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Des Teufels Steg: Seite 31

Seine Rechnung geht auf, die Frauen bleiben unten und beobachten mit Schadenfreude, wie er auf allen vieren vergeblich versucht, im abrutschenden Sand den Hang nach oben zu krabbeln. Er muss immer schneller mit seinen Armen und Beinen arbeiten, um oben zu bleiben, denn anderenfalls rutscht er unweigerlich ab und landet vor den Füßen der erbarmungslosen Amazonen. Er schreit sich aus Angst und Verzweiflung die Seele aus dem Leib, aber es belustigt die beiden Racheengel noch mehr, sie lachen unverfroren über sein Missgeschick.

Wolfgang ändert endlich seine Taktik: Wenn es schon nicht frontal geht, dann müsste es doch auf Umwegen funktionieren. Er bewegt sich nunmehr horizontal an der Flanke des sandigen Hügels und wagt ab und zu einen kleinen seitlichen Schritt nach oben zum Grat. Und es klappt, es bringt ihn weiter, weg von der unten drohenden Gefahr.

»Geschafft«, atmet er erleichtert auf, wenn er den Rücken des Dünenzuges erreicht.

Seine Freude währt aber kurz. Auf der anderen Seite des Hügels sieht er eine aufgebrachte Menge von Beduinen, die ihre Knüppel in der Luft schwingen und ihre unmissverständlichen Drohgebärden lautstark mit üblen Worten bekräftigen. Doch keineswegs ihm gegenüber! Eine junge Frau versucht, wie er vorhin, sich vor der Menge auf den Grat zu retten. Es gelingt ihr schlecht. Sie müht sich aus letzter Kraft den Hang hinauf, rutscht ab, klettert wieder nach oben und wird von den feinen Sandkörnern erneut nach unten getragen.

»Versuche es entlang des Hangs!«, schreit ihr Wolfgang zu.

Sie hebt ihr Gesicht, schaut ihn mit ihren blauen Augen flehend an und Wolfgang erkennt in ihr das Hexenmädchen wieder, das ihm zuvor in dem Imbisslokal in Clausthal zwischen den »Trophäenpuppen« aufgefallen ist.

»Verdammt soll sie sein, diese kleine ungläubige Hure!«, werden Rufe in der Menge laut. »Sie ist eine Schande für unser Volk!«

Endlich ist die junge Frau erfolgreich in ihren Bemühungen, sie ist zum Greifen nahe, Wolfgang reicht ihr seine Hand und zieht sie hoch auf den Kamm des Hügels. Nun fühlen sich beide verhältnismäßig sicher, aber noch nicht endgültig der tödlichen Gefahr entronnen.

»Das ist der Wilde Mann! Das ist der Wilde Mann!«, skandieren die erbosten Sittenhüter, nachdem sie Wolfgang entdeckt haben.

»Seht hin!«, erklingt alsbald auch die Stimme von Hildegard von der anderen Hügelseite. »Auch noch ein Wildes Fräulein, gar eine Hexe, hat er sich mitgebracht! Töten wir sie beide!«

Zeitgleich hallt es von der Beduinenseite echoartig wider: »Töten wir sie! Töten wir sie!«

Das Hexenmädchen sieht ihn verängstigt an und fragt: »Bist du der Wilde Mann?«

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Der Brockenwicht

Der Brockenwicht

Novelle von Nikolaus Warkentin
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Es gibt keine Zeit mehr, um ihr zu antworten, denn beide Gruppen machen Anstalten zum Erstürmen der Düne, auf der Wolfgang und das Mädchen Zuflucht gefunden haben.

»Lauf so schnell du kannst hinter mir her!«, brüllt er voller Angst und Panik der jungen Frau ins Gesicht und rennt los.

Er läuft unbeirrbar auf dem schmalen Grat und weiß nicht mehr, ob das Hexenfräulein ihm noch folgt. Es interessiert ihn im Augenblick recht wenig, er will nur weg von hier! Er läuft, und läuft, und läuft, bis ihm vor Erschöpfung schwarz vor Augen wird …

Sein Traum hatte ein jähes Ende. Ob kürzlich ein Auto auf der Straße vorbeigefahren war und ihn geweckt hatte oder ein Vogel in seiner Nähe laut gezwitschert und ihn aus dem Schlaf gerissen hatte, konnte Wolfgang nicht nachvollziehen. Er wusste nur eins: Plötzlich hatte er sich auf dem Sitz seines Autos mit weit aufgerissenen Augen wiedergefunden. Er starrte völlig abwesend auf das Armaturenbrett und verstand noch nicht ganz, was er hier machte. Auf seiner Zunge hatte er noch den Geschmack des Sandes, mit dem er vorhin die Bekanntschaft gemacht hatte, und er erinnerte sich noch an alle Einzelheiten seines Ausfluges in die Wüste. Was war es gewesen, fragte er sich. Mit der Realität hatte das Ganze nicht das Geringste zu tun, das stand für ihn fest, es konnte nur ein Traum gewesen sein. Er hatte also geschlafen, begriff er endlich den aktuellen Stand der Dinge, sah auf die Uhr und musste mit Entsetzen feststellen, dass es schon halb acht war. Die Sonne war schon fast untergegangen und vergoldete noch mit den letzten Strahlen das kahle Haupt des großen Berges, der majestätisch vor Wolfgang lag.

»Verdammt!«, schimpfte er laut, denn es war eher kein Mensch weit und breit zu sehen, der ihn hätte hören können. »Wie lange habe ich denn geschlafen?«

Die Stunden nachzuzählen, die seit seinem Entschluss, eine Pause zu machen, verstrichen waren, stellte keine besonders schwierige mathematische Aufgabe dar, aber er zog es vor, seine Frage unbeantwortet zu lassen, denn er hatte dafür keine Zeit. Er musste heute noch bis nach Thale kommen, dafür brauchte er laut seiner Schätzung noch weit über eine Stunde, wohlgemerkt, bei normaler Fahrgeschwindigkeit und nicht mit einem kaputten Auto, und er musste dort vor allem noch eine Unterkunft finden. Wie die Leute in Thale auf einen späten Gast reagierten, der um Mitternacht noch nach einem Zimmer suchte, wusste Wolfgang nicht – er war bisher auch sonst noch nie mit den »Ossis«, so nannte man im Westen scherzhaft die ehemaligen DDR-Bürger aus den neuen Bundesländern, in Berührung gekommen und hatte keine Vorstellung von ihren Gepflogenheiten.

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Des Teufels Steg - Wenn sich die Pforte schließt von Nikolaus Warkentin

Kurzinhalt

Wolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.
Nikolaus Warkentin

Über den Autor

Name: Nikolaus Warkentin
Geboren: 1962
Hauptberuf: Unternehmer
Hobby: Reisen
Veröffentlichungen: 3
Reiseroman: 1
Novelle: 1
Roman: 1
Kontakt: » E-Mail Nachricht
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Aufrufe: 7.892
Online Seiten: 233
PDF Downloads: 0
PDF Seiten: 518
EPUB Downloads: 0
EPUB Seiten: deviceabhängig
Druckzeichen: 1107796
Druckwörter: 202846
Buchseiten: 711
Erschienen: March 2024

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