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Des Teufels Steg: Seite 45

5. Kapitel: IM EINGESTÜRZTEN BERGWERKSSTOLLEN

Der Eingang in den Stollen war schon hinter der Biegung, dachte Cecilia erleichtert, als sie von der großen Kreuzung nach links ging. Sie konnte den Straßenknick vorne schon sehen, es war nicht mehr weit. Der Weg war ihr gut bekannt, hinter der Kurve gab es zu ihrer rechten Hand einen gemauerten Bereich der Felswand, in dem das schwarze Stollenmundloch gähnte, das ein Gitter aus Gusseisen versperrte. Die Gittertür war für Cecilia allerdings kein Hindernis, denn unerklärlicherweise konnte sie durch die eisernen Stäbe durchwandern, wie es ihr beliebt war. Und der Stolleneingang war auch sonst ziemlich merkwürdig, wie sie fand, denn er hüllte sich ebenfalls in Nebelschwaden, genauso wie die rätselhafte Brücke über die Schlucht, genauso wie die gesamte Welt, die sie betrat, wenn sie ihre Großmutter Gerlinde besuchte.

In dem Ort, in den sie zwangsläufig kam, wenn sie über die geheimnisvolle Brücke die Schlucht überquerte und auf der anderen Seite flussaufwärts weiterwanderte, sah sie entlang der Straßen verschwommene Bilder von Häusern, die in nebeligen Dunst getaucht waren und ihr zuweilen wie wundersame Schlösser aus einer Traumwelt vorkamen. Sie mussten alle irgendwelchen edlen Leuten gehören, mutmaßte sie, denn gebaut waren sie zumeist aus schmucken Steinen, wie Cecilia sie noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte. Am Wegrand standen sonderbare Pferdewagen, die zwar Räder hatten, aber keine Stangen zum Spannen von Zugtieren besaßen, die Deichsel fehlte. Man konnte sie auch nicht im Vorbeigehen anfassen, ihre Hand griff immer ins Leere, wenn Cecilia versuchte, ein Gefährt hinter dem milchigen Schleier zu berühren. Auch der breite Weg, auf dem sie schritt, kam ihr sehr eigenartig vor: Äußerlich war er absolut glatt wie ein gehobeltes Stück Holz, aber gleichzeitig spürte Cecilia mit ihren Füßen schmerzhaft jedes Steinchen, auf das sie trat, wenngleich sie keine sehen konnte. Es sah alles sehr seltsam aus und war es auch in der Tat, doch das Mädchen hatte sich mit der Zeit daran gewöhnt und schenkte der Umgebung keine große Beachtung mehr, sie hatte nur ein Ziel vor ihren Augen – den Stollen.

Cecilia musste sich sputen, denn sie hatte allen Grund zur Annahme, dass sie verfolgt wurde. So schnell wie nur möglich wollte sie den Stollen erreichen, durch die Öffnung in der Felswand schlüpfen und sich im dunklen Gewirr unterirdischer Gänge verstecken, ohne vorerst ihre Laterne anzumachen, um ihr Versteck und den geheimen Zufluchtsort ihrer Großmutter nicht zu verraten. Die Laterne hatte die junge Frau bereits vor einer Weile ausgepustet, noch bevor sie das Dorf erreichte, wie sie es auch sonst immer tat, denn die Großmutter hatte sie inständig gebeten, sich möglichst unauffällig zu verhalten und mit dem Laternenlicht nicht unnötig die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu lenken, – diesmal kraft gewisser Umstände sogar noch viel früher.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Über den Sinn dieser Vorsichtsmaßnahme hätte man sich mit der Großmutter streiten können, überlegte sie, denn die Einwohner dieser Siedlung ließen die Straßen im Dorf ohnehin mit Laternen beleuchten, die sie entlang der Wege auf langen Rundhölzern aufgestellt hatten – wie reich mussten sie denn alle sein? –, sodass jeder Cecilia so oder so gesehen hätte, wenn sie nicht aufpasste. Doch sie passte immer auf. Nur heute hatte sie den Mann an dem großen Haus neben der Brücke nicht sofort bemerkt und er hatte sie unglücklicherweise gesehen. Sie wusste es. Aber es war nicht das Einzige, was ihr Sorgen machte.

Schlecht aufgepasst hatte Cecilia nur aus einem einzigen Grund: Sie war in großer Eile gewesen. Von der Brücke sah das Mädchen, wie sich auf dem Pfad entlang der Bode, den sie vorhin auch gewandert war, drei … »Lichter« bewegten – eine bessere Bezeichnung fiel ihr nicht ein, denn es waren keine Laternen, die Flamme flackerte nicht –, die allem Anschein nach drei Männern gehörten, welche ohne jeden Zweifel hinter ihr her waren. Ihre Stimmen hatte sie schon seit einiger Zeit hinter sich im Wald gehört und ihre eigene Laterne ausgemacht, damit die Unbekannten wenigstens nicht ihr Licht sehen konnten. Offenbar war die Mühe umsonst gewesen, denn jetzt, auf der offenen Brücke, ließ sich die junge Frau problemlos ausfindig machen. Cecilia hörte auch schon einen leisen freudeerfüllten Ruf, der es bestätigte, von unten aus der Richtung ihrer Verfolger: »Da ist sie!«, als zu allem Überfluss noch der Mann wie aus dem Nichts auftauchte. Als Cecilia wenig später bis zur Kreuzung kam, schielte sie verstohlen zurück und sah, wie der Mann ihr immer noch mit seinem Blick folgte, und nahm auf der anderen Flussseite drei männliche Personen wahr, die bereits die Brücke betreten hatten.

Endlich sah das Mädchen den Stolleneingang. Sie schlüpfte durch die pechschwarze Öffnung im Fels und bewegte sich in völliger Dunkelheit geschwind in die Tiefe des Stollens. Cecilia wusste, dass der unterirdische Gang anfangs geradeaus verlief und sie nicht gegen einen Felsen gelaufen wäre. Sie ließ ihre Hand beim Gehen über das raue Mauerwerk der Stollenwand gleiten und tastete nach dem Anfang des seitlichen Ganges, der, wie sie es noch in ihrer Erinnerung hatte, sich mehrere große Schritte vom Eingang entfernt rechts öffnete. Dort musste sie sich dringend verstecken, denn auf der Straße vor dem Stollen wurden Geräusche laut, die auf menschliche Präsenz hindeuteten, – die Verfolger hatten sie eingeholt.

»Sie muss hier in diesem Loch verschwunden sein«, vernahm Cecilia eine Stimme von draußen, nachdem sie sich endlich um die Ecke gerettet hatte. Sie stand mucksmäuschenstill und hielt den Atem an. Im Gang, in dem sie noch gerade den rettenden Abzweig gesucht hatte, wanderte ein Lichtstrahl von einer Wand zur anderen, man versuchte, sie ausfindig zu machen.

»Bist du sicher, Johannes?«, fragte Jürgen den jungen Mann, der gerade die These aufgestellt hatte. »Sie könnte ja auch weiter auf der Straße gewandert sein.«

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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