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Des Teufels Steg: Seite 48
»Ich hatte kein Glück, als ich zu dir unterwegs war, und wurde gesehen. Es ist mir jemand gefolgt, drei ungehobelte Rüpel, bis zum Stolleneingang.« »Was wollten sie von dir?« »Sie hielten mich für eine Hexe. Das habe ich gehört. Mehr weiß ich nicht. Ich habe mich im Stollen versteckt und sie konnten das Gitter nicht aufmachen.« »Und dann?« Gerlinde wirkte mit jedem Augenblick immer aufgewühlter. »Dann sind sie gegangen und du bist gekommen. Aber zuvor haben sie noch gesagt, sie würden morgen wiederkommen und die Tür aufbrechen.« »Das ist nicht gut …« Gerlinde saß eine Zeit lang nachdenklich da, starrte vor sich hin und spielte mit ihren zahnlosen Kiefern hinter zusammengepressten Lippen. »Lass uns nun was essen«, sagte sie schließlich, »ich überlege noch, was wir dagegen machen können.« »Gewiss doch, Großmutter, ich habe für dich ein ganzes Brot mitgebracht, Käse und etwas Milch.« Cecilia fing an, die Leckerbissen auszupacken. Die alte Frau aß gierig, sie schluckte die Brotstückchen, die sie vom Laib abbrach, sobald sie ihren Geschmack im Mund mit ihrer Zunge spürte, ohne sie richtig gekaut zu haben, und trank dann und wann sparsam einen Schluck Milch dazu, wenn ihr eigener Speichel nicht mehr ausreichte, um die trockene Kost besser durch die Speiseröhre gleiten zu lassen. »Weißt du, liebes Mädchen«, ließ sie vernehmen, als sie ihren Heißhunger fürs Erste gestillt hatte, »ich habe in der Zeit, wo du nicht da warst, eine wundersame Wiese gefunden. Aber nicht der Kräuter wegen. Die Pilze, die dort wachsen, wirken wahre Wunder! Ich fühle mich wie neu geboren, wenn ich daraus einen Trunk mache und ihn trinke. Ich habe keinen Hunger und esse fast nichts, wenn die Vorräte schwinden, fühle mich aber trotzdem gesund und stark wie in meinen jungen Jahren.« »Was sind es für Pilze, Großmutter?« »Das weiß ich nicht! Sie sind ziemlich klein, nicht viel größer als ein Fingerhut! Und sie sind selten, aber man kann sie finden, wenn man weiß, wo sie wachsen. Solche habe ich zuvor noch nie in meinem langen Leben zu Gesicht bekommen. Ich nenne sie ›Hexenpilze‹, weil sie nur auf dem Hexentanzplatz wachsen.« »Hexentanzplatz?« Cecilia war von der Nachricht wie vom Blitz getroffen. Hätten die Geschichten dieser Irmel aller Vernunft zum Trotz am Ende wahr sein können, fragte sie sich, denn offenkundig besuchte ihre Großmutter nun doch den Hexentanzplatz! »Gewiss«, antwortete die Ahne, »auf dem Tanzplatz, den es auch in unserer Welt gibt, aber ich habe dort damals nie solche Pilze gesehen. Es muss sie aber gegeben haben. Ein seltsamer Ort ist dieser Platz, auch in dieser Welt. Man muss sehr aufpassen, dort feiern diese ungestümen Flegel, denen du vorhin begegnet bist, ihre Sabbate.« »Was sagst du?«
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»Ja, sie berauschen sich am Biere, machen Feuer und verbrennen Hexen aus Stroh. Und wenn sie davon genug haben, vergnügen sie sich mit den Weibern, die sie hin und wieder in ihren pferdelosen Kutschen mitbringen. Es ist gar nicht gut, dass sie diesen Stollen entdeckt haben. Sie werden kommen, und nicht nur zu dritt, darauf kannst du dich verlassen.« Gerlinde hatte recht. Seit ein paar Jahren tauchten in der Gegend des Öfteren, eigentlich viel häufiger, als es einem lieb war, und überdies noch in zunehmender Zahl, lärmende Gesellschaften auf, die hauptsächlich aus dubiosen, undurchsichtigen Gestalten männlichen Geschlechts der jüngeren Generation bestanden. Sie reisten aus der näheren und ferneren Umgebung mit Autos oder sehr oft auch mit Motorrädern an, um oben auf dem Felsmassiv über der Stadt Thale in der Nähe des Hexentanzplatzes irgendwo im Wald illegal zu kampieren und »Rabatz« zu machen. Was sie dort im Einzelnen veranstalteten, blieb weitgehend unbekannt, aber manche von ihnen nannten sich »Hexenjäger«, wie man sich in den umliegenden Dörfern erzählte, was schon aussagekräftig genug erschien, um auf die Art ihrer Zusammenkünfte schließen zu können, und man begriff, warum der Tanzplatz die Burschen so magisch anzog. Sie tranken alles, was nur irgendwie den Produktinformationen auf dem Etikett zufolge einen Alkoholgehalt aufwies, grölten misstönend ihre Kampgesänge am Lagerfeuer und wenn ein paar angeheiterte »Bräute« mit von der Partie waren, kam es auch unausweichlich zu zügellosen sexuellen Ausschweifungen verschiedenster Art unter freiem Himmel. Die Polizei verfolgte zwar die ungebetenen Chaoten, hauptsächlich wegen der Waldbrandgefahr, die die »Hexenjäger« mit sich brachten, aber sie konnte auch nicht alle Zufahrtstraßen dichtmachen, schließlich wollte man ja, dass die Touristikbranche im östlichen Harz wieder auf die Beine kam. Gerlinde war schon mehrmals auf solche Camper im Wald gestoßen und hatte sie beobachtet. Die Erkenntnis, die sie dabei gewonnen hatte, war wenig tröstlich: Die Leute waren gefährlich! Ganz besonders für sie, diese Art von »Verteidigern des wahren Glaubens« kannte sie schon aus ihrer Welt, wenngleich sie sich dort anders kleideten und andere Worte sagten. Am Ende wollten sie alle ein und dasselbe: Alles Fremdartiges dem Feuer übergeben und die Welt nach ihrem Vorbild gestalten!
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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