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OPEN DIGITAL LITERATURE PROJECT
Des Teufels Steg: Seite 47

»Wie geht es meiner Tochter Ursel?«, wollte sie wissen.

»Nicht gut«, gestand Cecilia traurig. »Sie steht nicht mehr auf.«

»Ja«, sagte Gerlinde leise mit krächzender Stimme, »deine Mutter ist dem Tode geweiht, wie es aussieht. Ach, Ursel, Ursel …«

»Großmutter! Sage doch nicht so was!«

Die alte Frau blieb stehen. »Es hat keine Bedeutung, ob ich was sage oder nicht. Mein Mädchen stirbt, das ist sicher. Aber man könnte versuchen, ihre letzten Tage ein wenig zu versüßen.«

»Wie meinst du das?«, fragte Cecilia neugierig.

»Erkläre ich dir gleich, wenn wir angekommen sind. Ich habe schon alles vorbereitet.«

Gerlinde sah das Mädchen mit einem Lächeln auf den Lippen verschwörerisch an, drehte sich wieder um und ging mit der Laterne vor. Cecilia folgte ihr in Erwartung großer Geheimnisse, die sie in Kürze erfahren sollte.

Die beiden gingen schweigsam durch die dunklen Gänge, es tropfte hin und wieder von der Decke des unterirdischen Gewölbes. Der Regen, der vor Kurzem über dem Harz herniedergegangen war, hatte den Hügel, auf dem einst die stolze Treseburg mit ihren Türmen den Himmel gestützt hatte und heutzutage nur kümmerliche Reste ihrer Grundfesten zu bestaunen waren, aufgeweicht und das Wasser sickerte allmählig durch in den Stollen. Es war keine Seltenheit, Cecilia hatte es früher auch schon beobachtet. Eine Überflutung der unterirdischen Räume, die schon seit vielen Jahren der alten Frau ein Zuhause boten, war nicht zu befürchten, obgleich es im Bergwerk tatsächlich tieferliegende Bereiche gab, die teilweise eingebrochen und geflutet waren. Gerlindes Schlupfwinkel befand sich in einer geräumigen Nische, besser gesagt einem von den Bergleuten angelegten, dann aber aufgegebenen seitlichen Stollen, der aus unbekannten Gründen nicht weiter in den Fels getrieben worden war, er lag viel höher.

Mit den Jahren hatte sich Gerlinde eine ganz hübsche Stube eingerichtet! Hier fehlte so gut wie nichts, was nicht auch in einer ärmlichen Hütte im Dorf zum Tale zu finden gewesen wäre. Cecilia wunderte sich jedes Mal, wenn sie im flackernden Schein der Laterne die seltsamen Haushaltsgegenstände sah, die Großmutter in ihrer Unterkunft hatte. Sie konnte zwar bei den meisten Sachen erahnen, welchem Zweck das eine oder andere »Ding« diente, aber sie waren alle anders als bei ihr und ihrer Mutter zu Hause: die Schüsseln, die Kessel, die Trinkbecher. Sie kamen alle nicht aus ihrer Welt, sondern aus der Welt, wo ihre Ahne weilte und die Gegenstände mit lauteren und, was vermutlich viel öfter passierte, gelinde gesagt nicht ganz ehrenhaften Methoden in ihren Besitz gebracht hatte. Aber Cecilia machte ihrer Großmutter keine Vorwürfe, irgendwie musste doch die alte Frau in ihrer Welt zurechtkommen. Und so reiche Leute, wie sie hier lebten, hätten diese paar Kleinigkeiten auch entbehren können! Jedenfalls schien Gerlinde sich mit der Zeit ganz gut eingelebt zu haben.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Nur eins fehlte in ihrer unterirdischen Kammer: Das Tageslicht. Das schlug Gerlinde gewaltig aufs Gemüt, wie sie es Cecilia erzählt hatte. Sie konnte auch nicht pausenlos die Laterne brennen lassen, denn wäre ihr einmal der Vorrat an Kerzen ausgegangen, hätte sie tagelang im Dunkeln sitzen müssen. Ein Feuer, auch ein ganz kleines, war aus einem ganz einfachen Grund nicht möglich: Die alte Frau wäre in den Rauchschwaden erstickt. So behalf sich Gerlinde, wenn sie zum Beispiel warmes Wasser brauchte oder ihre Kräuter für einen Trank abkochen musste, indem sie tief in den Wald ging, um dort heimlich ein kleines Feuer zu machen und ihre Sachen zu erledigen. Sie ging auch sonst gerne in den Wald – zum Glück hatte das Stollensystem mehrere Eingänge und sie musste sich nicht am helllichten Tag mitten im Ort sehen lassen –, genoss den Sonnenschein, hörte dem Zwitschern der Vögel zu und suchte nach guten Kräutergründen. Manch ein Ausflug dauerte sogar einen ganzen Tag, bis in die späten Abendstunden hinein.

Und all die Jahre war Gerlinde, so kam es ihr wenigstens vor, keinem in dem Ort aufgefallen, wo sie nun gezwungenermaßen »residieren« musste. Nicht einmal die Männer, die in gewissen Zeitabständen in den Stollen kamen, die Wände abtasteten, überall ihre Nase hineinsteckten und etwas auf einem Stück Papier, das sie in der Hand hielten, kritzelten, nicht einmal sie hatten bis jetzt ihren Unterschlupf in dem toten Arm des Stollens entdeckt. Sie wusste nicht, aus welchem Grund, denn sie hatte sich immer schon vorsorglich aus dem Staub gemacht und den Stollen über einen anderen Eingang verlassen, aber wenn es nach ihr ging, sollte sich daran auch nichts ändern. Andere blieben dem Stollen fern, denn für sie waren die Tunneleingänge durch massive Gittertüren versperrt.

Die Frauen erreichten das Verlies und ließen sich erschöpft nieder. Sie saßen auf einer improvisierten Bank an einer als Tisch dienenden Holzspanplatte, die Gerlinde schon vor längerer Zeit irgendwo aufgetrieben hatte, darauf stand die Laterne. Cecilia hatte bereits einige der Sachen ausgepackt, die sie für Gerlinde zum Essen mitgebracht hatte, und auf den Tisch gelegt. Die alte Frau ließ ihren hungrigen Blick nicht von den Tüchern, in die die Vorräte eingewickelt waren.

»Was ich dir aber noch erzählen wollte, Großmutter«, sagte Cecilia.

»Ja, was denn, liebes Kind?«

»Ich glaube, dein Versteck wird bald gefunden.«

Gerlinde sah ihre Enkeltochter beunruhigt an. »Was ist vorgefallen?«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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