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Des Teufels Steg: Seite 40

Damals, nachdem er auf der alten Matratze zwischen leeren Schnapsflaschen aufgewacht war und sich geschworen hatte, sein Leben in den Griff zu bekommen, nahm er lange Zeit keinen Alkohol mehr zu sich und fand sogar nach mehreren vergeblichen Versuchen einen Job! Nein, keine Spitzenposition – haha! –, er verkaufte statt der Staubsauger nunmehr Instantprodukte eines namhaften Herstellers: Suppen in Tütchen, Soßen in Dosen, Pülverchen in Gläsern. Mensch, was hatten sie ihn doch ausgebeutet, erinnerte sich Wolfgang mit Unbehagen an seine Zeit als Suppenvertreter. Er ging jeden Tag »Klinken putzen« in allen Gaststätten, Kneipen und Imbissbuden, die er in dem ihm zugewiesenen Gebiet in der Stadt finden konnte, verdiente nur ein paar Mark, die nicht mal für die Miete gereicht hätten – er wohnte nach wie vor in dem städtischen Wohnheim für »Sozialfälle« –, und kaum hatte er einen Kunden gewonnen, der vielleicht jahrelang für seine Provisionserträge hätte sorgen können, so teilte die Firma alle Verkaufsgebiete neu auf, sodass der Kunde nicht mehr zu seinem Stamm gehörte.

Sie machten mit ihm, was sie wollten! Ganz zu Beginn wurde er von so einem eingebildeten »Lackaffen« wie Stachowski äußerst demütigend des Schulungsraumes verwiesen, weil er kein Jackett und keine Krawatte anhatte, wie es die dumme, übrigens in keinem Vertrag festgehaltene, interne Kleiderordnung in dem Laden vorschrieb. So etwas hatte Wolfgang damals einfach nicht in seiner Garderobe, er hatte gar keine andere Garderobe als die, welche aus den Sachen bestand, die er am Leibe trug, und er hatte nicht einmal annähernd so viel Geld zur Verfügung, um sich eine andere anzulegen. Wolfgang hatte es dem »Blödmann« sehr übelgenommen und die Erniedrigung vor den Augen übriger Teilnehmer nie vergessen, diesen »Stachowskis« würde er das alles eines Tages noch heimzahlen, dachte er voller boshafter Vorfreude, und davon, dass der Tag schon bald kommen würde, war Wolfgang fest überzeugt.

Zu der Zeit traf er auch zum ersten Mal Giovanni vom Weinvertrieb. Was sein neuerdings ehemaliger Freund in ihrem Wohnheim machte und was er sich von einer Weinprobe mit französischen Weinen versprach, die er an einem Wochenende für ein Dutzend Leute veranstaltete, von denen die meisten Sozialhilfe bezogen, diese Frage konnte sich Wolfgang auch heute noch nicht beantworten. Er selbst hatte damals aus Jux daran teilgenommen, getrunken hatte er nichts, soweit er sich erinnern konnte, dafür hatte aber der Rest der »Weinliebhaberrunde« richtig zugeschlagen und Giovanni beinahe alle Flaschen leer getrunken, ohne etwas zu bestellen.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Zu derselben Zeit, erinnerte er sich noch, als wäre es erst gestern gewesen, hatte er auch den unschönen Befund bekommen, nachdem er auf Empfehlung seines Arztes vom letzten Geld eine Computertomografie über sich hatte ergehen lassen, um herauszufinden, was der Grund für seinen ziemlich oft und unpassend auftretenden Zustand war, der schon bald einer Ohnmacht glich. Seitdem lebte Wolfgang mit diesem Bewusstsein und ließ den Tumor im Gehirn in keiner Weise behandeln. Wovon? Es war die Frage, die er sich jedes Mal stellte, wenn er den nächsten Anfall hatte und ihm immer deutlicher wurde, dass er ärztliche Hilfe brauchte. Er war nicht krankenversichert, auch nicht von der Stadt. Sobald er den Job angenommen hatte, wurden ihm die Sozialleistungen per Bescheid gestrichen. Er wohnte zwar immer noch in dem Heim, aber nur weil sie ihn nicht einfach auf die Straße setzen konnten, das war alles, das Zimmer stand ihm eigentlich nicht zu. Und durch Suppenverkaufen verdiente er nicht wirklich viel Geld, um davon noch Ärzte zu bezahlen. Es war ein Teufelskreis.

Und genau an dem Tag, als er zu der Erkenntnis gelangt war, rief Anna an. Von selbst. Er hatte ihr nie nachgestellt oder sie heimlich abgepasst, wie Hildegard es behauptete, nie! Wolfgang hatte keine Ahnung, wo das Mädchen seine Telefonnummer herhatte, von ihm jedenfalls nicht. Das Telefon klingelte einfach und Anna war dran.

»Hallo, Papa«, sagte sie mit leicht zitternder Stimme. »Ich habe lange nichts von dir gehört.«

»Hallo, Liebste, ich auch«, flüsterte Wolfgang zur Antwort. Er war zu Tränen gerührt, wollte aber seinen emotionalen Zustand nicht durch die Stimme verraten.

»Wäre es nicht schön, wenn wir uns mal treffen?«, fragte sie ihn.

»Ähm …« Wolfgang fühlte sich etwas überrumpelt. »Ja, sicher … Natürlich … Ich muss nur …«, stammelte er, denn der Gedanke, dass Anna gleich kam und ihn in seiner heruntergekommener Behausung erlebte, ließ ihn keinen Satz zu Ende bringen. Er schämte sich.

Doch seine Tochter machte einen anderen Vorschlag, als hätte sie über seine missliche Lage Bescheid gewusst und ihn nicht unnötig blamieren wollen: »Wir können uns ja in der Stadt treffen! Weißt du noch, das Eiscafé, wo wir mit dir oft hingegangen sind?«

Und ob Wolfgang es wusste, er war in den letzten Jahren sogar einige Male dort gewesen, um vor dem Café stehen zu bleiben und sich vorzustellen, er sitze zusammen mit Anna wieder an dem Tisch, der draußen direkt an der Straße stand, und esse mit ihr Eis.

»Ja, sicher«, nahm er ihren Vorschlag mit großer Freude an. »Ich bin in einer halben Stunde dort. Wie lange brauchst du?«

»Ich rufe vom Café an, ich bin schon da«, überraschte sie ihn mit ihrer Antwort.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.907
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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