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Des Teufels Steg: Seite 30
Der Harz duftete betörend nach kühler Frische. Es roch nach feuchtem Moos, das die Zweige, die Stämme sowie die aus der Erde herausragenden Wurzeln der tiefgrünen Tannenbäume des dichten, dunklen Nadelwaldes zu beiden Seiten der Straße mit einer dicken Schicht wie ein Polster überzog. In den letzten Tagen hatte es endlich geregnet, ein heftiges Gewitter war über das Gebirge gezogen und die langersehnte Abkühlung nach der Hitzewelle Anfang August gebracht. Der Boden hatte sich mit Wasser vollgesogen und gab nun die Feuchtigkeit an die Pflanzen weiter, die das Auge mit ihrem saftigen Grün erfreuten. Die Sonne schien an diesem Nachmittag vom wolkenfreien Himmel, aber es war nicht heiß, höchsten zwanzig Grad hätte ein Thermometer angezeigt, falls Wolfgang eins zur Hand gehabt hätte. Die Gegend war leicht hügelig, glücklicherweise ohne große Höhenunterschiede, sodass der untröstliche Verkäufer mit seinem alten Kameraden langsam von Hügel zu Hügel vor sich hin tuckern konnte, ohne große Schwierigkeiten zu haben. Ziemlich schnell hatte Wolfgang den richtigen Dreh herausgehabt, wie man mit der neuen Fahrweise des Autos umgehen musste, um einigermaßen zügig vorwärtszukommen. Es überholte ihn keiner und nur selten kam ihm ein Wagen entgegen, womit Wolfgang gar nicht so unglücklich war, denn dass die Leute dumme Bemerkungen seinetwegen beim Überholen machten, wäre sein allerletzter Wunsch gewesen. Hin und wieder, wenn er über die Kuppe eines weniger bewaldeten Hügels fuhr, sah er den geheimnisvollen Berg, den Brocken, von dem der Wirt aus dem Imbisslokal gesprochen hatte. Wolfgang kam ihm mit jeder Sichtung immer näher und konnte schon bald die Details der Anlagen auf dem Gipfel deutlich erkennen, der »Hexenjäger« hatte recht gehabt, er musste auf seinem Weg an dem Berg vorbei. Er hatte schon mehrmals in seinem Leben von ihm gehört, ja bereits in der Schule etwas von Faust und Mephistopheles erfahren, die dort unterwegs gewesen sein sollten, aber wenn Wolfgang sich den mysteriösen Berg anschaute, war es am Ende doch nur ein normaler Hügel, aber halt etwas größer als die anderen, die ihn umgaben. Die deftige Erbsensuppe von heute Mittag lag schwer im Magen und die monotone Fahrt machte Wolfgang schläfrig trotz des Lärms, den sein Fiesta in der idyllischen Stille des Hochharzes verursachte. Nicht einmal der frische Fahrtwind, der durch die offenen Fenster ihm ins Gesicht blies, konnte ihn mehr aufmuntern. Er entschloss sich, eine Pause einzulegen – dass er noch irgendwo im Straßengraben landete, entsprach nicht seinen heutigen Plänen.
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Breitscheid hielt am Straßenrand auf einer Anhöhe, von der er den Brocken ganz gut sehen konnte, stieg aus und lief einige Runden um das Auto herum, um wieder wachzuwerden. Das half einigermaßen. Alsdann stieg er wieder ins Auto, saß aber noch eine Weile nachdenklich, anstatt gleich loszufahren, und sah sich den sagenumwobenen Berg an. Was war es für eine mysteriöse Kraft, die von ihm ausgehen sollte, fragte er sich. Was waren es für Hexengeschichten, die man sich im Harz erzählte? Waren es nur Spinner wie der »Hexenjäger« von vorhin, die in ihrer eigenen Welt der Verschwörungstheorien lebten und sie verbreiteten, weil sie andere daran teilhaben lassen wollten, oder war an den Geschichten etwas Wahres dran? Er sah sich die ganze Zeit den Berg an, während er nachdachte, und merkte nicht, wie seine Lider schwer wurden. Seine Augen schlossen sich sanft und ehe er sichs versah, schlief er schon zurückgelehnt im Fahrersitz. Vermutlich ging es noch auf das Konto des übermäßigen Alkoholkonsums der letzten Tage, vielleicht war auch einfach der Stress während der Fahrt der Grund für seine Schwäche oder seine alte Bekannte, die Schwellung in seinem Kopf, machte sich auf diese Weise bemerkbar, aber Morpheus hatte keine große Mühe gehabt, Wolfgang in seine Welt der süßen Träume zu entführen. Allerdings träumte der »Entführte« einen bösen Traum: Es war ihm, als sei er mitten in der arabischen Wüste zwischen zwei Zügen großer Sanddünen, die sich vor wie hinter ihm bis zum Horizont erstrecken. Ihm gegenüber steht ein Heer von geharnischten Frauen mit Schwertern und Lanzen, hunderte an der Zahl, und sie alle haben das Gesicht seiner Exfrau Hildegard. Er selbst, gekleidet in eine luftige, schneeweiße Dischdascha und eine rotweißkarierte Kufiya, fixiert mit einem Ring, als Kopfbedeckung, befehligt eine kleine Einheit von ein paar dutzend Frauen mit Marthas Antlitz, die nur spärlich gegen die Übermacht gewappnet sind – jede trägt nur einen kläglichen Dolch zu ihrer Verteidigung. Nun ruft ihm die Anführerin der Hildegards zu: »Du elender Schuft, du hast nicht auf mich gehört, als ich sagte, du sollst die Finger von Anna lassen. Du hast dich mit ihr heimlich getroffen und Unwahrheiten über mich erzählt! Es schlägt die Stunde der Gerechtigkeit, du wirst vernichtet, wie ich dir versprochen habe.« Die Sache scheint verloren, trotzdem erteilt Wolfgang seinen treuen Marthas den Befehl zum Angriff. Doch die Frauen wenden sich plötzlich gegen ihn und verbünden sich mit dem großen Heer. Er kann nichts mehr gegen diese Horde aggressiver Frauen ausrichten, er flieht! Er läuft um sein Leben durch den knöcheltiefen Sand, seine Beine verheddern sich in dem Saum seines langen Kaftans, seine Füße bleiben in dem lockeren Sand stecken. Er fällt, steht auf, läuft weiter und kommt kaum voran, während Hildegard und Martha ihm auf den Fersen folgen, um seiner habhaft zu werden. Auf den Hügel! Ein Geistesblitz schießt durch seinen Kopf: Auf den Hügel! Schnell! Die steile Flanke der Düne ist für die schwer gerüsteten Kriegerinnen nicht überwindbar!
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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