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Des Teufels Steg: Seite 29
»Tragen Sie jetzt nicht zu dick auf?« Wolfgang wollte es noch nicht ganz glauben, dass sich die Menschen heutzutage noch mit solchen Geschichten von Geistern, Hexen und Teufeln allen Ernstes beschäftigten. Aber bei dem Mann schien genau das der Fall zu sein. »Wenn Sie meinen …«, sagte der Wirt sarkastisch und stand auf, für ihn war die Offenbarungsstunde nunmehr beendet, die Gunst des Augenblicks war vorbei, denn im nächsten Moment schritt der Mann bereits zu seiner Theke und Wolfgang bedauerte in höchstem Maße, dass er aus ihm nicht mehr hatte herauskriegen können. »Ach ja«, erinnerte sich der Geschäftsreisende, »könnte ich bitte noch eine Quittung bekommen, für das Essen? Mein Chef will immer alle Belege haben.« Er stand ebenfalls auf und ging zu Theke, wo der Wirt für ihn schon die Quittung ausstellte. Es war Zeit zum Aufbrechen, er musste heute noch einiges an Strecke machen. »Hier bitte.« Der Inhaber reichte ihm den Beleg über den Tresen. »Alles korrekt und finanzamttauglich: Acht Mark und fünfzig Pfennig – Verzehr von Speisen und Getränken.« »Okay, vielen Dank«, sagte Wolfgang und sah flüchtig auf das ausgefüllte Quittungsformular. Alles schien korrekt zu sein: Die Anschrift des Lokals, der Betrag und der Verwendungszweck – es fehlte nichts, soweit er es beurteilen konnte. »Dann machen Sie es mal gut! Tschüss.« »Passen Sie gut auf sich auf«, brummte der Wirt noch zum Abschied und Wolfgang zog die Eingangstür hinter sich zu. Der etwas aus dem Konzept gebrachte Weinvertreter saß noch eine Zeit lang im Auto, ohne den Zündschlüssel umzudrehen, sah tiefsinnig auf das geheimnisvolle Lokal aus dem Fenster und versuchte zu verarbeiten, was er gerade erlebt hatte. Dass der Inhaber nicht alle Tassen im Schrank hatte, bestand für Wolfgang gar kein Zweifel. Irgendwas stimmte mit ihm jedenfalls nicht. Aber was war denn das überhaupt für ein Laden? Der Wirt hatte doch gesagt: »Wir sind die Hexenjäger!«, erinnerte sich Wolfgang. Also musste es noch ein paar von der Sorte geben, die sich offensichtlich in dieser Kneipe, höchstwahrscheinlich ihrem Vereinslokal, regelmäßig versammelten, um dort … Ja, um eigentlich was zu machen? Das war die große Frage. Mit Biertrinken während dieser Sitzungen war für die Leute die Sache wohl noch nicht getan, vermutete der Weinhändler zu Recht. Was beinhaltete übrigens diese Hexenjagd, nach der die Verrückten ihren Verein benannt hatten? Sie liefen doch nicht etwa mit einer Flinte durch die Gegend und schossen jede Frau ab, die ihrer Meinung nach eine Ähnlichkeit mit dem Bild einer Hexe hatte, das in ihren Köpfen steckte? Das hätte man doch annehmen können, wenn man den Wirt »Trophäen« in Bezug auf die Hexenfiguren in der Wirtschaft sagen hörte! Aber allein schon der bloße Gedanke daran, dass er es in Betracht zog, trieb ihn in den Wahnsinn und ließ ernsthaft an seinem Verstand zweifeln. Denn wer würde sonst noch solche abartigen Fantasien in seinem Kopf erblühen lassen, außer einem Irrsinnigen oder eben einem Hexenjäger, der unter »Trophäen« zweifelsohne Jagdtrophäen verstand, und es wären dann aller Logik nach die von ihm erlegten Hexen gewesen. Es war eine äußerst dunkle Geschichte und Wolfgang sah sich geistig nicht in der Lage, noch länger darüber nachzudenken. Er ließ es vorerst sein.
