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Des Teufels Steg: Seite 44

Er hielt vor jeder Nebelbank, die seinen Weg kreuzte, und sah eine Zeit lang angespannt in das dunstige Innere der Wolke hinein, ob dort nicht zufällig eine verschwommene Frauengestalt für ihn ein Tänzchen vollführte. Dann musste er geduldig warten, bis sich der Schatten im Nebel auflöste, ehe er die Nebelbank durchqueren konnte. Mit jeder Begegnung dieser Art konnte er die Gesichtszüge der Gestalten immer deutlicher erkennen und es dauerte nicht allzu lange, bis Wolfgang eine Entdeckung gemacht hatte, von der ihm das Blut in den Adern gefror: O Schreck, aus dem Nebel starrten ihn die Augen einer Trophäenhexe aus dem Hexenjägerlokal an, er hatte sie ohne jeden Zweifel dort gesehen, ihren Blick hätte er nie vergessen können. Demnach hätte auch der Rest der unheilvollen Gesellschaft aus dem Nebel zu den Hexenpuppen aus der Clausthaler Wirtschaft gehören müssen. Nun waren sie alle menschengroß und was sie im Schilde führten, wollte sich Wolfgang nicht ausmalen.

Wie kamen sie alle hierher und welches Ziel verfolgten sie? Sein Verstand weigerte sich noch beständig die vollendeten Tatsachen zu akzeptieren, Wolfgang hoffte sehnlichst, dass er sich geirrt hatte. Erst als er im nächsten Nebelschwaden auf einmal das blauäugige Mädchen sah, das ihn mit dem gleichen Blick wie in seinem Traum ansah und auch im gleichen Tonfall fragte: »Bist du der Wilde Mann?«, läuteten in Wolfgangs Kopf die Alarmglocken! Er erinnerte sich daran, was ihm der verrückte Hexenjäger gesagt hatte: »Ich fürchte, dass Sie es noch früh genug erkennen werden, wenn etwas Seltsames im Gange ist. Dann sollten Sie sich schleunigst aus dem Staub machen!«

Wolfgang glaubte nunmehr, dass der Augenblick gekommen war. Er rannte los! Er lief so schnell er konnte und achtete weder auf Nebelbänke noch auf Hexen oder auf sonst irgendwas, was ihn aufhalten konnte, er wollte nur raus aus diesem Albtraum von Horrorvorstellungen, koste es, was es wolle. Er nahm jede Kraftanstrengung in Kauf und machte auch vor Steigungen nicht halt, bis er gänzlich außer Atem war und kaum ertragbare Koliken in der Magengrube bekommen hatte. Wolfgang konnte nicht mehr laufen, hielt an und sah sich um. Die Nebelschwaden hatte er hinter sich gelassen, sie schimmerten hinten im Scheine des Mondes, die Gegend war frei vom nebeligen Dunst, aber was ihn am meisten freute, war ein Lichtblick vorn: Keine fünfhundert Meter entfernt sah er vermutlich das Licht einer Laterne, die allem Anschein nach eine Straße des Ortes beleuchtete, den er erreichen wollte. Er schien fast am Ziel zu sein, es bedurfte nur der letzten Anstrengung seinerseits.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Die vermutlich einzige Straße in dem offenbar eher kleinen Ort war erwartungsgemäß menschenleer, als Wolfgang das Schild mit der Aufschrift »Treseburg« passiert hatte. Es waren auch kaum beleuchtete Fenster in den Häusern entlang der Straße zu sehen. Alles schlief schon, mutmaßte er. Das schwache Licht der Laterne, die Wolfgang schon von Weitem gesehen hatte, reichte vollkommen aus, um nach der Zeit zu sehen. Es war halb elf abends. Noch gar nicht so ultimativ spät, dachte Wolfgang erleichtert, vielleicht würde es ihm noch gelingen, eine Unterkunft für die Nacht zu finden. Er war dermaßen fertig, dass ihn nichts mehr abschreckte. Sogar falls es im Ort kein einziges Hotel oder keine Pension gab, hätte es ihn nicht entmutigt. Er war zu allem bereit und wäre notfalls so weit gegangen, dass er nachts bei wildfremden Leuten klingelte und nach einer Schlafgelegenheit bis morgen Früh fragte. Es war dem gebeutelten Geschäftsreisenden völlig gleich, was diese von ihm halten würden. Wolfgang fröstelte ein wenig vor Müdigkeit, seine Kleidung war ziemlich nass, Tau und Nebel schlugen sich nicht nur auf dem Straßenbelag nieder, sondern auch gerne mal auf Textilien, sodass er sich nichts sehnlichster herbeiwünschte als ein trockenes Zimmer und ein warmes Bett. Kurz, er musste dringend irgendwo unterkommen.

Er kam bis zur Brücke und sah auf der anderen Seite des Flüsschens, das unten in der Dunkelheit leise über die Steine rauschte, ein dreistöckiges Gebäude, wo noch hier und da hinter den Fenstern Licht brannte. Es war vielversprechend, Wolfgang erkannte mit seinen geübten Augen sofort, dass es sich um ein Hotel handeln konnte. Und er hatte sich nicht geirrt, denn als er über die Brücke zu einer großen Kreuzung in der Dorfmitte hinausgelaufen war und sich das große Haus von der anderen Seite angesehen hatte, erkannte er an der Fassade den Schriftzug »Zum blauen Karpfen«.

Die großen Fenster im Erdgeschoss auf der linken Seite, an denen er gerade vorbeigelaufen war, waren hell erleuchtet und ließen Wolfgang dahinter ein Restaurant oder eine Wirtschaft vermuten. Vielleicht bekam er heute Abend noch eine Kleinigkeit zu essen, dachte er und es lief ihm schon das Wasser im Mund zusammen. Es war heute nicht allzu oft vorgekommen, dass das Schicksal ihn verwöhnte, und er freute sich unverfälscht, dass es ihn in dieser schwierigen Situation nicht im Stich ließ.

Voller Erwartungen und erfüllt von guter Hoffnung richtete Wolfgang seine Schritte zum Hoteleingang und bemerkte im selben Augenblick eine männliche Figur, die ihn von der Terrasse des Restaurants beobachtete. Die Gestalt hatte er vorhin, als er an den beleuchteten Fenstern vorbeigegangen war, nicht bemerkt. Ob dieser jemand vor zwei Minuten auch schon dort gestanden hatte, wusste der Weinhändler nicht. Wie es schien, verfolgte ihn der Mann mit seinem Blick sehr aufmerksam und voller Misstrauen. Doch beeinflusste es in keiner Weise mehr Wolfgangs Entscheidung, in diesem Hotel absteigen zu wollen. Was auch immer passieren mochte, hier war definitiv seine letzte Station für heute.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.907
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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