorschlag ab. »Aber warum?«
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»Es wird vermutlich nicht zur Erfüllung deines Wunsches führen, ein Kind zu empfangen und du wirst enttäuscht sein. Nur an deinen fruchtbaren Tagen riechst du ganz besonders und nach diesem Geruch kann dich ein Wilder Mann finden, dann solltest du seinem Begehren entsprechen, sich mit dir paaren zu wollen. Nur dann trägst du auch sein Kind in dir davon.« »Und wonach rieche ich dann?«, fragte Cecilia naiv. »Du kannst den Geruch nicht spüren, nur die Wilden Männer können es. Aber du wirst es erkennen, wann du bereit bist für die Empfängnis. Dein Leib wird dir sagen, dass du in den Wald gehen kannst.« »Er sagt es mir jetzt!« »Das glaube ich kaum. Denn bis jetzt hat dich kein Wilder Mann im Wald gefunden. Ursel hat recht, du musst noch etwas Geduld haben.« »Gut«, sagte die junge Frau einsichtig. »Aber was ich noch fragen wollte: Warum müssen wir mit ihnen überhaupt schlafen?« Gerlinde überlegte und sagte leise: »Wir sind mit ihnen ein Volk und können nur von ihnen gesunden Nachwuchs bekommen.« »Wie meinst du es, Großmutter?«, fragte Cecilia verwundert noch mehr als zuvor. »Was meinst du mit ›wir sind ein Volk mit ihnen‹?« »Ach, liebes Kind, Ursel hat es dir wahrscheinlich nicht erzählt, weil sie selbst nichts davon weiß, denke ich. Woher auch? Ich war keine gute Mutter für sie, ich war auf der Flucht und war für sie nicht da, als sie etwa so alt war, wie du jetzt bist. Aber ich will eine gute Ahne für dich sein, ich werde dir die Geschichte erzählen.« »Ja, Großmutter, ich will alles und jedes über uns wissen!« Das Fräulein sah ihre Ahne mit einem auffordernden Blick an. »Also gut«, gab die hagere Greisin von sich, während sie nachdenklich auf die Flamme der Laterne sah, die sich in ihren Augen spiegelte. »Vor langer Zeit, als meine Großmutter noch in deinem Alter war, vielleicht ein wenig älter, gab es in unserer wilden Sippe eine große Unstimmigkeit darüber, wie man einer kommenden Hungersnot entgeht. Einige Jahre mit trockenen und heißen Sommern und sehr kalten, schneereichen Wintern waren dem vorangegangen, sodass keine neuen Vorräte an Beeren und Früchten angelegt werden konnten. Die Männer brachten viel zu wenig Wild von der Jagd, um die ganze Sippe sattzubekommen. Die meisten Tiere waren ebenfalls verendet, weil sie nichts mehr zum Fressen fanden. Da sagte der größte und kräftigste Wilde Mann der Sippe eines Herbsttages: ›Wir müezen zuo bergen ūf gān, ūf embore zīhen.‹«
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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