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Des Teufels Steg: Seite 32

Wolfgang startete den Wagen. Zu den unheilvollen Geräuschen, die der Fiesta ohnehin schon generierte und die den gebeutelten Handelsreisenden nicht allzu optimistisch stimmten, was das Ende seiner Reise durch den Harz anging, gesellte sich ein neuer, vorher nicht da gewesener Laut, ein dumpfer Schlag, der sich in kurzen Zeitabständen, höchstens eine Sekunde, nicht mehr, wiederholte und der umso öfter zu hören war, je mehr Gas Wolfgang gab. Er hörte die »frohe Botschaft« sofort, als der Motor ansprang, und sie bereitete ihm große Sorgen.

Man hätte denken können, dass sich jemand im Motorraum versteckt hatte und nun gegen die Haube von innen hämmerte. Breitscheid stieg wieder aus und hob die Motorhaube an. Er verstand nicht viel von Motoren, außer dass er wusste, wie ein Verbrennungsmotor funktionierte und wo sich in etwa die Hauptbestandteile eines solchen bei einem Auto befanden, aber diesmal erkannte er auf Anhieb das Problem: Der Keilriemen, der den Motor mit der Lichtmaschine verband, war sehr abgenutzt und sah ziemlich mitgenommen aus, ein länglicher Streifen hatte sich von seiner Seite gelöst, baumelte frei zwischen den Zahnrädern und schlug den Gesetzen der Zentrifugalkraft folgend gegen die Motorhaube, wenn die Räder, auf die der Riemen gespannt war, rotierten. Man konnte mit hohem Grad der Wahrscheinlichkeit behaupten, dass der Riss mit jedem heftigen Schlag unaufhaltsam größer wurde und das lose Ende des Streifens immer länger. Es konnte so nicht mehr lange gutgehen, das frei hängende Stück Gummi musste weg. Der Rest des Keilriemens war, soviel Wolfgang sah, noch intakt, obwohl auch neuerdings zum Teil nur halb so stark wie zuvor, zumindest saß der Riemen noch fest in seinen Führungsrillen auf den Wellen.

Wolfgang holte das ziemlich stumpfe Klappmesser, das seit Menschengedenken im Handschuhfach rostete, – anderes Werkzeug hatte er nicht – und machte sich an die Arbeit, die gar nicht so einfach war, wie es einem auf den ersten Blick hätte vorkommen können. Sichtlich zufrieden mit der verrichteten Reparatur, obgleich sie eine zusätzliche halbe Stunde seiner kostbaren Zeit in Anspruch genommen hatte, ließ er erneut den Motor an und freute sich wie ein Kind, dass die grausamen Schläge gegen die Motorhaube nicht mehr vernehmbar waren. Alsdann fuhr er langsam los, wenn man die Art seiner Fortbewegung noch als Fahren bezeichnen durfte, und verschwand bald hinter einem Waldstück, um das die Straße einen Bogen machte.

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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4. Kapitel: KREATIVREISENDER LEGENDENSAMMLER

Richard schrieb den letzten Satz zu Ende, setzte einen Punkt und legte das beschriebene Blatt obenauf zu den anderen, die er schon zuvor beidseitig mit kleinen, säuberlich gesetzten Schriftzeichen versehen und auf dem Tisch gestapelt hatte. Er lehnte sich in dem älteren, stellenweise schon abgescheuerten Sessel im Design der Siebzigerjahre zurück, streckte müde seine Beine aus und reckte seinen Hals – stundenlang Schriften in vorgebeugter Sitzhaltung an einem niedrigen Couchtisch zu verfassen, war nicht das, was er sich unbedingt wünschte. Trotzdem war er ganz zufrieden damit, wie viel er von dem, was er in den letzten zwei Tagen von Leuten aus der Gegend an mündlichen Geschichten gehört hatte, endlich zu Papier hatte bringen können. Es war schon fast dunkel, stellte Richard fest, als er einen Blick auf das Fenster warf, und sah nach der Uhrzeit. Es war fünf nach acht. Feierabend, beschloss er! Jetzt konnte er sich einen genehmigen. Vielleicht auch zwei oder drei. Er meinte den Wein, den er schon seit Donnerstag jeden Abend auf der Terrasse vor dem Restaurant trank und den Ausklang eines Sommertages genoss, während er der ländlichen Stille zuhörte, die sich allmählich über Berg und Tal legte.

Das Hotel »Zum blauen Karpfen« in Treseburg, wo Richard ein Zimmer bewohnte, hatte er rein zufällig gefunden. Er hatte sich sofort in das kleine malerisch gelegene Dorf verliebt, als er es zum ersten Mal gesehen hatte: Er kam die Straße von Thale, wo ihm keines der Hotels angesichts seiner beruflichen Belange zugesagt hatte, ins Bodetal hinuntergefahren, hielt an der Kreuzung auf dem großen Dorfplatz in der Mitte und sah das Hotel mit dem lustigen Namen auf der anderen Straßenseite, das ein Bild von einem stilisierten Fisch schmückte, der eine Kapitänsmütze trug und einen schäumenden Bierkrug in seiner Flosse hielt – er machte einen leicht alkoholisierten Eindruck. Mehr war nicht erforderlich, es war Liebe auf den ersten Blick und Richard meinte nur sentimental: »Das sieht doch alles unglaublich schön aus!«

Treseburg war ein sehr ruhiger Ort und das Hotel war auch nicht gerade überfüllt, Richard war einer der wenigen Gäste, die hier abgestiegen waren. Was die anderen hier im Bodetal so im Einzelnen machten, entzog sich seiner Kenntnis, er hatte bis jetzt noch keinen ernsthaften Versuch unternommen, es in Erfahrung zu bringen. Er sah nur jeden Morgen eine Handvoll Hotelbewohner beim Frühstück, sie grüßten ihn mit einem Kopfnicken oder sagten kurz »Morgen« und er erwiderte ihre Zeichen der Aufmerksamkeit auf die gleiche Weise, mehr war bislang nicht vorgefallen. Wahrscheinlich, mutmaßte er, waren es alles Feriengäste, die hier zum Spazieren, Wandern und Angeln angereist waren oder einfach, um sich zu erholen und die Natur zu genießen, denn die Kleidung der meisten von ihnen ließ darauf schließen.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.897
Online Seiten: 233
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PDF Seiten: 518
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EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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