(?)
Mit dem Fiesta stimmte etwas nicht. Das merkte Breitscheid sofort, als er den Motor startete. Ein ungesundes Ruckeln ging durch das ganze Auto, schon im Leerlauf vibrierte im Innenraum alles wie bei einer Fahrt über ein Waschbrett. Nicht genug, dass der Kleine schon Geräusche eines Traktors von sich gab, jetzt wollte er auch nicht mehr richtig aufs Gas hören, man musste viel Geduld aufbringen, wenn man auf das Pedal trat. Erst mit einigen Sekunden Verzögerung reagierte der Motor und heulte derart auf, dass sämtliche Vögel in der Umgebung sich aufgescheucht in die Lüfte schwangen und in Eile davonflogen. Wolfgang versuchte anzufahren und scheiterte zunächst wie ein blutiger Anfänger, der Motor ging aus. Erst beim zweiten Versuch gelang es ihm unter Berücksichtigung der neuen Gegebenheiten, das Vehikel in Bewegung zu setzen. Der Wagen hopste auf der Fahrbahn wie ein verspielter Hase, beschleunigte unerwartet von selbst und verlangsamte sich willkürlich, wenn es ihm danach war, aber er fuhr, zwar langsam, aber dennoch nach vorn. »Das fehlte noch«, ärgerte sich Wolfgang über sein Schicksal. Es war ihm bewusst, dass heute Sonntag war und alle Werkstätten geschlossen waren, sogar in Hannover, von dieser ländlichen Gegend ganz zu schweigen. Er konnte also keinen um Hilfe bitten und war somit auf sich allein gestellt. Der Fiesta hörte sich so an – wenn man das Knattern des Auspuffs gedanklich ausblendete –, als ob er nur mit drei oder gar mit zwei Zylindern fuhr statt mit vier, wie es vorgesehen war. Es wäre auch keineswegs nach der Steigung, die er vor dem Mittagessen hatte bewältigen müssen, verwunderlich gewesen, dass eine Zündkerze durchgebrannt war und der Motor nun völlig aus dem Takt geriet. Wolfgang war zwar kein Automechaniker, aber er kannte einen und dieser hatte ihm das Ganze vor langer Zeit bei einem Bier erklärt, und darüber hinaus war Breitscheid schon mal etwas Ähnliches passiert, damals hatte der Wagen die gleichen Symptome gezeigt. Nun änderte aber der Umstand, dass er eine vage Vorstellung davon hatte, was seinem Auto fehlte, nichts an der gegenwärtigen Situation: Er konnte den Fehler nicht beheben und musste einfach so weit wie möglich kommen, solange der Fiesta ihn noch trug, zumal er Clausthal mittlerweile hinter sich gelassen hatte, sodass er in der Tat nur auf sich zählen konnte und darauf hoffen, dass der Kleine durchhielt.
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KurzinhaltWolfgang Breitscheid, ein Handelsreisender in Sachen Wein aus Hannover, findet sich plötzlich in der Zeit des Spätmittelalters wieder, während er eine ungeplante Verkaufsreise in den Harz unternimmt. Sein neuer Bekannter, ein Schriftsteller namens Richard Knöpfle, besitzt diese Fähigkeit nicht, aber während er nach dem unerwartet verschwundenen Weinvertreter sucht, stößt er auf eine Zusammenkunft von Rechtsradikalen aus Jena, die im Harz ein Hexenfeuerfest feiern. Derweil sich Richard mit der arischen Vereinigung auseinandersetzt, macht Wolfgang Bekanntschaft mit der Heiligen Inquisition. Es kommt zu einer entscheidenden Schlacht zwischen Gut & Böse und das Edle gewinnt – vorerst, denn das Übel ist nur schwer zu besiegen.Über den Autor
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