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Des Teufels Steg: Seite 33
Richard konnte es nicht mit Gewissheit behaupten, aber er hatte den Eindruck, dass sie den Ort und das Hotel schon aus früherer Zeit kannten. Möglich war es allemal, denn in der Zeit vor dem Mauerfall war in dem Haus ein betriebliches Erholungs- und Rehabilitationszentrum untergebracht, wie ihm die flotte Kellnerin, die ihm in jeder Hinsicht sehr gefiel, dieser Tage berichtet und er es auch irgendwo in einem Prospekt gelesen hatte. Vielleicht hatte ja der eine oder andere Hotelgast von heute hier schon damals seine »körperlichen Gebrechen« kurieren lassen? Auf jeden Fall, nahm es sich Richard fest vor, musste er in den kommenden Tagen versuchen, mit den Leuten in Kontakt zu treten. Gut möglich, dass sie für ihn ein paar nützliche Informationen hatten. Das Hotel war auch sonst ziemlich geschichtsträchtig, wie Richard es herausgefunden hatte, denn die allererste Version des Hauses sollte schon Anfang des neunzehnten Jahrhunderts erbaut worden sein und hatte sich schon damals mit dem »fröhlichen Karpfen« an seiner Fassade geschmückt. Kurzum, Richard war mit seiner Wahl der Unterkunft sehr zufrieden. Das Ziel, das Richard Knöpfle, so hieß der Mann mit Nachnamen, der vierzig Jahre alt war, leicht krauses, rötliches Haar hatte und einen dünnen Stoppelbart gleicher Farbe trug, bei seiner Harzreise verfolgte, hatte nichts mit Angeln oder Wandern zu tun und war eher als Gegenteil einer Ferienreise zu betrachten, denn er war hier zum Arbeiten, wie merkwürdig es auch klingen mochte. Richard war Sammler, und zwar sammelte er Geschichten – Geschichten einer ganz besonderen Art: Regionale Legenden von Geistern und Sagen über unheimliche Begegnungen waren seine Spezialität. Er hatte schon einige Taschenbücher veröffentlicht und wie es feststellen ließ, war der Verlag mit seinen Schriften ganz glücklich, denn allem Vernehmen nach kamen die Bücher gut beim Publikum an – der Verleger gewährte ihm immer weitere Vorschüsse. Seinerzeit hatte Knöpfle schon die Alpenregionen von Österreich und das Südtirol in Italien bereist und hatte danach eine stolze Auswahl von Krampus-Geschichten präsentiert, auch das Buch mit Erzählungen über die Geisterwelt des Schwarzwaldes war ihm durchaus gelungen, wie er es einschätzte, und, natürlich, er hatte über das Hexentreiben im Harz ebenfalls bereits vor einigen Jahren berichtet, es waren aber nur Geschichten, die er im westlichen Teil des Gebirges hatte zusammentragen können. Nun begab er sich nach dem Ende des Kalten Krieges auch zum östlichen Rand des Massivs, in der Hoffnung, dass er hier überaus interessante Mythen und Sagen finden würde. Aber angefangen hatte alles in seiner Heimat, einem kleinen Dorf in den Ausläufern der Schwäbischen Alb, als er eines Tages die Sagen und Legenden der Region, die er zum Teil noch als Kind irgendwo aufgeschnappt hatte, niedergeschrieben und an einen Verlag nach Stuttgart geschickt hatte. Richard Knöpfle wunderte sich nicht in geringem Maße, als er nicht nur eine Antwort bekam, sondern auch gleich eine Mitteilung des Verlages über den Wunsch, die Geschichten nach ein paar Korrekturen drucken zu wollen.
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Seitdem nannten ihn alle im Dorf den »verrückten Schriftsteller«! Er nahm es den Menschen nicht übel, der Grund lag wohl darin, dass er in die allgemein bekannten Mythen immer auch seine eigene Handlung mit einflocht, die den Eindruck erweckte, es wäre im Buch von der heutigen Welt die Rede gewesen. Es führte bei den Leuten, die ihn persönlich kannten oder zumindest wussten, dass es einer aus dem Dorf geschrieben hatte, vermutlich zu kognitiven Verstimmungen, wenn sie etwas über ihren Ort lasen, was es in Wirklichkeit gar nicht gab und nie gegeben hatte, sodass sie mitunter laut ihre Zweifel äußerten, ob Richard Knöpfle noch ganz bei Verstand sei. Es machte ihm nicht viel aus, er war auch sonst ein Einzelgänger. Es fing schon damit an, dass der »verrückte Schriftsteller« wahrscheinlich das reinste Hochdeutsch sprach, das es in der Welt gab, wenngleich er auch genauso gut mit der alemannischen Mundart vertraut war, er wollte sie einfach nicht benutzen. Das führte wiederum in einem kleinen schwäbischen Dorf, in dem es noch ältere Leute gab, die in ihrem Leben kein einziges Wort Hochdeutsch gesprochen hatten, zu gewissen Spannungen und Missverständnissen. »Du sprichst so, wie du schreibst!«, hörte er von ihnen oft auf Schwäbisch den Vorwurf für sein »unpatriotisches« Verhalten: »Des kannsch ned macha!« Er machte es aber trotzdem. Er sprach, wie er schrieb, und konnte im Grunde nie nachvollziehen, warum sich Menschen deswegen so aufregten und was daran so verwerflich war. Nur das süddeutsche »Gell« konnte der gute Schriftsteller nicht lassen, es war so fest in seinem Vokabular verankert wie das »Amen« in der Kirche, er verwendete die Interjektion mal passend, mal weniger dem allgemeinen Sprachverständnis entsprechend in beinah jedem dritten Satz, vorzugsweise, wenn er aufgeregt war. Infolge seiner Einstellung diesbezüglich und darüber hinaus noch aufgrund der einen oder der anderen Meinungsverschiedenheit, die er mit dem Rest der Welt hatte, blieben im Dorf bald nur ein paar Einwohner, die man an den Fingern einer Hand abzählen konnte, mit denen er noch eine Beziehung unterhielt, und wenn Richard nicht gerade an einem Buch schrieb, so langweilte er sich den ganzen lieben Tag zu Tode in den eigenen vier Wänden. Denkbar groß war daher seine Freude gewesen, als der Verleger vergangene Woche angerufen hatte, um mit ihm die Einzelheiten der geplanten Harzreise zu besprechen und die Höhe der Vorschusszahlung abzustimmen, – es bedeutete nichts anderes, als dass er bald wieder frei mit voller Brust hätte atmen können.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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