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Des Teufels Steg: Seite 39
Doch er war sich dessen nicht mehr so sicher, als er keine Minute später ein leises, seltsames Geräusch vernahm, das von der Brücke zu kommen schien und sich wirklich unheimlich anhörte. Es klang einerseits, als hätte eine lose Ecke von einem Segel im Wind geflattert, doch es gab keinen Wind, es war absolut ruhig, und Jachten, denen das Segel hätte gehören können, hatte es hier noch nie gegeben, andererseits waren es nur vereinzelte Klapsgeräusche wie beim Aufschütteln eines nassen Tuchs vor dem Aufhängen. Knöpfle richtete seinen Blick auf die Brücke. Im silbrigen Schein des Mondes sah er eine geheimnisvolle Gestalt, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite eilig über die Bodebrücke schritt und allem Anschein nach das Geräusch generierte. Denn gekleidet war sie in eine altertümlich anmutende, bis zum Boden hinabfallende Robe, die bei jedem Schritt das leise Knacken und Rascheln verursachte, wenn das Bein oder der Fuß unter dem Umhang auf den gespannten dicken Stoff traf. Das Gesicht der Person konnte man nicht erkennen, es war tief vergraben unter der Kapuze, oder womit auch immer ihr Kopf bedeckt war. Richard war sich nicht ganz sicher, aber augenscheinlich war es eine Frau. Sie trug eine Laterne in der Hand, die allerdings kein Licht spendete, denn sie war aus. Und noch etwas war äußerst merkwürdig: Die Frau schien von so einer Art dünnem Nebelschleier umgeben zu sein, der sie wie einen Geist erscheinen ließ. »Wer zum Teufel ist das?« Es war das Erste, was dem Schriftsteller durch den Kopf ging. Er fragte sich, ob er nicht zufällig mit seinem leicht alkoholisierten Verstand zu viel über die Geschichte von Ingrid nachgedacht hatte, dass er die Jungfrau Hulda plötzlich als Vision sah. Aber danach schaute es nicht aus, ein Gespenst war die Frau nicht. Der sprachlose Autor verfolgte sie mit seinem Blick, bis sie zur Kreuzung auf dem Dorfplatz kam, nach links abbog und hinter dem Hotel verschwand. Richard verlor sich in Mutmaßungen und Spekulationen, er suchte händeringend nach einer Erklärung, wer die Erscheinung sonst noch hätte sein können, fand aber keine, und derweil er auf Erleuchtung wartete, bahnten sich weitere seltsame Dinge an.
Es dunkelte schnell, während Wolfgang immer weiter in östlicher Richtung vorankam. Die Sonne hatte sich nunmehr bis morgen hinter den Horizont verabschiedet, aber der Himmel im Westen war noch zu einem Drittel erleuchtet, er war weitgehend wolkenfrei. Die finsteren Fichtenwälder, die auch am helllichten Tage nicht besonders gerne das Sonnenlicht willkommen hießen, ragten zuweilen wie schwarze undurchdringliche Mauern in die Höhe zu beiden Seiten der Straße, wenn Wolfgang dann und wann durch eine Waldung fahren musste. Im Wald konnte man nicht das Geringste mehr unterscheiden. Doch auf den waldlosen Abschnitten des Weges konnte man die Fahrbahn noch hervorragend sehen, sodass der von Autopannen geplagte Mann noch ganz gut ohne Licht auskommen konnte.
(?)
Er war allein auf der Straße zu dieser späten Stunde. Bisweilen fuhr er durch irgendwelche auf den ersten Blick ausgestorbene Ortschaften, in denen er keine Lebenszeichen entdecken konnte und deren Namen er sich nicht merkte, er war bloß auf einen Namen fixiert, Stiege, das war sein Stichwort, und nach so einem Ortsschild hielt er Ausschau. Dort ging laut Karte eine der blass gedruckten Straßen nach links ab, die ihn nach Allrode bringen würde, von wo aus er auf direktem Wege nach Thale kam, wenn er ebenfalls links abbog. Aber all die Orte lagen schon auf dem Gebiet der neuen Bundesländer und so weit war er noch nicht gekommen, nahm Wolfgang an, denn die Geschwindigkeit, mit der ihn sein »geräderter« Kumpel durch den Harz kutschierte, ließ nicht einfach nur zu wünschen übrig, sie wurde vielmehr schon bei minimalen Steigungen verschwindend klein, sodass es Wolfgang mitunter vorkam, man wäre zu Fuß schneller gewesen. Zum Glück hatte er das Brockenmassiv bereits hinter sich gelassen und das allgemeine Gefälle, mit dem sich die Gegend umso mehr senkte, je weiter man sich von dem großen Berg entfernte, spielte ausnahmsweise mal auf seiner Seite und begünstigte sein »zügiges« Vorankommen. Wolfgang erinnerte sich an seinen seltsamen Traum. Er war auch sonst leicht abergläubisch, was die nächtlichen Visionen anbetraf. Diese Eigenschaft hatte er wahrscheinlich in einer abgeschwächten Version von seiner Mutter geerbt, die ein sehr religiöser Mensch gewesen war und in jedem Traum eine Prophezeiung gesehen hatte. Zuweilen war es sogar so schlimm mit ihr gewesen, dass sie sich wochenlang richtig krank und niedergeschlagen fühlte, wenn das eine oder andere von dem, was sie geträumt hatte, nicht in Wirklichkeit geschah. Sie suchte verzweifelt nach Zeichen und Hinweisen in ihrem Alltag, die mit ihren Erwartungen übereinstimmten, und wenn sie auch nur eine winzige Kleinigkeit fand, die auf irgendeine Weise zu ihrem Traum passte, fantasierte sie sich den Rest hinzu und die Welt entsprach wieder dem Bild, das sie von ihr hatte. Jeder Traum enthielt auch für Wolfgang einen gewissen Teil der Wahrheit, wenn nicht sogar den größten. Wie sollte er das Gesehene deuten? Nun, die Geschichte mit Hildegard und Martha war ihm absolut klar. Es war die Wahrheit, die beiden hatten wahrscheinlich tausend Gründe, um ihn zu hassen, daher wunderte er sich nicht, dass sie sich im Traum an ihm rächen wollten. Nur mit einer Sache, die Hildegard zur Sprache gebracht hatte, konnte er sich nicht einverstanden erklären: Er hatte sich nämlich mitnichten heimlich mit Anna getroffen, wie ihm seine Exfrau vorgeworfen hatte. Es hatte sich ganz anders zugetragen.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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