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Des Teufels Steg: Seite 42
Das Ortsschild »Stiege« hatte er immer noch nicht zu Gesicht bekommen, als er einen Wegweiser »Allrode« sah, der auf eine kleinere Straße zeigte, die nach links abbog. Möglicherweise hatte er das Schild auch einfach übersehen, es war jetzt unwichtig. Stiege war nun nicht sein Reiseziel, sondern lediglich ein Orientierungspunkt auf der Karte, Allrode war der Ort, über den er fahren musste, ob mit Schild oder ohne. Er bog nach kurzem Zögern ab und es war offenbar die richtige Entscheidung, denn eine Viertelstunde später erreichte er tatsächlich Allrode. Jetzt musste er nur noch die Straße finden, die ihn nach Thale bringen würde. Es war ein beschauliches Dorf, doch es war keine leichte Aufgabe, etwas in einem wildfremden Ort auf Anhieb zu finden: Er fuhr langsam die Hauptstraße entlang und hielt Ausschau nach einer größeren Straße, möglichst mit einem Wegweiser, die von links in die Hauptstraße mündete. Die Einwohner des Ortes taten Wolfgang richtig leid, das Knattern seines Wagens hatte vermutlich auch den letzten Hund im Dorf geweckt, von Menschen ganz zu schweigen. Und dann endlich! Da war eine Kreuzung mit einem Wegweiser, auf dem zwar etwas anderes als »Thale« stand, aber in so einem kleinen Dorf konnte es nur die Straße sein, die er suchte. Er bog ab und ließ auch schon bald die letzten Häuser des Ortes hinter sich. Aber noch bevor er die Ortsgrenze erreichte, hörte er wieder diesen dumpfen Schlag gegen die Motorhaube, jedoch nur ein einziges Mal. Es waren zwar noch einige merkwürdige Geräusche aus dem Motorraum zu vernehmen, aber nicht mehr die heftigen Schläge des abgerissenen Stücks vom Keilriemen gegen die Haube. Doch Wolfgang entschloss sich, nicht anzuhalten, der Motor lief abgesehen vom Dreizylinderbetrieb wieder normal und er war müde, er wollte endlich irgendwo ankommen. Die Straße führte durch ein Tal, das zu beiden Seiten von Hügeln gesäumt war, und irgendwo plätscherte hier bestimmt noch ein Rinnsal entlang der Straße, vermutete Wolfgang. Alles war ruhig, nur Wolfgangs Auto erfüllte das Tal mit knatternden Geräuschen. Nichts deutete darauf hin, dass die Ereignisse eine jähe Wendung nehmen würden, allerdings nur bis zu dem verhängnisvollen Augenblick, als Wolfgang zufällig auf das Armaturenbrett blickte und es ihm kalt den Rücken hinunterlief: Eine rote Warnleuchte war angegangen, die ihn auf ein Problem mit der Batterie hinwies. »Was zum Teufel …?«, rief er laut in seiner Verzweiflung. »Nein, nicht schon wieder!« Er wusste nicht, wie lange das Lämpchen schon brannte und er wurde daraus nicht klug, was nun urplötzlich mit der verflixten Batterie passiert sein konnte, aber er vermutete etwas Ernstes und irrte sich nicht.
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Keine Minute später verstummte bei voller Fahrt der Motor und noch nach ein paar Sekunden gingen die Scheinwerfer aus, die Instrumententafel erlosch. Er sah nichts mehr, um ihn herum war finstere Nacht. Wolfgang schaffte es nicht rechtzeitig, auf die Bremse zu treten, der Wagen rollte weiter und er spürte mit Unbehagen, dass sich das Auto nach rechts neigte, offenbar war er von der Fahrbahn abgekommen und fuhr gerade in den Straßengraben. Der Handelsreisende versuchte gegenzusteuern, jedoch vergebens, bald hörte er, wie der Unterboden des Fiestas über die spitzen Schottersteine schleifte. Im nächsten Augenblick prallte der kleine Kamerad gegen irgendein Hindernis, kam mit einem heftigen Ruck zum Stillstand und Wolfgangs Kopf knallte mit aller Wucht gegen das Lenkrad … Der verunglückte Weinvertreter musste für eine Weile das Bewusstsein verloren haben, denn als er wieder die Augen öffnete und sich in völliger Dunkelheit auf dem Fahrersitz seines Autos wiederfand, das ziemlich schräg stand, wenn nicht gar auf der Seite lag, fragte er sich als Erstes: »Was in aller Welt ist hier vorgefallen?« Erst danach fiel es Wolfgang wieder ein, dass er seine Geschäftsreise nach Thale wohl vorerst ruhmlos in einem Straßengraben beendet hatte. Er versuchte seine Gliedmaßen zu bewegen, ob nicht zufällig etwas gebrochen war, es schien aber nicht der Fall zu sein. Seine Stirn brannte und verursachte fürchterliche Schmerzen, etwas floss seine Wange hinunter, er fasste danach mit der Hand, es war dickflüssig und klebrig – es musste wohl Blut sein. Die Quelle der Blutung fand er auch gleich, seine linke Augenbraue war aufgeplatzt, aber die Wunde schien nicht allzu groß zu sein. Gott sei Dank, atmete Wolfgang erleichtert auf, dass es die linke war, jetzt konnte er auch die verletzte Lippe und die bläuliche linke Wange, die er heute Morgen mit Marthas Abdeckcreme »verarztet« hatte, auf den Unfall schieben. Sonst konnte er an sich selbst auf die Schnelle keinen offensichtlichen Schaden mehr feststellen. Das war auch gut so, er war in wahrem Sinne des Wortes mit einem blauen Auge davongekommen! Als Nächstes versuchte Wolfgang, sich irgendwie aus dem Auto zu befreien. Die Fahrertür, die sich etwas schräg über ihm befand, ließ sich nicht öffnen, entweder klemmte sie, oder etwas blockierte sie von außen, auf jeden Fall hatte er mit der Tür keinen Erfolg. Dafür stellte er aber fest, dass sich die Fensterscheibe einwandfrei hinunterkurbeln ließ. Mehr brauchte er nicht. Er kletterte etwas unbeholfen durch das Fenster hinaus und ließ sich dann vor dem Wagen auf die Seite fallen, weil seine Beine noch zum Teil im Auto steckten. Als dann auch endlich all seine Gliedmaßen draußen waren, krabbelte er auf allen vieren zur Fahrbahn und stand auf. Er drehte sich um und sah sich die Unfallstelle an. Der Fiesta war geschrottet. Er lag halb auf der Seite im Graben, es roch streng nach ausgetretenem Kraftstoff, wahrscheinlich war der Tank kaputt. Was sollte er nun machen? Weit und breit war keine Menschenseele in Sicht. Darauf zu vertrauen, dass auf dieser gottverlassenen Straße einer vorbeifuhr, hatte wenig Aussichten auf Erfolg. Die einzige Möglichkeit, die es gab, war die, bis zum nächsten Ort zu Fuß zu laufen und dann … Keine Ahnung, was er dann tun würde, schüttelte Wolfgang die augenblicklich absolut nutzlosen Gedanken ab. Woher sollte er es wissen? Planen konnte er bestimmt nichts, es würde sich dann schon zeigen. Weit konnte es nicht mehr sein, vielleicht zwei, drei Kilometer, nahm der notleidende Händler an. Er war nämlich schon eine ganze Weile gefahren, nachdem er Allrode verlassen hatte, so kam es ihm wenigstens vor.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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