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Des Teufels Steg: Seite 43

Die andere Frage war: Was würde mit seinen Sachen passieren, die im Auto lagen? Er kam nicht mehr dran, die Beifahrertür war nicht zugänglich und an die Heckklappe traute er sich nicht. Dort lief das Benzin aus dem Tank aus, nicht dass der Wagen noch auf einmal in Flammen aufging. Wieder durch das Fenster in das Auto zu klettern, kam für ihn aus demselben Grund nicht infrage, dann wäre er erst recht im Innenraum gefangen und dem Feuer ausgeliefert gewesen. Einerseits war es sein ganzes Hab und Gut, alles, was er noch besaß, und er hätte es sehr ungern unbeaufsichtigt im Wald über Nacht gelassen, andererseits, versuchte er rational zu denken: Wer würde schon den Kram haben wollen? Gut, im Kofferraum standen zwei Kisten voll mit Weinflaschen, sie hätten vielleicht gewisse Begehrlichkeiten wecken können, in der Hinsicht, dass sich die Missetäter gerne auf fremde Kosten hätten volllaufen lassen wollen, und den Wein brauchte er noch für Weinpro… Was für welche Weinproben? Wolfgang begriff plötzlich die ganze Unsinnigkeit seiner Befürchtungen, um den Wein bestohlen zu werden. So wie es ausschaute, würde es keine Weinproben mehr geben!

Er stellte sich sofort sehr lebhaft Stachowskis wutverzerrte Physiognomie vor, während der »Blödian« die Botschaft von abgesagten Terminen hörte. Nein, Stachowski musste jetzt wirklich nicht sein, verwarf Wolfgang die unangenehme Erscheinung! Auf jeden Fall brauchte er keinen Wein mehr, von ihm aus konnten die Kisten auch lichterloh brennen. Er hätte jetzt möglicherweise gerne selbst ein Fläschchen geköpft und in einem Zuge getrunken, um seine Nerven zu beruhigen, aber die Weinkisten waren nicht greifbar und er musste darauf verzichten.

Darüber hinaus hätte Wolfgang noch mit größtem Vergnügen sein Jackett aus dem Auto geholt, oder irgendeine Jacke aus dem formlosen Haufen auf der hinteren Sitzbank. Es war viel zu kühl, um in einem kurzärmligen Sommerhemd durch die Nacht im Harz zu laufen, doch es war Schicksal, er musste damit auskommen, was er gerade an- und mithatte. Zum Glück hatte er die Geldbörse nach dem Imbisslokalbesuch in Clausthal in seine Hosentasche gesteckt und nicht gewohnheitsgemäß auf der Mittelkonsole neben dem Gangschalthebel abgelegt, sodass er seine Ausweispapiere und das Geld bei sich hatte. Wolfgang wanderte los.

Die Gegend zeigte sich von ihrer mystischen Seite. Hier und da hatten sich im Tal Nebelbänke gebildet, die überwiegend dicht über dem Boden hingen, doch ab und zu brach ein Schwaden aus und bäumte sich menschenhoch vor Wolfgang auf, wenn er einen nebeligen Straßenabschnitt passierte. Der Tau war bereits gefallen und seine winzigen Tröpfchen glänzten auf der dunklen Fahrbahn wie kleine Perlen und erinnerten an die Sterne am nächtlichen Himmelsgewölbe. Wolfgang wunderte sich, aus welchem Grund er nun alles so gut erkennen konnte in der noch vor einer halben Stunde so dunklen Nacht, und es erschloss sich ihm, sobald er in den Himmel geschaut hatte.

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Das Geheimnis des vernebelten Passes

Das Geheimnis des vernebelten Passes

Reiseroman von Nikolaus Warkentin
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Ein halber Mond von unglaublicher Leuchtkraft stand am Firmament und tauchte das Tal in sein silbriges Licht. So einen hellen Mond hatte Wolfgang noch nie zuvor erlebt. Vielleicht, überlegte er, lag es daran, dass er die meiste Zeit seines Lebens in einer Stadt verbracht hatte, wo sich die Straßen- und Häuserbeleuchtung nicht besonders förderlich auf astronomische Beobachtungen auswirkten, doch hier, in der freien Natur, wo keine künstliche Lichtquelle die Sicht in den Sternenhimmel trübte, kam es möglicherweise gar nicht so selten vor, wenn es nicht eher die Regel war, dass die Himmelskörper um ein Vielfaches heller schienen. Und noch etwas an dem Halbmond erregte sein Interesse: Es war genau ein halber Mond. Die Grenze zwischen Licht und Schatten verlief genau in der Mitte der silbrigen Scheibe, ohne auch nur die geringste Krümmung aufzuweisen, als hätte jemand von oben nach unten eine gerade Linie mit Stift und Lineal gezogen.

Dieser Kontrast ließ sich aber keineswegs im Tal wiederfinden, vielmehr trieben der Mond und die Nacht ein bemerkenswertes Spiel miteinander: Der Mondschein kitzelte die Dunkelheit an der Seite und drängte sie in den dichten Wald zurück, der sich zu beiden Seiten der Straße erstreckte. Die beleidigte Nacht revanchierte sich, indem sie zunächst schüchtern einen Schatten auf die Wiese warf, falls dem Licht ein einzelner Baum im Wege stand, dann immer kühner werdend ihren Einflussbereich auf die umliegenden Sträucher erweiterte, wenn sie merkte, dass ein Nebelschwaden aufzog und nichts sie daran hindern konnte, und schließlich eroberte sie ganz frech die ganze Straße zurück, wenn die bewaldeten Hügel zu nahe an die Fahrbahn traten und die Sicht auf den Mond verdeckten. Dann wirbelten die beiden in einem wilden Tanz wie Yin und Yang. Sie verflochten sich auf eine wundersame Art zu einem grauen Ganzen, um im nächsten Augenblick das Gebilde wieder zu entwirren und ihre ursprüngliche Gestalt anzunehmen – das Spiel begann aufs Neue, sobald die Straße ihre Richtung änderte.

Mit jeder weiteren Runde des seltsamen Geschehens wurde es dem nächtlichen Wanderer immer unheimlicher, es kam ihm vor, dass die Schatten langsam zum Leben erwachten, sich materialisierten und allmählig immer mehr an eigener fester Substanz gewannen, mit anderen Worten zu Schattenwesen wurden, die zum Schluss gar nicht mehr in einem Zusammenhang mit dem Schein des Mondes standen. Während ihm am Anfang nur die zwerghaften »zottigen Ungeheuer«, die ihn entlang des Waldrandes verfolgten, Angst einjagten, wenn trockene Äste auf dem Boden unter ihren Füßen brachen, gesellten sich schon bald auch größere Schattenfiguren zu ihnen, die sich innerhalb der Nebelschwaden aufhielten und nur schemenhaft zu erkennen waren. Sie waren dennoch eindeutig da, versuchte Wolfgang sich selbst von der Existenz der mysteriösen Frauen, und es waren dem Anschein ihrer Kleidung nach weibliche Wesen, zu überzeugen, um nicht ganz dem Wahn zu verfallen, denn mit nichts anderem hätte er den Grund für die Visionen sonst noch erklären können!

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.907
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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