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Des Teufels Steg: Seite 41

Sie trafen sich an dem Tag zum ersten Mal seit fünf Jahren und Wolfgang war gleichermaßen angenehm überrascht wie leicht betrübt, dass seine kleine Anna in der Zwischenzeit zu einem bildhübschen jungen Fräulein herangewachsen war. Einerseits freute er sich darüber, dass sie sich so gut entwickelt hatte, andererseits begriff er, dass die Zeit, als er sie mit einer Kugel Eis hätte glücklich machen können, endgültig vorbei war. Diesem Wiedersehen folgten zahlreiche weitere Begegnungen an verschiedensten Orten, sogar ins Kino hatte er sie einmal ausgeführt, fiel es Wolfgang auf einmal ein. Aber kein einziges Mal hatte er vor seiner Tochter schlecht über ihre Mutter geredet, das hatte es nicht gegeben, obwohl Hildegard es durchaus verdiente, nach all dem, was sie ihm mit ihrer hinterhältigen Aktion angetan hatte. Vielmehr hatte Wolfgang durch Anna herausgefunden, dass sie, Hildegard, diejenige war, die Unwahrheiten über ihn verbreitete. Oder wie konnte man es sonst noch werten, wenn sie Anna erzählte, dass ihr Vater verrückt und nicht mehr zurechnungsfähig sei und Anna solle sich von ihm möglichst fernhalten, wenn er versuche, mit ihr Kontakt aufzunehmen, sonst tue er ihr von seiner Wut und seinem Wahn getrieben noch etwas an. Nein, dazu fand Wolfgang keine Worte mehr, auf so was hätte man doch erst kommen müssen, dass er seiner Tochter etwas antun würde! Zumal Anna ihm buchstäblich einen mächtigen Schub frischer geistiger Kraft gegeben hatte, sodass er wieder etwas Ähnliches wie einen Hoffnungsschimmer vor seinen Augen gehabt hatte, einen Lichtblick am Horizont, einen kleinen hellen Punkt am Ende des pechschwarzen Tunnels: Er hatte den »Suppenjob« quittiert und zu der Weinfirma gewechselt, nachdem er diesen Giovanni wiedergetroffen und ihn um Vermittlung gebeten hatte. Es war eine bessere Alternative gewesen, man wurde besser bezahlt. Auch hinsichtlich seines Hirnleidens wäre er im Büro beim Telefonverkauf besser aufgehoben als auf der Straße, wo ihn unverhofft ein Schlaganfall hätte ereilen können, ohne dass er rechtzeitig Hilfe bekommen hätte.

Auf jeden Fall, resümierte Wolfgang, wäre Hildegard gut beraten gewesen, wenn sie den Mund hielt. Mit Martha sah es natürlich etwas anders aus, da hatte hauptsächlich er, höchstpersönlich, alles verbockt. Aber bei ihr tat es nicht so weh, sie waren noch nicht so lange zusammen gewesen und hatten keine gemeinsamen Kinder wie mit Hildegard – ein Band, das sie beide, gewollt oder ungewollt, noch bis zum Lebensende verbinden würde.

Während die Sache mit seinen Frauen in dem merkwürdigen Traum für Wolfgang klar und nachvollziehbar war, machte ihn die Anwesenheit des blauäugigen blonden Mädchens stutzig. Vor allem der Umstand, dass er das Fräulein innerhalb kürzester Zeit schon zweimal gesehen hatte. Zuerst in der Wirtschaft in Clausthal, dort hatte sie ihn um Hilfe angefleht, dessen konnte er sich noch ganz deutlich entsinnen, und kurz darauf war sie in seinem Traum erschienen. Sie beide waren in eine brenzlige Situation geraten, in der er die erbetene Hilfe geleistet hatte.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Er war sich sicher, dass der seltsame Traum, der an der spannendsten Stelle unterbrochen worden war, noch eine Fortsetzung haben würde. Irgendwas war mit diesem Mädchen, irgendwie würden sich ihre Wege noch einmal kreuzen, und vermutlich nicht mehr im Traum, sogar ganz bestimmt nicht als Vision, sondern in der Realität, denn der Umstand, dass ihm das Mädchen schon zweimal erschienen war, kam nicht von ungefähr – da war Wolfgang ganz nach seiner Mutter, da glaubte er nicht an Zufälle. Und noch etwas: Was war das für eine aufgebrachte Menge von Nomaden, die ihn den »Wilden Mann« nannten? Übrigens, fiel es Wolfgang ein, die Blonde hatte ihn auch gefragt, ob er ein solcher sei!

Es war alles wirklich sehr merkwürdig und er fragte sich, ob es das war, wovor ihn der Wirt im Imbisslokal gewarnt hatte, das Seltsame, das in der Nähe des verzauberten Berges passierte, vor dem er sich zu hüten hatte und sich lieber in Sicherheit bringen sollte, wenn es sich bemerkbar machte. So etwas hatte ihm doch der rätselhafte »Hexenjäger« erzählt, oder? Wolfgang wusste noch nicht genau, was er von dem Ganzen halten sollte, wie es im Einzelnen zu deuten war und wohin es führen würde, aber er musste die Augen offen halten, beschloss er zu guter Letzt.

Die Frage, ob er gerade die ehemalige innerdeutsche Grenze überquert hatte, musste sich Wolfgang nicht zweimal stellen. Sie war es eindeutig gewesen, denn nach all dem, was er über die Straßenzustände in den neuen Bundesländern gehört und gelesen hatte, musste die Straße, auf die er mit einem Mal geraten war, eine dieser buckeligen Pisten sein, die von Schlaglöchern übersät waren. Ihm machte es nicht viel aus, er war ein Nachkriegskind und konnte sich noch gut daran erinnern, dass zu der Zeit solche Straßen auch in Westdeutschland durchaus keine Kuriosität dargestellt hatten, und überdies waren es in ihrer Mehrheit nur solche Landstraßen gewesen und keine anderen, aber die heutige Generation konnte es nicht lassen, sich darüber lustig zu machen, ungeachtet dessen, dass damit auch indirekt die Menschen in Ostdeutschland verspottet wurden, die vermeintlich nicht fähig waren, eine Straße zu bauen, obwohl sie letztendlich nicht viel für diese Zustände konnten, und damit zufrieden waren sie allemal nicht, konnte sich Wolfgang ganz gut vorstellen.

Nichtsdestoweniger litt sein Kamerad, der kleine Fiesta, unter den Tücken des reparaturbedürftigen Straßenbelags unter seinen Reifen. Er hatte nicht die geringste Ahnung von Nachkriegszeiten, diese Art von Fahrbahn hatte er in seinem langen Autoleben noch nie befahren. Ein Schlagloch nach dem anderen tauchte im Licht der Scheinwerfer, die Wolfgang schon vor einer Weile eingeschaltet hatte, aus der Dunkelheit auf. Zuweilen waren es gleich zwei auf einmal und dann hatte der Kleine seine Mühe, das Hindernis zu umfahren, und erwischte oft mit voller Wucht eines der Löcher, sodass die Weinflaschen im Kofferraum empört klirrten und Wolfgang angst und bange um die Vorderachse wurde, deren Bruch das Aus für den Fiesta bedeutet hätte. Es war stockfinster und die wenigen Laternen in den menschenleeren Dörfern spendeten nur ein schwaches Licht, trugen also nicht gerade dazu bei, dass sich der mittlerweile ziemlich müde Weinverkäufer gut orientieren konnte, aber es ging jedes Mal gut, er fand die richtige Straße, um weiterzukommen.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.907
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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