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Des Teufels Steg: Seite 46
»Rede keinen Quatsch! Wir hätten die Schlampe dann noch sehen können. Es war doch grade vor einer Minute, dass ich noch ihren Umhang in der Kurve gesehen habe. Sie hätte es nie geschafft, so schnell zu verduften!« Dieser Johannes war ein großer, breitschultriger, kräftig gebauter junger Mann mit einem Boxerhaarschnitt. Er schien in der Gruppe eine übergeordnete Rolle zu spielen, denn Jürgen, der eine ähnliche Frisur trug und sich von Johannes vom äußeren Erscheinungsbild her nur dadurch unterschied, dass er etwas kleiner gewachsen war, verfolgte seinen Gedanken vorerst nicht weiter. Dafür meldete sich aber Tobias zu Wort, der Jüngste von den dreien, wie es den Anschein hatte: »Wie soll sie denn durch das Gitter in den Tunnel gekommen sein?«, stellte er eine völlig berechtigte Frage, denn an der Tür war ein Schloss angebracht, das Gitter ließ sich nicht öffnen. »Wie, wie, wie! Woher soll ich denn das wissen?«, tobte Johannes. »Hexen machen halt so etwas, wenn es ihnen danach ist! Sie ist drin, ich kann es riechen.« »Vielleicht«, mutmaßte Tobias, »ist sie über die Brücke zu dem Schloss da vorne gelaufen?« Er deutete auf die prachtvollen Gebäude, die in Mondschein und schwaches Laternenlicht getaucht auf der anderen Flussseite standen und einen mit ihren zahlreichen Türmchen und Erkern wie in einem Rittermärchen anmuteten. »Blödsinn!«, versetzte Johannes. »Okay«, bemerkte Jürgen seinerseits, »aber wir können in den Stollen nicht rein, wir brauchen einen Schlüssel für das Gitter.« »Dieses Scheißgitter!« Johannes rüttelte kräftig an den Stäben der Gittertür. »Aber du hast recht, man kann jetzt nix machen. Kommt, wir gehen zurück ins Lager und kommen morgen mit einer Brechstange wieder!« Der Anführer der kleinen Männergruppe schaltete die Taschenlampe aus, mit der er bisher in den Stollen hineingeleuchtet hatte, und legte sie in die Tasche seiner Jacke, alsdann drehte er sich um und ging zurück zum Dorfplatz, seine Begleiter folgten ihm. Cecilia atmete erleichtert auf, als die Schritte der dubiosen Männer in der windstillen Nacht verhallt waren. Es war noch mal gutgegangen, aber es hatte nicht viel gefehlt und die Rabauken hätten sie bald auf der Straße in die Finger bekommen, versuchte die junge Frau, das Erlebte gedanklich Revue passieren zu lassen. Wer waren sie überhaupt, fragte sie sich. Es waren ganz bestimmt nicht die Kerle, denen sie schon über die Zauberbrücke entkommen war und die beiden jenseits der Schlucht im Nebel hatte stehen lassen, das stand für sie fest. Diese hier hatten nämlich eine merkwürdige Mundart, sie klang nicht wie die aus dem Dorf zum Tale. Die Männer nahmen Wörter in den Mund, die Cecilia noch nie gehört hatte, sie hatte teilweise gar nicht verstehen können, was sie mit einem oder dem anderen Ausdruck meinten. Doch das Wort »Hexe« und, dass die Männer sie für eine solche hielten und ihr dieser Annahme wegen etwas Böses antun wollten, hatte sie sehr wohl verstanden. Aber es war noch bei Weitem nicht das Schlimmste, weshalb sie sich Sorgen machen musste. Dem zufolge, was das Mädchen aufgeschnappt hatte und wie sie das Gehörte interpretieren konnte, deutete alles darauf hin, dass die Räuber vorhatten, am kommenden Tage zurückzukehren, um in den Stollen gewaltsam einzudringen.
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Dies war eine sehr schlechte Nachricht. Sie würden den Unterschlupf von Gerlinde im Stollen finden und die alte Frau mit schrumpeligem Gesicht ebenfalls für eine Hexe halten, das wäre doch bei ihrer Großmutter schon nicht zum ersten Mal gewesen. Und dann … Sie wollte sich an dieser Stelle das weitere Vorgehen der Männer nicht ausmalen, zur Genüge hatte sie schon von den frommen Christen im Dorf glaubensbekennende Geschichten gehört als Beispiel für die Möglichkeit einer »tiefen seelischen Einkehr«, sogar bei Frauen, die der Hexerei »überführt« wurden, ausgelöst durch die »heilende Wirkung« der reinigenden Feuerflammen des Scheiterhaufens. Sie durfte es dazu erst gar nicht kommen lassen, dass die Einbrecher die Großmutter fanden, schwebte Cecilia eine vage Vorstellung davon vor, was sie letzten Endes zur Abwendung des Unheils tun musste. Aber wie sollte sie es bewerkstelligen? Die zündende Idee fehlte noch. »Wer ist hier?«, erklang unerwartet eine altersschwache Frauenstimme aus der Dunkelheit durch die felsigen Gewölbe. »Großmutter!«, freute sich das Mädchen. »Ich bin es! Cecilia! Warte, ich mache Licht.« Sie hantierte an ihrer Laterne. »Das habe ich schon gemacht«, sagte die alte Frau, als sie sich aus einem der Seitengänge mit ihrer eigenen Laterne in der Hand zeigte. Sie blieb stehen und lächelte ihre Enkeltochter an. »Ich habe dich schon erwartet.« »Großmutter!«, rief Cecilia abermals, lief zu ihrer Ahne und umarmte sie. »Was habe ich mich bloß nach dir gesehnt!« »Ich auch«, erwiderte die Frau. »Dann komm, gehen wir etwas tiefer hinein, zu meinem Unterschlupf. Sonst könnte noch jemand das Licht im Stollen bemerken, wenn wir so nah am Eingang stehen.« »Ja, unbedingt. Ich muss dir auch noch was davon erzählen.« Cecilia fiel auf, dass Großmutter Gerlinde heute keineswegs so gebrechlich wirkte, wie es meistens der Fall war, wenn sie sie nach längerer Abwesenheit besuchte, bedingt durch ungünstige Mondphasen und fehlende Verbindung zwischen den zwei Welten. Gewöhnlich war Gerlinde ziemlich erschöpft und geschwächt durch Nahrungsmangel, denn die Essensvorräte gingen zwangsläufig zur Neige, wenn sie drei Wochen lang nicht mehr aufgefüllt wurden. Vor allem im Winter war es schlimm, denn während der kalten Jahreszeit bestand keine Möglichkeit, Beeren oder Früchte im Wald zu sammeln wie im Sommer, und heilende Kräuter wuchsen auch nicht bei Frost und Schnee. Doch diesmal war alles anders: Die alte Frau schritt ihr munter voran und stellte dabei sogar noch Fragen!
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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